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Im Gespräch | Beitrag vom 20.11.2017

Schriftsteller Rein Raud"Sprachen sind wie Türen zu anderen Völkern und Zeiten"

Moderation: Susanne Führer

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Rein Raud während eines Interviews bei Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio/ Sandra Ketterer)
Der estnische Schriftsteller Rein Raud zu Gast bei Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio/ Sandra Ketterer)

Der estnische Schriftsteller Rein Raud spricht mehr als zehn Fremdsprachen – mehrere Sprachen zu sprechen ist für Esten eine Selbstverständlichkeit. In Berlin lehrt er derzeit als Japanaloge an der FU Berlin und nur dank solcher Brotjobs kann er sich das Schreiben leisten.

Der estnische Schriftsteller Rein Raud spricht mehr als zehn Fremdsprachen – und findet das ganz normal. Zuhause sprach man estnisch, in der Schule lernte er russisch und englisch, das Fernsehprogramm war finnisch, sein Vater lernte mit ihm deutsch. Als Kind gab Rein Raud all sein Taschengeld für Bücher aus, um fremde Sprachen zu lernen. Fürs Studium sollte es dann eine nicht-europäische Sprache sein, und so studierte Raud Japanologie in Leningrad, heute Sankt Petersburg.

Ein Kerl namens Lenin

Damals gehörte Estland noch zur Sowjetunion, doch die war kein homogener Block, niemand in den baltischen Staaten beispielsweise habe sich als Sowjetbürger gesehen.

"Als ich zum ersten Mal in den Kindergarten ging, ich war drei Jahre alt, hat mein Vater auf dem Wege mir erzählt: ‚Wahrscheinlich wirst du jetzt alles über einen Kerl, der Lenin heißt, hören. Das solltest du nicht glauben. Aber das solltest du niemandem sagen, dass du es nicht glaubst.‘"

Solche Szenen hätten die meisten Esten erlebt:

"Wir haben das klassische Doppeldenken Orwells zu einer Kunstform entwickelt."

Raud kommt aus einer sehr literarischen Familie, sein Großvater wie seine beiden Eltern waren Schriftsteller, auch seine Geschwister haben Bücher veröffentlicht. Arbeit hieß für ihn von klein auf, dass man am Tisch sitzt, ein Blatt Papier vor sich und dass man etwas darauf schreibt. "Mein Vater hat jeden Abend vorgelesen, was er geschrieben hat. Die ganze Familie war in den Prozess eingebunden."

Viele Esten sprechen mehrere Sprachen

Im Übrigen sprächen die meisten Esten drei bis vier Sprachen, denn Estland ist mit 1,3 Millionen Einwohnern sehr klein. Im Ausland spricht niemand Estnisch. Sprachen sind für Rein Raud kein Selbstzweck, er ist kein Linguist.

"Sprachen sind Türen zu anderen Völkern und Zeiten."

Daher reist er auch gern und viel:

"Ich glaube, um sich selbst zu verstehen, um meine eigene Kultur zu verstehen, muss ich unbedingt wissen, welche anderen Arten es gibt, um Mensch zu sein."

Vom Schreiben kann er nicht leben

Rein Raud ist in Estland zwar ein durchaus bekannter und erfolgreicher Schriftsteller wie Intellektueller, der sich an öffentlichen Debatten beteiligt. Doch vom Schreiben allein könne er nicht leben. Er ist Professor für Japanologie, zur Zeit hat er eine Gastprofessur an der FU Berlin inne.

Auf Deutsch gibt es von Raud leider nur eine Erzählung in einer Anthologie, aber drei seiner Romane sind ins Englische übersetzt.

"Was ich schreibe, ist ganz verschieden. Wenn ich ein Buch geschrieben habe, werde ich mich nie wiederholen."

Anders als manche Autoren, die immer wieder dasselbe Buch schrieben.

Beeinflusst von Sergio Leones Western

Von seinen eigenen Büchern mag er am liebsten den Roman "Der Bruder", der sei ein "Spaghetti-Western, er hat eine Western-Ästhetik mit Einflüssen von Sergio Leones und Clint Eastwoods Filmen, aber auch der Sprache von Allessandro Baricco."

Zuletzt erschien von ihm "Der Tod des perfekten Satzes", ein Spionage- und Liebesroman, er spielt in Estland, in den letzten Monaten als sowjetische Republik.

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