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Dienstag, 16.01.2018

Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 26.03.2014

Science-FictionDie menschliche Verelendung

"HER" von Spike Jonze

Von Hans-Ulrich Pönack

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Der Schauspieler Joaquin Phoenix (AP)
Der Schauspieler Joaquin Phoenix spielt die Hauptrolle (AP)

Ein einsamer Mann im Los Angeles der Zukunft verliebt sich in das intelligente Betriebssystem seines Computers. Spike Jonze erzählt in "HER" ein zartes Drama über einen Mann, der an seiner unmenschlich kalten Umgebung zerbricht.

Waren die Arbeiten des Produzenten (Erfinder der MTV-Serie "Jackass" und Hersteller des Films zur Serie "Jackass: The Movie"), Drehbuch-Autors, Musik- und Skateboardvideofilmers (2004 für "Hot Chocolate!"), Schauspielers ("Three Kings") und Regisseurs immer schon außergewöhnlich faszinierende filmische Besonderheiten - siehe: "Being John Malkovich" (1999), "Adaption" (2002) und "Wo die wilden Kerle wohnen" (2009) - so steigert er sich hier mit einer ungeheuerlich beeindruckenden, phantasiereichen visionären Vielfalt. Anfang März 2014 wurde Spike Jonze mit dem "Oscar" für das "Beste Originaldrehbuch" für "HER" völlig zu Recht "amtlich" belobigt. Denn: Spike Jonze ist ein wahrer "Kult-Regisseur"!

Wo fangen wir an? Vielleicht so - in einer baldigen sanften Zukunft: In der gibt es in Los Angeles seltsam schön-futuristisch anmutende Hochhäuser, in denen ruhige Menschen wie Theodore Twombly in großzügigen Appartements leben, ausgestattet mit feinem Licht-Blick über prächtige Panoramafenster. Autos existieren offensichtlich nicht mehr, dafür blicken wir aber zumeist auf zufriedene Gesichter von herumlaufenden oder bahnfahrenden Menschen, die meistens ihre elektronischen Kleingeräte ohne Tastatur, dafür mit Sprachbedienung mit sich führen, um unangestrengt und diskret zu kommunizieren.

In einer mentalen Krise

Blicke auf den Nachbarn gibt es kaum, "Körper" hat an Reiz und Blickfang eingebüßt, stattdessen konzentriert man sich auf die kleinen technischen Kontaktmaschinen, in die permanent hineingesprochen wird. Irgendwie herrscht hier eine Zufriedenheit, ohne dass dies näher definiert wird. Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) allerdings ist traurig, irgendwie melancholisch. Er ist bei dem Unternehmen "BeautifulHandwritersLetters.com" als Verfasser von persönlichen Briefen angestellt. Tagtäglich spricht er (be-)rührende Texte in den Computer, einfühlsame Mitteilungen für zahlende Kunden, die das selbst nicht mehr können. Dabei würde er am liebsten selbst mal einen seiner Briefe bekommen.

Theodore befindet sich in einer mentalen Krise. Die bevorstehende Scheidung von seiner Ehefrau Catherine (Rooney Mara) setzt ihm zu. Dies ändert sich schlagartig, als er ein neues Betriebssystem für seinen Computer installiert - mit einem weiblichen Stimmen- und Stimmungslenker: Samantha (Scarlett Johansson). Fortan blüht er auf. Denn Samantha besitzt nicht nur eine bezaubernde, verführerische Marilyn Monroe-Stimme, sondern ist auch mit einer "Künstlichen Intelligenz" versehen, die ständig "wächst".

Kontakt mit einer Computerstimme

"Fortan sind sie ein "Paar". Und erleben genau die gefühlvollen Aufregerdinge, die Zweisamkeit mit sich bringt: Austausch, Glück, Eifersucht, sogar Sex. Natürlich -ohne sich zu berühren. Glücklich streift Theodore jetzt durch die Straßen "mit ihr", zeigt ihr den Strand, nimmt sie auf Partys mit, hat Double Dates in ihrem Beisein. Mit Hilfe seines Kommunikationsknopfes im Ohr sowie dieses kleinen Monitors in seiner Brusttasche, in der Nähe seines Herzens. Eine "echte Beziehung", formuliert er gegenüber seiner nachbarlichen Freundin Amy (Amy Adams), die darüber keineswegs erstaunt ist, pflegt sie doch selber, nach einer "echten" Beziehungsauflösung, intimen "Kontakt" zu einer weiblichen Computerstimme.

Für Theodore ist die körperlose Frau toll. Sie hat viel Verständnis, gibt ihm wertvolle Tipps, lenkt und hilft ihm sogar, ein erfolgreiches Buch mit seinen hochemotionalen Briefen herauszubringen. Scheint alles im Lot ...

US-Schauspielerin Scarlett Johansson auf dem Filmfest in Venedig (AP)US-Schauspielerin Scarlett Johansson auf dem Filmfest in Venedig (AP)

Der Film "HER" irritiert wundervoll. Selten so viel Bauch- und Kopfunruhe erlebt. Die eigene Identität wird immer gläserner bis zur endgültigen allgemeinen Offenlegung. Eine grausliche Vorstellung. Die Verwesung unserer Seelen. Ich habe vor 42 Jahren, anlässlich des Kinostarts des amerikanischen Films "Wer ist Harry Kellerman?" von Ulu Grosbard (mit Dustin Hoffman) als Fazit geschrieben: Es wird uns immer besser gehen, aber wir werden zunehmend verelenden. Was für ein wunderbar reicher und atmosphärischer Spannungsfilm! Wir entwickeln uns immer schneller fort und verlieren dabei – zunächst – unsere Körper, werden stattdessen Teil der modernen Mechanik.

"HER" ist einflussreiches Hörkino, das über die kühnen Design-Motive (grandios: Ausstatter K. K. Barrett), die exzellenten Verführbilder des niederländischen Kamera-Asses Hoyte van Hoytema ("Dame, König, As, Spion") sowie natürlich über die beiden Hauptakteure plausibel wie begeisternd funktioniert.

"HER" ist ein überragendes filmisches Kino-Stück über Menschen und ihre Maschinen-Partner. 

"HER"
USA 2012/2013. Regie: Spike Jonze
Darsteller: Joaquín Phoenix, Scarlett Johansson
Kamera: Hoyte van Hoytema. Musik: Arcade Fire
126 Minuten

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