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Sonntag, 19.11.2017

Wortwechsel | Beitrag vom 18.08.2017

Seenotrettung im MittelmeerHelfer oder Handlanger?

Moderation: Annette Riedel

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Im Vordergrund ein überfülltes Schlauchboot mit Menschen. Im Hintergrund die "Sea Eye" ein Seenotrettungsschiff. (imago/JOKER)
Seenotrettung vor der lybischen Küste. (imago/JOKER)

Helfer, die im Mittelmeer Flüchtlinge von überfüllten Booten bergen, sind umstritten. Sie retten Menschenleben, sagen die Aktivisten selbst. Sie beflügeln das Menschenschleuser Geschäft, glauben ihre Kritiker.

"Nicht wir handeln illegal, sondern die libysche Regierung, wenn sie droht, Rettungsaktionen in internationalen Gewässern mit Gewalt zu verbieten."

So sieht es die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Ihr Schiff wird vorläufig nicht mehr auf Seenotrettungsmission vor Libyens Küste gehen. Schiffe anderer privater Retter bis auf weiteres auch nicht mehr.

Die Einen begrüßen das, weil sich, aus ihrer Sicht, die Helfer zu Handlangern der Menschenschleusern machen. Sie argumentieren, dass die Aussicht aus Seenot gerettet und in einen sicheren europäischen Hafen gebracht zu werden, Flüchtlinge geradezu auffordert, ihr Leben bei der gefährlichen Überfahrt zu riskieren.

Ist das so? Oder wird es, wie die Anderen sagen, ohne die vielen Helfer noch mehr Tote geben, als bisher schon zu beklagen sind? Kann Libyen ein Partner sein, wenn es gilt zu verhindern, dass sich Tausende auf den risikoreichen See-Weg nach Europa machen? Ist es im Sinne der verzweifelten Menschen, über ihr Asyl-Begehren in Auffangeinrichtungen in Nordafrika zu entscheiden – also bevor sie sich in die Hände von Schleppern begeben? Tut die EU genug, um die Ursachen der Flüchtlingsbewegungen zu bekämpfen und um Italien als Haupt-Anlauf-Land zu unterstützen?

Darüber diskutieren im Wortwechsel:

Elmar Brok, CDU-Abgeordneter im Europaparlament und Mitglied im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten

"Man sollte dem striktest entgegentreten. Das hat wirklich nichts miteinander zu tun, insbesondere nichts mit den Flüchtlingen aus Afrika. Aus diesem Grund sollte man nicht jetzt in diese Falle hineinlaufen, die manche aufzustellen versuchen, dass hier ein Zusammenhang besteht."

Erik Marquardt, Mitglied im Parteirat von Bündnis 90 / Die Grünen. Der Fotograf und Fotojournalist hat die Not von Flüchtenden dokumentiert – und sie u.a. als freiwilliger Helfer an Bord eines der privaten Rettungsschiffe im Mittelmeer selbst erfahren

"Es ist eben kein Shuttle-Service. Dort müssen leider täglich Frauen, Kinder und auch Männer in Leichensäcke gesteckt werden. Und wenn die Retterinnen und Retter, die vor Ort unglaublich tolle Arbeit leisten, so diffamiert werden, dann tut das ihnen auch weh und es tut eben auch den Leuten weh, die dann immer schwerer nur gerettet werden können."

Hans-Peter Buschheuer, Sprecher der Seenotrettungsorganisation Sea Eye

"Wir erwarten ehrlich gesagt Schutz von den Einheiten der Operation Sophia (EU- Marineoperation im Mittelmeer, d. Red.), wir erwarten Schutz von der italienischen Küstenwache, dieser Schutz wird uns nicht gewährt bisher. Es gibt einen lahmen Protest der Bundesregierung gegen die Libyer, für uns ist das zu wenig an Garantie, um erneut auszulaufen."

Bettina Rühl, Freie Journalistin und Libyen-Expertin, die das Land mehrmals bereist hat

"Diese Gefängnisse, Lager, safe houses sind furchtbar. Tatsächlich leben die Leute da sehr eng eingepfercht in Zellen. Und tatsächlich gibt es auch Berichte, die auch von der Bundesregierung ernst genommen werden, wonach es Folterhäuser gibt, also Häuser, wo die Flüchtlinge gefoltert werden, um von ihren Verwandten Geld zu erpressen."

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