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Mittwoch, 22.11.2017

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.11.2016

Schule und DigitalisierungWir brauchen eine Netz-Verkehrserziehung!

Von Christian Füller

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Ein Junge sitzt mit seinem Schulranzen auf einer Tischtennisplatte auf einem Spielplatz in Berlin und spielt auf einem Smartphone. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Christian Füller fordert "so etwas wie eine Netzverkehrserziehung" an Schulen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

In der Debatte um die Digitalisierung von Schulen gibt es bislang nur Verherrlichung oder Verteufelung. Es sollte endlich sachlich über die Chancen, aber auch über die Risiken der Neuen Medien im Unterricht gesprochen werden, meint der Journalist Christian Füller.

Als Anne Will jüngst über die Digitalisierung der Arbeit sprechen wollte, nahm das Unglück seinen Lauf. Vorne links saß ein Herr, der die Apokalypse dabei hatte. Smartphones würden Kinder dick, dumm und krank machen, schimpfte er. Erst mit 16 Jahren, frühestens mit 14 dürften sie digitale Geräte nutzen.

Als die anderen widersprachen, maulte der Weltuntergangsgestimmte, sie hätten keine Ahnung. "Jetzt lassen sie mich endlich mal ausreden", donnerte Manfred Spitzer. Spitzer leitet die psychiatrische Klinik der Universität Ulm. Sein Problem besteht darin, dass er sich im Fernsehen nicht benehmen kann – und unseres, dass wir ob seiner Lautstärke nicht hören können, wo er tatsächlich Recht hat. Die Rolle der "Kritik an der Digitalisierung" ist in der Gesellschaft nicht rational besetzt - leider.

Smartphones gefährlicher als Atombomben?

Umso deutlicher wurde das, als Bundesbildungsministerin Johanna Wanka jüngst fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen ankündigte. Wanka will das Geld für schnelles Internet an den Schulen, WLan in jedem Klassenzimmer und Tablets ausgeben.

Sofort ging die Debatte wieder los, und zwar umso polarisierter. Ein Kritiker meldete sich mit dem Satz zu Wort, Computer seien gefährlicher als Atombomben. Gehts auch eine Nummer kleiner?

Digital Evangelisten gegen Katastrophisten

Wir geraten zwischen die Fronten der Digital-Evangelisten und der Katastrophisten. Das ist für die Debatte schlecht, aber mehr noch für Jugendliche. Inzwischen haben nämlich neun von zehn Schülern das Internet mit ihren Smartphones immer bei sich. Diese Geräte sind Wissensmaschinen – und bisher kaum verstandenes Teufelszeug.

Blöderweise fallen nun aber genau jene aus, welche die Gesellschaft dazu bestimmt hat, Jugendlichen die wichtigsten Kulturtechniken zu vermitteln: Schulen und Lehrer. In den Schulen ist ein Lehr- und Lernvakuum entstanden. Hier Jugendliche, die mit glitzernden Netzzugangsgeräten hantieren, ohne Risiken wirklich abschätzen zu können. Dort Lehrer, die oft noch mit der Technik kämpfen.

Chancen und Risiken aufzeigen

Was wir brauchen, ist beides: eine vernünftige Einführung in die Chancen digitalen Lernens – und zugleich eine Aufklärung über die Risiken. Eine Aufklärung, die Perspektiven jenseits radioaktiver Verstrahlung aufzeigt.

Die didaktischen Spielräume des Digitalen sind faszinierend: Schüler können mit größerer Reichweite als bisher kooperieren. Individuelle multimediale Schulbücher, die mit dem Gutenberg-Prinzip nur noch wenig zu tun haben, machen Schüler zu Wissensproduzenten. Videolernen und das "umgedrehte Klassenzimmer" eröffnen Freiräume für intensivere Einzel-Betreuung. Diese Möglichkeiten sollten wir Jugendlichen nicht vorenthalten.

Gleichzeitig gibt es Risiken, vor denen wir sie bewahren sollten.

Eine Netzverkehrserziehung fehlt

Schule bereitet Kinder ganz selbstverständlich im Verkehrsunterricht auf die Straße vor. Aber so etwas wie eine Netzverkehrserziehung gibt es praktisch nicht. Die Suchtambulanzen der Unikliniken plädieren längst dafür eine Krankheit namens "Internetsucht" zu definieren. Digitale Fremdbestimmung droht gerade, wenn beim Lernen massenhaft erfasst und gespeichert werden.

Und eine Studie im Auftrag des Familienministeriums zeigt: Über 700.000 Erwachsene suchen über das Netz sexuelle Kontakte zu Kindern und Jugendlichen. Ein Drittel dieser Cybergroomer tarnt sich im Netz – als Kind, mit falschem Namen oder mit einem lustigen Avatars-Symbol. Die Vorstellung von Medienpädagogen, Sechs- bis Zehnjährige könnten im Netz des Tarnens und Täuschens digitale Selbstbestimmung ausüben, ist bestenfalls naiv.

Das Feld nicht den Eiferern überlassen

Auf dem morgen beginnenden "Nationalen IT-Gipfel" wird es wieder vor allem um mehr Tablets, mehr Geld und schnellere Internet-Anschlüsse gehen. Risiken wie Sucht, Datenschutz oder Cybergrooming werden wieder nicht diskutiert. Das ist kein guter Plan. Wir sollten das Feld nicht den Eiferern beider Lager überlassen sondern endlich auch über Risiken reden – problemorientiert und in aller Ruhe.

Christian FChristian Füller (privat)Christian Füller (privat)üller, 52, ist Buchautor (u.a. "Die Revolution missbraucht ihre Kinder", "Die gute Schule") und Journalist mit dem Schwerpunkt Bildung. Er schreibt für Der Freitag, FAZ, Welt am Sonntag und bloggt als Pisaversteher

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