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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2010

Schuld ohne Sühne

Belgien und der Kongo

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Der Kongo (hier Menschen in Kinshasa) hat vielfältige Beziehungen zu Belgien. (AP Archiv)
Der Kongo (hier Menschen in Kinshasa) hat vielfältige Beziehungen zu Belgien. (AP Archiv)

Die in Zentralafrika gelegene Demokratische Republik Kongo gehört zu den rohstoffreichsten Staaten des Kontinents, was dem Land allerdings bis heute statt Wohlstand Krieg und Zerstörung brachte. 1885 war es der belgische König Leopold II., der sich das Gebiet zunächst als Privatbesitz einverleibte. Seine Gouverneure ließen die Menschen vergewaltigen, misshandeln und morden, um den Kongolesen Kautschuk und Elfenbein abzupressen.

Auch nach 1960 - als die spätere belgische Kolonie in die Unabhängigkeit des afrikanischen entlassen wurde - mischten sich die Belgier in die Politik Landes ein und unterstützen den späteren Diktator Mobutu. Unter dessen Herrschaft blutete der Kongo weiter aus. Eine Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe kommt in Belgien erst allmählich in Gang.
Von Beatrice Ürlings

Eine Fahrt mit der Tram 44 ist wie eine Zeitreise durch das Brüssel des ausklingenden 19. Jahrhunderts, als Belgien führende Kolonialmacht in Zentralafrika war. Vor dem Fenster zieht die feine Avenue de Tervuren mit ihren herrschaftlichen Villen im Beaux-Arts-Stil vorbei, der die Zeit prägte. König Leopold II. ließ die Prachtstraße anlegen, um seine Errungenschaft zu feiern: Er hatte es geschafft, sich den Kongo, ein Land 75 Mal so groß wie Belgien, als Privatbesitz einzuverleiben. Dieser Status ist in der ganzen Kolonialgeschichte einzigartig.

An der Grenze zum Brüsseler Vorort Tervuren wird aus der Architekturfahrt eine Safari. Die Tram schlängelt sich durch den Kapuzinerwald. Der Schriftsteller Adam Hochschild würdigt das grüne Idyll keines Blickes. Er spricht vielmehr über den kongolesischen Regenwald, wo die Ranken des wilden Kautschuks wachsen. Leopold II. von Belgien war so versessen auf den Rohstoff, dass er seinen ganzen Freistaat mit beispielloser Grausamkeit versklavte und ausbeutete.

Adam Hochschild: "Leopold hat umgerechnet mehr als eine Milliarde Dollar im Kongo verdient. Seine Privatarmee unterjochte ein Dorf nach dem anderen. Die Frauen wurden als Geisel genommen, die Männer zur Zwangsarbeit in den Regenwald geschickt. Viele arbeiteten sich zu Tode, andere starben, weil sie rebellierten. Niemand konnte mehr fischen, jagen oder Äcker bestellen. Innerhalb von 40 Jahren hat sich die Bevölkerung des Kongo von 20 Millionen auf 10 Millionen Menschen halbiert."

Die Fahrt mit der Tram 44 endet im Brüsseler Vorort Tervuren. Hier befindet sich das prunkvoll schöne Königliche Museum für Zentralafrika. Leopold erbaute es als Art Schaufenster, um seinen ahnungslosen Untertanen eine Musterkolonie vorzugaukeln.

Die Mär vom vorbildlichen Kolonialherren hielten auch die Nachfolger Leopolds über Jahrzehnte mit allen Mitteln aufrecht. Sie kippte erst, als Adam Hochschild 1998 seinen internationalen Bestseller "Schatten über dem Kongo" veröffentlichte, der die belgischen Kolonie-Gräuel bis ins Detail nachzeichnet.

Adam Hochschild: "Belgien hat es wie kein anderes Land verstanden, die Schattenseiten seiner Kolonialherrschaft zu verbergen. Belgier, die die Geschichte aufdecken wollten, wurden ignoriert. Der interessanteste Mann, den ich bei den Recherchen zu meinem Buch getroffen habe, war ein Botschafter namens Jules Marchal. Er hat vier Bücher veröffentlicht, in denen er die wahre Geschichte erzählt. Aber was glauben sie: Nicht eine belgische Zeitung hat ihn je rezensiert."

Im Afrika-Museum von Tervuren wird immer noch das Bild des guten weißen Mannes vermittelt, der den Schwarzen die Verheißung brachte.

Im Museumsfoyer bestaunen belgische Schulkinder einen ausgestopften Savannenelefanten, Reptilien, Masken, Trommeln und Tropenhelme. Sie erleben die Kolonialgeschichte ihres Landes als sorglos-abenteuerliche Erlebniswelt. Direktor Gryseels sieht darin kein Problem. Er weigert sich, sein Museum in ein Mahnmal zu verwandeln. König Leopold, sagt er, sei nur ein Aspekt der belgischen Kongovergangenheit. Sein Land habe durchaus auch Gutes getan.

Guido Gryseels: "Manche sagen, dass der Kolonialismus der Ursprung aller afrikanischen Übel ist. Das ist nicht gerecht. Am Ende der Kolonialzeit war der Kongo das am weitesten entwickelte Land Afrikas. Es gab ein fantastisches Straßennetz und Flughäfen. 96 Prozent der kongolesischen Kinder gingen zur Schule, heute sind es derer nur noch 46 Prozent. Aber ja, Kolonialismus ist natürlich falsch. Der Beitrag unseres Museums zur Wiedergutmachung besteht darin, dass wir hier jedes Jahr 150 afrikanische Wissenschaftler ausbilden."

Auch die postkoloniale Schuldfrage bleibt in Belgien weitgehend ausgeblendet. Am 30. Juni 1960 entließ der junge König Baudouin den Kongo in die Unabhängigkeit. In seiner Rede sagte er: "Die Unabhängigkeit stellt den Erfolg des Werkes da, dass das Genie Leopold II geschaffen hat, das er zäh verfolgte und das Belgien mit Ausdauer fortgeführt hat". Nur einer wagte es zu widersprechen. Der erste Premierminister des unabhängigen Kongos Patrice Lumumba sagte es den Belgiern ins Gesicht: "Wir sind verspottet worden, wir sind beleidigt worden, morgens, mittags, abends, weil wir Neger waren."

Lumumba wurde wenige Monate später umgebracht. Sein Tod wird zumindest indirekt auch Belgien angelastet. Der Mord begünstigte den Aufstieg Mobutu Sese Sekos, den die Belgier hofierten. Justine Kasavubu kann bis heute nicht damit abfinden. Sie ist die Tochter des ersten kongolesischen Präsidenten Joseph Kasavubu, den Mobutu 1965 bei seinem Putsch absetzte. Seither lebt ihre Familie im belgischen Exil.

Justine Kasavubu: "Ich habe eine Weile bei der UNO in Genf gearbeitet. Diesen Posten musste ich aufgeben, denn Mobutu schickte andauernd Leute vorbei, um mich einzuschüchtern. Belgien ist zugleich Richter und Partei meines Exils. Ich lebe jetzt hier, aber das Land hat immer wieder Stellung bezogen, die nicht zugunsten der Demokratie im Kongo war. Ich werde nie die belgische Nationalität annehmen, weil ich die Arbeit meines Vaters fortführen will. Die beste Art und Weise das zu tun ist, Kongolesin zu bleiben."

Justine Kasavubu hat eine kleine Stiftung gegründet, die von Belgien aus Jugendliche in der heutigen Demokratischen Republik Kongo fördert. Das Land befindet sich in einer hoffnungslosen Lage. Die derzeitigen Machthaber konzentrieren sich auf die Bekämpfung von Bürgerkriegen, die Staatsausgaben für Bildung und Gesundheitswesen liegen bei null Prozent. Zum 50. Jahrestag der kongolesischen Unabhängigkeit gebe es nichts zu feiern, seufzt Justine Kasavubu, die auch immer wieder versucht, sich politisch im Kongo zu engagieren.

Justine Kasavubu: "2006 habe ich an der Präsidentschaftswahl teilgenommen. Um anzutreten, musste man 50.000 Dollar hinterlegen. Das ist eine unvorstellbare Summe für die Kongolesen, viele Oppositionsparteien waren damit automatisch ausgeschlossen. Die Belgier haben nie dagegen protestiert. Ich glaube, dass der jetzige kongolesische Präsident Joseph Kabila von Anfang an ihr Wunschkandidat war. Die Europäer glauben immer noch, Strippen ziehen zu müssen. Die Reife des kongolesischen Volkes wird nicht komplett akzeptiert. Das tut mir am meisten weh."

Der Missionar Jo Deneckere hat mehr als die Hälfte seines Lebens versucht, wiedergutzumachen und nachzuholen, was die belgische katholische Kirche im Kongo versäumt hat. Er ging Anfang der Siebzigerjahre in das Land. Es schmerzt ihn, wenn manche behaupten, dass er und seinesgleichen doch nur Eingeborene bekehren wollten.

Jo Deneckere: "Die Missionare meiner Generation brauchten gar nicht mehr zu evangelisieren, mehr die Hälfte der Bevölkerung war sowieso schon getauft. Wir haben uns viel mehr dafür eingesetzt, dass die Bräuche der Kongolesen endlich respektiert werden. Wir haben erreicht, dass der Vatikan zum ersten Mal in seiner Geschichte eine vom Kanon abweichende Liturgie zugelassen hat. Der Ahnenglaube der Kongolesen ist heute ebenso akzeptiert wie ihre Trauerzeremonie, bei der sie Bier auf den Sarg schütten. Das sind schöne Riten, an denen absolut nichts falsch ist."

Jo Deneckere hat 35 Jahre lang im Kongo gelebt. Sein Herz ist immer noch dort. Der Missionar beschreibt die berauschend schöne Natur eines völlig zerstörten Landes. Er ist überzeugt, dass die Belgier dem Kongo den symbolischen Todesstoß verpassten, weil sie die indigene Bevölkerung nie wirklich gefördert haben. Als die Kolonie 1960 ein eigenständiger Staat wurde, gab es gerade Mal 27 Kongolesen mit Universitätsausbildung. Chaos, Misswirtschaft und Totalitarismus waren programmiert, sagt Deneckere.

Jo Deneckere: "Ich bin stolz darauf, dass wenigstens die Kirche der Bevölkerung treu geblieben ist. Wir haben selbst dann noch Schulunterricht gegeben, als Mitte der 90er-Jahre die Stammeskriege ausbrachen. Das verfolgt mich bis heute. Weil es so grausam war. Und weil es unser ganzes Engagement in Frage stellt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ehemalige Schüler von mir Kindersoldaten angeheuert haben. Fast alle Verantwortlichen der heutigen Unruhen im Kongo sind aus unseren katholischen Schulen hervorgekommen. Das tut weh und ich habe keine Erklärung dafür."

Auch vor der eigenen Haustüre haben die Belgier noch viel aufzuholen. Im Brüsseler Stadtteil Matonge hat sich die kongolesische Diaspora ein kleines Stück Heimat aufgebaut. Es gibt bunte Stofftücher aus Wachs zu kaufen, Kokosnussöl für die Haare, Dumplings aus Yamswurzel und getrocknete Makele-Heuschrecken. Aber nicht nur die Läden sind afrikanisch, auch das Leben folgt in Matongé einem ganz eigenen Rhythmus.

Jedes Mal, wenn die Sonne scheint, versammeln sich die Intellektuellen der Rue de la Tulipe zur Diskussionsrunde unter freiem Himmel. Es sei jetzt an der Zeit, nach vorne zu schauen, meint der Jurist Nzema Omba, der allen Grund hätte, böse auf die Belgier zu sein: Er musste aus dem Kongo flüchten, weil der vom belgischen Staat umgarnte Diktator Mobutu ein Todesurteil gegen seinen Vater verhängt hatte.

Nzema Omba: "Wir wollen keine neue Büchse der Pandora öffnen, es gab durchaus auch Belgier, die etwas verbessern wollten. Ich habe auch kein Recht, Belgien zu verurteilen, ich lebe hier immerhin schon seit 30 Jahren. Ich halte es mit General de Gaulle, der einmal gesagt hat: ‚Alle Staaten sind kalte Monster.’ Jeder Staat hat Vor- und Nachteile, wir müssen nur einfordern, was uns zusteht, keiner wird das an unserer Stelle tun."

Nzema Omba geht selber mit gutem Beispiel voran. Er ist der Gründer der afrikanischen Leihbibliothek PanAfrica, die auch Sprachkurse in Lingála, Kiswahili und Tschuliba anbietet. Alle Aktivitäten sind kostenlos. Wer mag, kann einen Mitgliedsbeitrag von 40 Euro entrichten, aber das ist nicht Pflicht. Nzema will das kulturelle Selbstwertgefühl seiner Gemeinde stärken und Brücken bauen.

Nzema Omba: "”Zu viele sehen in uns immer noch Bittsteller, dieses Vorurteil wollen wir nicht, denn kulturell haben auch wir durchaus etwas zu bieten. Ich möchte dazu beitragen, dass es vielleicht irgendwann, um mit Spinoza zu sprechen, eine "Verbesserung des Verstandes" gibt. Das ist in Belgien so noch nicht richtig angekommen, obwohl es ein wichtiger Schritt wäre, um die Diaspora zu integrieren.""

30.000 Kongolesen leben laut Statistik heute in Belgien. Doch die Dunkelziffer ist mindestens doppelt so hoch, denn es gibt auch viele illegale Flüchtlinge. "Sans Papiers" - "Ohne Papiere" werden sie genannt. Der belgische Staat gibt Asylbewerbern aus seiner Ex-Kolonie keinerlei Vorzug gegenüber denen aus anderen Teilen der Welt.

Im Brüsseler Stadtviertel Anderlecht sind die Bürgersteige gesäumt von kongolesischen Tagelöhnern. Baloji kommt nicht oft in diese Gegend, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an jene Zeit, als auch er noch kein belgischer Staatsbürger war. Der 32-jährige Kongolese musste Jahre lang die Abschiebung fürchten.

Er erzählt von Angst und geplatzten Träumen, aber auch von der Fügung des Schicksals, die ihn dazu bewegte, sich nicht länger zu verstecken.

Baloji: "2004 bekam ich einen Brief von meiner Mutter. Sie wollte wissen, was ich aus meinem Leben gemacht hatte, aber ich hatte nichts, worauf ich stolz sein konnte. Also habe ich ein Musikalbum aufgenommen, in dem ich erzähle, wie es mir in Belgien ergangen ist. Ich bin nach Kinshasa geflogen, um sie damit zu überraschen. Es lagen Welten zwischen uns. Sie hat nicht verstanden, dass ich ihr eine Musik widme, nur um zu sagen, dass ich sie liebe. Sie wollte, dass ich zurückkomme."

Baloji ist in Belgien geblieben und dort als Sänger groß rausgekommen. Seine Konzerte gehören zu den wenigen Momenten in Belgien, wo alle wie selbstverständlich zusammenfinden.

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