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Studio 9 | Beitrag vom 22.04.2016

Schule und IntegrationWas Kinder nach der Flucht brauchen

Von Anke Petermann

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Matheunterricht in einem Oberstufen-Kurs (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Viele Jugendliche wollen nach ihrer Flucht aus Syrien in Deutschland Abitur machen und studieren. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Gute Freunde, zugewandte Lehrer, Kunst- und Sportunterricht sind für Kinder nach der Flucht von besonderer Bedeutung. Viele wollen Abitur machen und studieren. Dies ergab die Diskussion bei einer Bildungskonferenz in Mainz.

Mohamad ist 16, Dujeen 18. Der arabische Moslem floh mit seiner Familie vor acht Monaten aus Syrien, die kurdische Jesidin vor einem Jahr. Er besucht die Mittel-, sie die Oberstufe in der Integrierten Gesamtschule Koblenz. Die beide haben denselben Zukunftsplan.

Mohamad: "Mein Ziel ist, Medizin zu studieren und dann den Menschen zu helfen. Und ich liebe Lernen."
Dujeen: "Ich möchte Ärztin werden."

Starker Lernwille steckt einheimische Schüler an

Die Elftklässlerin ist wie Mohamad fest entschlossen, Abitur zu machen. Ihr starker Lernwille steckt auch weniger motivierte einheimische Schüler an, beobachtet die Englischlehrerin und Koordinatorin Antje Schönbach. Wie sie das erreichen: Hart arbeiten, Fachvokabeln pauken und Kontakte knüpfen, ist Mohamads Rezept. "Die Lehrer helfen uns, haben immer ein offenes Ohr", fügt Dujeen an. Und :

"Zum Beispiel: Ich treffe mich zum Beispiel mit einer Freundin, und wir reden jeden Tag deutsch. Sie verbessert mich – alles, was ich falsch sage."

Wenn sich das nicht von allein ergibt, hilft Antje Schönbach als Flüchtlings-Koordinatorin an der Koblenzer Gesamtschule nach:

"Mein Ziel ist es eigentlich, dass es aus Schüler Hand kommt, dass die Schüler-Vertretung SV aktiv wird, dass sich zum Bespiel ganz spontan WhatsApp-Gruppen bilden, wo man sich verabreden kann, oder dass man halt einfach zusammen lebt, wandern geht, spazieren geht, zusammen kocht oder sich einfach nur in den Ferien trifft und was Schönes zusammen macht, weil man dann zusammen lacht und sich zusammen bewegt und vor allem viel voneinander lernt."

Zusätzlicher Sprachunterricht erforderlich

Eine Wochenstunde bekommt Schönbach für ihre Sonderaufgabe, ansonsten organisiert sie ehrenamtlich alles, was Schülern nach der Flucht hilft: von der Auswahl der aussichtsreichsten Leistungskurse übers Vermitteln von fachsprachlichem Förderunterricht der Uni Koblenz bis zu regelmäßigen Treffen der Flüchtlinge mit anderen Schülern, bei Kaffee, Kuchen und bei schönem Wetter im Schulgarten.

Voraussetzung für gelingende Integration ist, so Franz Hamburger, pensionierter Professor für Erziehungswissenschaften, dass sich Schulleitung und Kollegium aktiv und mit einem Konzept dafür entscheiden, Flüchtlingskinder aufzunehmen:

"Das Zweite ist, dass man, so weit es geht, Kinder in ihre altersangemessene Klasse einschult. Diese Kinder brauchen häufig einen Zusatz-Unterricht in der Sprache. Aber diesen Zusatz-Unterricht muss man sehr flexibel organisieren, damit sie in einigen Fächern schon in ihre altersgemäße Klasse eingeschult werden und dort im Sprachbad des Deutschen ihre Lernprozesse gefördert werden."

Bei Mohamad und Dujeen läuft es so. In der Schule helfen können ihre Eltern ihnen nicht, aber beiden ist ihr Rückhalt wichtig. Ohne diese Stütze müssen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auskommen. Rund 90 lernen an einer Karlsruher Schule, die jahrelange Erfahrung mit sogenannter Notfall-Pädagogik hat.

Musik, Sport und Kunst stärken die Kinder

Flucht traumatisiert, und ohne begleitende Familie sind Kinder umso verletzlicher, sagt Bernd Ruf vom Parzival-Zentrum. Was allerdings nicht bedeute, dass jeder Jugendliche an einer Folgestörung erkranke. Pädagogik kann keine Therapie leisten, darin stimmt Ruf mit Professor Hamburger überein. Aber:

"Das, was wir machen als Pädagogen, hat stabilisierende Funktion. Stabilisierende Funktion ist die Grundlage für eventuell später notwendige therapeutische Prozesse, ohne das geht es nicht, und da kann Pädagogik doch sehr viel leisten. Vor allem kann Pädagogik sehr viel dazu beitragen am Anfang einer traumatischen Entwicklung, wenn sich die Symptome noch nicht so chronifiziert haben, wenn die Trauma-Krankheit noch gar nicht ausgebrochen ist."

Die Selbstheilung mobilisieren nämlich. Vor allem Musik, Sport und Kunst stärkten Kinder, indem sie psychische Blockaden lösten. Und mit den Händen zu arbeiten, hat Bernd Ruf beobachtet - erhält oderweckt bei vielen den Mut, das Leben in die Hand zu nehmen.

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