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Studio 9 | Beitrag vom 08.04.2016

Schreiben zu Ehe und FamiliePapst Franziskus enttäuscht Reformer

Von Jan-Christoph Kitzler

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Papst Franziskus bei der Kreuzweg-Prozession an Karfreitag am Kolosseum in Rom.
Papst Franziskus bei der Kreuzweg-Prozession an Karfreitag

Wie geht die katholische Kirche zukünftig mit Homosexuellen um? Was ist, wenn Ehen scheitern, Menschen erneut heiraten und zur Kommunion gehen wollen? Der Vatikan hat das Dokument von Papst Franziskus zu Ehe und Familie veröffentlicht - und viele Menschen enttäuscht.

Wer auf neue Regeln hofft und auf Reformen, der wird von diesem Dokument enttäuscht sein. Papst Franziskus schreibt das auch gleich am Anfang: "Nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen müssen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden."

Dabei hatten viele genau darauf gehofft: wie will die katholische Kirche mit Homosexuellen umgehen, von denen es im Katechismus, also dem maßgeblichen Text in Glaubensfragen, heißt, man müsse ihnen mit "Achtung, Mitleid und Takt begegnen"?

Was ist wenn Ehen scheitern, Menschen erneut heiraten und trotzdem zur Kommunion gehen wollen, was bisher nicht geht? Keine Antwort auf diese drängenden Fragen, Enttäuschung ist vorprogrammiert, doch Christoph Kardinal Schönborn, der Erzbischof in Wien, der heute das Dokument in Rom vorgestellt hat, wehrt sich gegen eine verengte Sicht auf das Thema Ehe und Familie, er sagte im Radio Vatikan:

"Manche Enttäuschungen entstehen dadurch, dass wir auf einen bestimmten Punkt hinschauen und völlig fixiert sind. Viel zu einseitig auf eine Frage hin konzentrierte Aufmerksamkeit. Mir hat Papst Franziskus einmal in einem Gespräch gesagt: è una trappola, diese  Verengung auf die eine Frage dürfen sie oder dürfen sie nicht zur Kommunion gehen, ist eine Falle."

Keine starre Regel

Wenn man aus dem päpstlichen Schreiben eine Regel ableiten will, dann die, dass es keine starre Regel gibt. Das ist unbequem für die Konservativen, die auch während der Synode auf die reine Lehre gepocht hatten. Aber ob das Geschiedenen hilft, die auf eine Lösung in ihrer konkreten Situation hoffen? Es gibt zumindest Spielraum, sagt Pater Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan:

"Das Dokument in meinen Augen sagt ganz klar: es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt nicht nur: entweder ist es eine katholische, christliche Ehe, oder es ist eben keine. Das Leben ist wunderbar komplex, sagt der Papst an einer Stelle, und da muss man eben genau hingucken und sagen: es gibt nicht zwei Familien, die so sind wie eine andere. Von daher ist dieses Dokument ganz danach aus, in einer konkreten Situation sich das anzuschauen, und nicht abstrakt anhand irgendwelcher Idealvorstellungen."

Unterscheidung ist ein Schlüsselwort und Gradualität. Auch eine Beziehung, die nicht dem katholischen Ideal entspricht, kann für die Kirche Gutes enthalten. Und vielleicht können die Lösungen dann auch nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch von Region zu Region sehr unterschiedlich sein.

Franziskus selbst schreibt von "inkulturierten Lösungen (…) welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen." Das heißt: ein Bistum in Deutschland könnte im Umgang mit Homosexuellen offener sein, als eine Diözese in Afrika. Festgeschrieben ist das freilich nicht.

Recht unbefangen über Sexualität

Überhaupt bemüht sich Franziskus das Positive herauszustellen, und nicht das Negative zu verurteilen. "Liebe" ist vermutlich das häufigste Wort im Text, auch über Sexualität schreibt der Papst recht unbefangen. Für Kardinal Schönborn zeigt sich eine Kirche, die offen sein will:

"Integration. Nicht Exklusion, nicht Ausschluss, sondern Einschluss. Und wie dieser Einschluss aussehen kann, das ist nicht von vornherein am ersten Tag schon alles klar auf dem Tisch. Dazu gibt es auch nicht eine Generalnorm, sondern das ist ein Weg."

Die spannende Frage wird nun vor allem sein: was machen die Ortskirchen aus diesem päpstlichen Schreiben? Wird es in den Schubladen verschwinden, wie viele andere nachsynodale Schreiben? Oder wird es den Versuch geben, die Freiräume zu besetzen, die der Papst angedeutet hat? Der Ball liegt nun nicht mehr in Rom, sondern bei den Bischöfen weltweit.

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