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Zeitfragen | Beitrag vom 29.05.2017

Segnungen der TelemedizinWie die Charite Herzpatienten in ganz Deutschland betreut

Von Philip Banse

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Arbeit am Patienten - auch am Bildschirm (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Telemedizin: Der Patient misst Blutdruck, Blutsauerstoff oder sein Gewicht zuhause und übermittelt die Daten dann an die Klinik, wo sie interpretiert werden (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Ärzte an der Berliner Charité betreuen bundesweit rund 750 Herzpatienten in einem Pilotprojekt. Die Telemedizin kann für mehr Sicherheit sorgen, Einweisungen ins Krankenhaus vermeiden und den Ärztemangel auf dem Land lindern.

"Mein Name ist Renate Hadel, ich werde 81 Jahre und bin Berlinerin, habe eine große Tochter, einen Enkelsohn und einen Urenkel. Ich war sehr krank, weil ich einen großen Herzfehler hatte. Mir mussten zwei Herzklappen ausgetauscht werden."

Zehn Stunden hat die Operation gedauert. Es folgten Monate im Krankenhäusern und Kurkliniken. Als die 80jährige Renate Hadel kürzlich in ihre kleine Wohnung im Norden von Berlin zurückkehrte, galt sie als Risiko-Fall: Wenn Menschen mit Herzschwäche aus der Klinik kommen, ist die Gefahr groß, dass sie gleich wieder ins Krankenhaus müssen. Weil der Zustand sich verschlechtert, weil EKG und Sauerstoffgehalt im Blut zu selten gemessen, Probleme zu spät erkannt werden.

Deswegen vermittelte ihre letzte Kur-Ärztin Renate Hadel in ein großes Forschungsprojekt: Ärzte an der Berliner Charité untersuchen, ob sie Patienten aus der Ferne per Telemedizin so gut betreuen können, als würden diese laufend zum Arzt gehen.

Die Waage registriert jedes Glas Wasser

Renate Hadel geht in ihr Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch neben ihrem Bett steht die Technik, mit der sie sich jeden Morgen zwischen 7 und 10 Uhr vermisst: Den Herzfrequenzmesser muss sie sich nur auf die Brust drücken; ein Finger-Clip für den Blutsauerstoff, ein Blutdruck-Messgerät. Auf dem Teppich steht eine Waage, auf 50 Gramm genau, sie registriert jedes Glas Wasser, das Frau Hadel trinkt. Außerdem muss Frau Hadel auf einem Tablet antippen, wie es ihr geht, 1 bis 6, wie Schulnoten. Alle Messwerte werden sofort an das Berliner Universitätsklinikum Charité übermittelt.  

"Für mich selber ist der Effekt, dass ich mich sicher fühle. Denn man hat ja immer ein unduftes Gefühl und wenn was wäre, würden die sich sofort melden. Man hat ja immer Angst, dass noch mal was kommen könnte, und dadurch fühle ich mich sehr gut überwacht. "

Denn alle Messwerte von Renate Hadel landen sofort auf den Bildschirmen von vier Pflegern in einem Raum der Charité in Berlin-Mitte, die auch telefonisch im engen Kontakt mit den Patienten stehen:

Pfleger: "Ne? Und wie schätzen sie denn sonst so die Lage ein? Wie sehen denn seine Beine aus? Sind die Beine eher schlank? .... Perfekt, prima. Ja, genau, das ist ja immer das Entscheidende, worum es geht, mit der Wassereinlagerung. Und was macht denn die Luft bei ihm, die Kurzatmigkeit, wie ist das denn da beim ihm?"

"Die Patienten können ja rund um die Uhr messen, deswegen ist auch rund um die Uhr jemand hier, der sich die Werte anguckt. Wenn sie nachts um elf messen, wird der auch nachts um elf angeguckt."

Oliver Deckwart ist Krankenpfleger und leitet das vierköpfige Team in der Zentrale. Auf seinem Bildschirm kann er die Akten aller Patienten aufrufen, die am Telemedizin-Programm teilnehmen, insgesamt sind das 750 aus ganz Deutschland, Menschen mit Herzschwäche, vom Saarland bis nach Rostock.

Der Computer meldet sich von allein, wenn kritische Messwerte von Patienten eingehen. Die meisten Patienten messen jedoch zwischen 7 und 10 Uhr morgens:

Die Charité in Berlin. (imago/Schöning)Charité in Berlin (imago/Schöning)

"Deswegen ist für uns jetzt auch die Hauptstoßzeit, wo wir uns jetzt alle Werte angucken von allen Patienten, die jetzt messen, beurteilen das, entscheiden auch im Team, ist da jetzt Handlungsbedarf, müssen wir den anrufen? Braucht der eine Wassertablette mehr? Rufen wir den Hausarzt an oder wie wollen wir denn jetzt hier vorgehen?"

Atemnot, dicke Beine oder Wasser in der Lunge

Professor Friedrich Köhler hat das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin an der Charité aufgebaut, vor knapp zehn Jahren. Anlass war die Volkskrankheit Herzinsuffizienz.

"Herzinsuffizienz ist das gemeinsame Endstadium verschiedener Herzerkrankungen. Es beschreibt einfach nur die Unfähigkeit, dass das Herz nicht in der Lage ist, ausreichend Blut zu pumpen. Da gibt es ein sehr einfaches Kriterium: Wie viele Treppen kann man steigen?"

Die späten Symptome sind Atemnot, dicke Beine oder Wasser in der Lunge. Heute leiden 1,2 Millionen Menschen in Deutschland an solchen Herzschwächen, Tendenz steigend.

Gleichzeitig leben die Patienten immer länger. Weil noch dazu die ersten Symptome von Laien nicht zu erkennen sind und also oft nicht behandelt werden, werden immer mehr Herzschwäche-Patienten in Krankenhäuser eingeliefert: In Deutschland sind das tausend Patienten – pro Tag. Über 400.000 jedes Jahr. Das kostet fast drei Milliarden Euro pro Jahr und ist für Patienten unangenehm, die viel lieber zuhause bleiben würden.

"Aber mit der Telemedizin haben wir jetzt jeden Tag Daten von Patienten und können früh sagen: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. "

Denn die Krankheit zeigt sich zuerst in den vielen Messwerten, Ärzte können sehr früh gegensteuern.

"Und damit kann man 25 bis 30 der Hospitalisierungen vermeiden – und das spielt bei der Zahl von 400.000 Hospitalisierungen schon eine große Rolle."

Deswegen habe der Staat auch 22 Millionen Euro für sein Telemedizin-Projekt ausgegeben, sagt Köhler. Das Projekt habe aber noch ein weiteres Ziel: Die medizinische Fern-Betreuung soll gegen den Ärzte-Mangel auf dem Land helfen. Weil in vielen Gegenden Hausärzte zu weit entfernt sind und Fachärzte ganz fehlen, gelte heute:

"Ich sterbe früher, weil ich am falschen Ort wohne. "

Die Lösung für Ärztemangel auf dem Land

Per Telemedizin könnten Patienten auf dem Land überwacht und in enger Absprache mit dem Hausarzt behandelt werden.

"Das heißt: Hausarzt plus Telemedizin auf dem Land ist nicht unterlegen der Regelversorgung in der Metropole. Das ist unsere Hypothese."

Ob seine Forschungen das bestätigen, will Köhler in gut einem Jahr bekannt geben. Doch klar ist schon jetzt: Telemedizin ist kein Allheilmittel, hilft nicht bei allen Krankheiten. Auch müssen Hausärzte mit an Bord sein. Köhler hat 150 Ärzte besucht, wollte sie für sein Projekt gewinnen:

"Ein Drittel sagt: Finde ich super, mache ich sofort mit. Ein Drittel sagt: Warte erst mal ab. Und ein Drittel sagt: Raus. Raus!"

Und Telemedizin braucht Patienten, die mitmachen wollen - und können.

"Ein Patient sagte, ich würde das gern machen, aber meine Frau ist sauer, weil sie noch mehr putzen muss. Sie will die Geräte nicht putzen, die würden ja einstauben. Und dann sagt die Ehefrau, nein, ich will das nicht und dann konnte der Patient nicht mitmachen. Er ist nicht dabei. Ehefrau war nicht zu überzeugen - und dann können wir nichts tun."

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