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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.10.2015

Serhij Zhadan: "Mesopotamien"Liebessehnsucht in hoffnungslosen Zeiten

Von Jörg Plath

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Der ukrainische Autor Serhij Zhadan (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Der ukrainische Autor Serhij Zhadan (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Im ostukrainischen Charkiw lässt Serhij Zhada seinen Roman "Mesopotamien" spielen. Es herrscht Krieg - und niemand hat die Absicht, sich zu ergeben. Zhada fängt den Kampf um Liebe und ums Überleben in einer vom Bürgerkrieg paralysierten Ukraine ein.

In Serhij Zhadans "Mesopotamien" herrscht kein Nebukadnezar. Sein Zweistromland heißt Charkiw. In der ostukrainischen Stadt geht es so unbändig brutal und maßlos liebevoll zu wie einst vielleicht bei den Sumerern. Umgeben von zwei Flüssen zerfällt sie in Ober- und Unterstadt, "privater Sektor" und Armenviertel. Leben und Tod, Liebe und Hass, Zukunft und Vergangenheit sind in Charkiw zuhause, außerdem allerlei Sprachen, Kulturen und Religionen.

In der ziemlich unübersichtlichen Gemengelage muss jeder Protagonist Zhadans allein seinen Weg finden. Im Kampf um Respekt und Liebe hilft auf Dauer niemand, auch nicht die Familie, und das nützliche Gleichgewicht der Verachtung ist labil:

"Auf der Straße werde wieder geschossen, sagte sie noch, der Krieg gehe weiter, und niemand habe die Absicht, sich zu ergeben."

Von neun "Geschichten und Biographien" erzählt der erste Romanteil. Es sind rasante Achterbahnfahrten: Der Boxer Marat wird auf dem Weg zum Zeitschriftenkiosk erschossen; Sonja schläft auf ihrer Hochzeit mit dem alten Freund Danylo, was zu einer Massenschlägerei führt; der Kleinunternehmer Jura fühlt sich auf der Tuberkulosestation wohl, weil ihn dort sein Gläubiger nicht findet.

Die Männer und Frauen sind meist zwischen 30 und 40, sie spüren, die jugendliche Kraft ist geschwunden, und mancher begrüßt die Form, die die Pflicht seinen "Macken" gibt. Verglichen mit westeuropäischen Existenzen sind ihre Tage und Nächte allerdings immer noch sehr wild: Nasen werden platt geschlagen, eine "Leber aus Stahl" ist Gold wert, die Liebe gilt nur was, wenn es blutet.

Zhadan, 1974 geboren, einer der besten Erzähler seines Landes, sucht angesichts nachlassenden jugendlichen Überschwangs nach gemeinsamen Werten und Zielen – und fängt zugleich die Agonie, den Überlebenskampf in einer vom Bürgerkrieg paralysierten Ukraine ein.

Temporeich, witzig, sarkastisch

Im Zentrum stehen hitzige Annäherungen und Abstoßungen der Geschlechter. Erzählt wird, auch dank der Übersetzung von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr, temporeich, mit Witz, Ironie und Sarkasmus. Die Biografien spielen, einem Reigen nicht unähnlich, alle im selben Viertel unter Freunden, Gegnern und Nachbarn; manche schildern dieselben Ereignisse aus anderer Perspektive. Zwischen dem Totengedenken zu Beginn und dem Abschiedsfest eines Todkranken am Ende herrscht die Liebessehnsucht.

Wie dünn dieses vorherrschende Motiv ist, erweist neben den Männerfantasien von selbstständigen, sexuell freizügigen Frauen die USA-Reise eines jungen Mannes: außer vorzeitigen Ejakulationen nichts gewesen.

Vielleicht hätte Zhadan das Fantasmagorische des Zweistromlandes, die Liebes-"Zöllner", Hexen und antiken Versatzstücke, weniger sparsam den spätpubertären Fantasmagorien beimischen sollen.

Der kurze zweite Romanteil, ironisch "Erläuterungen und Verallgemeinerungen" betitelt, reflektiert über Motive und Themen des ersten in Gedichten. Sie fallen ab. Die Liebe wird nun mit Jesus assoziiert, der Dichter erscheint als hilfloser Heiland, der gegen das Vergessen des Miteinander kämpft.

"Mesopotamien" ist kein Meisterwerk. Aber über weite Strecken erzählt Serhij Zhadan in diesem Roman mitreißend rhapsodisch von der Sehnsucht nach Liebe in einer hoffnungslosen Welt.

Serhij Zhadan: Mesopotamien
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
365 Seiten, 22,95 Euro


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