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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 22.07.2015

Schriftsteller Manuel PuigJongleur mit Wörtern

Von Peter B. Schumann

Der argentinische Schriftsteller Manuel Puig (picture alliance / dpa / EFE)
Der argentinische Schriftsteller Manuel Puig (picture alliance / dpa / EFE)

Der argentinische Schriftsteller Manuel Puig hat als einer der ersten Lateinamerikaner Elemente der Massenkultur in ein literarisches Werk einfließen lassen. Zu seinen bekanntesten Romanen gehört "Der Kuss der Spinnenfrau". Vor 25 Jahren ist er gestorben.

"Boquitas pintadas" (Geschminkte Lippen) ein Lied von Carlos Gardel bildet den Hintergrund des gleichnamigen Romans von Manuel Puig. Radionovelas sind das Lebenselexier von dessen drei weiblichen Hauptfiguren. In Form einer Fortsetzungsgeschichte ist das Buch angelegt, Tangozitate leiten die Kapitel ein, jedes Einzelne bietet ein Melodram für sich. In der Massenkultur wurzeln die Werke von Manuel Puig und zwar tiefer als bei jedem anderen der großen lateinamerikanischen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts.

In General Villegas, einem öden Nest in der tiefsten argentinischen Provinz, wurde er 1932 geboren. Außer Kino gab es dort nichts, was sein Interesse wecken konnte. Er tauchte alsbald in die Welt der vorfabrizierten Bilder ein und führte so die Existenz, die ihm die Tristesse des Alltags vorenthielt. Manuel Puig:

"Für mich wurde das Kino zu meiner Wirklichkeit. Die musikalischen Komödien, die raffinierten Lustspiele und Melodramen: das Leben auf einer anderen Ebene wurde zu meiner Realität. Hier fühlte ich mich geborgen. Den Ort, in dem ich wohnte, erlebte ich wie einen Western, wie einen Film, in den ich irrtümlich hineingeraten war und den ich nicht verlassen konnte."

Die Provinz bot ihm auch keine Zukunft, noch nicht einmal eine höhere Schulbildung. Diese erhielt er in Buenos Aires, und dort begann er auch, Literaturwissenschaft zu studieren. Dann ging er mit einem Stipendium nach Rom und glaubte, am berühmten 'Centro Sperimentale di Cinematografia' am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein: beim Film.

"Aber das war eine sehr dogmatische Filmschule. Sie richtete sich gegen jeden persönlichen Ausdruck, Filme sollten die Realität lediglich abbilden... Sobald sie eine eigene Ästhetik besaßen, galten sie als frivol. Ich suchte jedoch gerade das Unverwechselbare, Individuelle. Man wollte mir etwas aufzwingen, das ich ablehnte. Also habe ich die Filmschule verlassen."

Kritik am Männlichkeitswahn

Danach versuchte sich Manuel Puig als Regieassistent und Drehbuchautor. Er brauchte Jahre, um zu entdecken, dass nicht die Filmpraxis seine Berufung war, sondern die Literatur. Die acht Romane, die er in der kurzen Schaffensphase von 25 Jahren hervorbrachte, basierten anfangs auf Erinnerungen an Geschichten und Gestalten seiner Jugendzeit sowie auf Filmen, auf der Trivialkultur, in der er sich wie zu Hause fühlte.

Tangoverse, Radiodialoge, Filmzitate, Schulaufsätze, bürokratische Hinweise, intime Tagebuchnotizen oder Gesprächsfetzen montierte er zu aufregenden Textcollagen, bereits in seinem Romandebut "Verraten von Rita Hayworth" aus dem Jahr 1968. Diese Vermischung der Ebenen schätzten die Argentinier in den 70er und 80er Jahren wenig. Alan Pauls von der jüngeren Autoren-Generation:

"Niemand redet von Puig. Er gilt als ausländischer Autor, denn er hat die meiste Zeit in Italien, New York, Brasilien und Mexico gelebt, wo er ja auch 1990 gestorben ist. Dabei ist seine Exzentrik höchst bemerkenswert, alles zu verarbeiten, was nicht Literatur ist."

Gerade daraus entstanden sprachlich ausgefeilte Geschichten von gesellschaftlicher Tiefe. Darin wandte er sich gegen soziale und sexuelle Unterdrückung, die der bekennende Homosexuelle immer wieder erfahren hat. Die Ehe erschien ihm als Zwangsgemeinschaft, im Machismo sah er ein Unterwerfungsritual. Eine besonders subtile Kritik an diesem Männlichkeitswahn lieferte er 1976 in seinem berühmtesten Roman "Der Kuss der Spinnenfrau". Er wurde sein internationaler Durchbruch und 1984 von dem Brasilianer Héctor Babenco verfilmt.

Ein Guerrillero und einer Schwuler werden in einer Gefängniszelle aufeinander angesetzt. Eigentlich zum Hass verdammt, kommen sie sich näher. Die Phantasiewelt der Filme, die sie sich gegenseitig erzählen, lässt sie die Qualen der Folter und den Entzug der Freiheit leichter ertragen. Einen Ausweg bietet sie nicht. Der Kuss der Spinnenfrau ist Manuel Puigs wichtigstes politisches Statement und zugleich eine Liebesgeschichte der Verzweiflung, sowie eine Hommage an das Kino. 

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