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Länderreport | Beitrag vom 11.01.2018

Seltener Dialekt: Halunder auf Helgoland"Es wird so oder so sterben"

Von Johannes Kulms

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Die sogenannte "Lange Anna" auf der Insel Helgoland (imago/blickwinkel)
Von den rund 1400 Helgoländern sprechen rund 200 Halunder. (imago/blickwinkel)

Nur noch rund 200 Helgoländer sprechen Halunder, das Helgoländische Friesisch. Inselbewohner und Sprachwissenschaftler sind sich einig: Den Dialekt wird es in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben.

Peter Botter ist ein waschechter Helgoländer. Der 62-Jährige ist Hafenaufseher und sitzt an diesem Dienstagvormittag an seinem Arbeitsplatz im Hafenbüro.

Botter spricht normales Hochdeutsch wie der Großteil der rund 1400 Helgoländer. Doch genau so gut kann er von einem Moment auf den anderen ins Helgoländische Friesisch wechseln– dem Halunder. Zum Beispiel, um das bisherige Tagesgeschehen zusammenzufassen. Um dann gleich die Übersetzung ins Hochdeutsche hinterherzuschicken:

"Ich hab Ihnen gesagt, wie hier das Wetter ist, wir haben zur Ost-Süd-Ost Zeit sieben bis acht Windstärken. Unser Fahrgastschiff von Cuxhaven hat abgesagt wegen der veränderten Wetterlage und wird morgen dann zu veränderten Fahrzeiten nach Helgoland kommen, wenn das Wetter es zulässt."

Botter ist gelernter Bootsbauer. Als er sein Handwerk in den 70er-Jahren lernte, habe er noch den ganzen Tag Helgoländisch gesprochen. Doch im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gab es immer weniger Leute, mit denen Botter sich in dem friesischen Dialekt unterhalten konnte.

"Ich bin hier vor 18 Jahren im Wasser- und Schifffahrtsamt angefangen im Hafenbüro, da hatte ich noch zwei Kollegen, mit denen ich Helgoländisch sprechen konnte. Jetzt habe ich keinen Kollegen mehr. Ich sprech mit `m Spiegel. Aber der antwortet mir nicht mehr."

Kaum noch jemand spricht Halunder

Peter Botter ist nicht nur Hafenaufseher, sondern auch Bürgervorsteher von Helgoland. Wie viele auf der Hochseeinsel noch Halunder sprechen? Er hat keine genaue Zahl, aber mehr als 200 seien es wohl nicht mehr, schätzt Botter. Natürlich mache ihn das traurig. Dass die Helgoländer im 20. Jahrhundert gleich zweimal über mehrere Jahre von ihrer Insel evakuiert wurden, habe sprachliche Abbrüche geschaffen, die gerade die Jugend zu spüren bekam, die in der Zeit auf dem Festland die Schule besuchte.

"Es ist jetzt sehr schwer, das aufzufangen. Oder ich hab die Befürchtung, dass es nicht aufzufangen ist. Wir in der Familie haben das noch hingekriegt, dass die Kinder Helgoländisch sprechen. Aber es werden immer weniger, weil bei vielen immer einen Teil von der Ehe ist vom Festland beim Ehepaar. Und da ist das eben einfach auf der Strecke geblieben."

Auch wenn Halunder auf der Insel im Kindergarten und in den Schulen den jungen Leuten nahe gebracht wird ist, Botter sicher: In wenigen Jahrzehnten wird das Helgoländische Friesisch verschwunden sein.

"Also, wenn mein Jahrgang und die, die nach mir kommen, nicht mehr da sind, dann denke ich, wird es schwierig für meine eigenen Kinder – außer dass die untereinander sprechen – überhaupt noch jemanden zu finden – der ihnen noch antwortet."

Das Wörterbuch ist noch nicht fertig

Doch nicht nur die Helgoländer kämpfen um ihre Sprache. Auch auf dem Festland versucht man, das Halunder irgendwie zu bewahren – zumindest schriftlich! Im nordfriesischen Bredstedt steht ein Einfamilienhaus, das bis unters Dach vollgestopft scheint mit Literatur über die friesische Sprache und ihre Kultur. Das Helgoländische spielt dabei eine ganz besondere Rolle.

Seit exakt einem halben Jahrhundert nun arbeitet Nils Århammer an einem wissenschaftlichen Wörterbuch über das Halunder. Inzwischen ist der gebürtige Schwede 86 Jahre alt. Und das Wörterbuch ist immer noch nicht fertig. Århammar greift zu einem dicken Stapel Papier.

"Dies hier ist das Wörterbuch … Meine Frau kommt leider nicht nach mit all meinen Ergänzungen und Korrekturen."

Bereits während seines Germanistik-Studiums in Uppsala entdeckte Århammar die Frisistik. Später hielt er Professuren in den Niederlanden und in Flensburg. Zudem war er viele Jahre lang Direktor des Nordfriesischen Instituts in Bredstedt.

"Die Sprache lebt ja"

Hunderte Stunden an Interviews mit den Helgoländern über ihre Heimatsprache hat Århammar gesammelt. Seine Frau Ritva unterstützt ihn schon lange bei der Erstellung des Wörterbuchs. Die gebürtige Finnin hat dafür extra Halunder gelernt. Dass das Werk bis heute zwar 350 Seiten stark, aber immer noch nicht fertig ist, liegt auch daran, dass die notwenigen Gelder für das Projekt immer nur spärlich flossen. Ein Sisyphos-Projekt? Die 66-Jährige widerspricht:

"Sisyphos ist kein Ausdruck. Weil, die Sprache lebt ja. Und gerade so eine kleine Sprachgemeinschaft wie Helgoland, mit den Generationen ändert sich die Sprache ganz rapide. Und das ist immer wieder eine neue Herausforderung zu sehen, was von dem alten noch übrig ist, wie entwickelt sich die Sprache weiter."

Lange Zeit schien Nils Århammar recht zuversichtlich. Doch wenn er heute auf die Arbeit, aber auch das Schicksal des Helgoländischen Friesisch blickt, klingt er ernüchtert. Wir können wohl nur noch Sterbebegleitung leisten, meint er. 

"Es wird so oder so sterben. Und dann ist die Frage, ob man mit Kampf und Krampf versuchen soll, das zu verhindern. Wozu?"

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