Seit 14:00 Uhr Nachrichten
 

Samstag, 16.12.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.08.2010

Schlangenbeschwörer, Cunnilinguist, Heckenschütze

Glenn Taylor: "Die Ballade von Trenchmouth Taggart", Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2010, 301 Seiten

Podcast abonnieren
Der Protagonist brennt seinen Schnaps selbst. (Stock.XCHNG / Dan Mulligan)
Der Protagonist brennt seinen Schnaps selbst. (Stock.XCHNG / Dan Mulligan)

In Glenn Taylors Erstlingswerk bekommt es der Leser mit der Karriere des skurillen Titelhelden "Trenchmouth" zu tun - ein absolut lesenswerter Ritt durch die amerikanische Geschichte.

"Die Ballade von Trenchmouth Taggart. Es ist die wahrste Geschichte, die ihr je gehört habt."

Glenn Taylor ist ein US-amerikanischer Autor, über den man wenig weiß: College-Lehrer, verheiratet, Kinder, Jahrgang 1975. In seinem Debütroman "Die Ballade von Trenchmouth Taggart” bekommt der Leser es mit einer skurrilen Karriere der Titelfigur zu tun: vom Schnapsbrenner, Schlangenbeschwörer, Cunnilinguisten, Heckenschützen, Holzfäller, Obdachlosen, zum Mundharmonikerspieler bei Chuck Berry, Journalisten und Pulitzer-Preisträger, der mit John F. Kennedy Spaghetti isst.

"Trenchmouth" ist der Spitzname des vielseitigen Helden. Auf Deutsch heißt das "Schützengrabenmund" und ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Krankheit Mundfäule. Zeit seines Lebens stinkt Trenchmouth bestialisch aus dem Mund, nach "Arschloch mit Oregano".

Er wird geboren am 3. Dezember 1903, von seiner religiös verwirrten Mutter gleich ertränkt, dann wiederbelebt von einer Witwe und Schnapsbrennerin, die seine Ziehmutter wird. Der Roman endet im Jahr 2010, Trenchmouth ist mittlerweile 108 Jahre alt. Dazwischen erwartet den Leser eine Reise durch hundert Jahre USA, eine nordamerikanische Version von Gabriel García Márquez´ "Hundert Jahre Einsamkeit".

"Die Ballade von Trenchmouth Taggart” ist in seiner Grundidee ein politischer, ein ernster Roman. Bekenntnis zum Widerstand gegen jede Form der Unterdrückung, Diskriminierung und Ausbeutung. Trenchmouth-Taggart avanciert bei Glenn Taylor zu einem mythischen Helden der USA und zu einem Gründungsmythos des politischen Widerstandes.

Auf des Messers Schneide, zwischen Weinen und Lachen, erlebt der Leser einen unterhaltsamen, grenzenlos komischen Roman, "verspielt und ungebärdig wie ein junger Hund", so die treffende Beschreibung der Londoner "Times". Man denkt bei der Lektüre an Márquez, an T.C. Boyle, an John Irvings "Garp und wie er die Welt sah", an Mark Twain, Gogol und an den Film "Little Big Man" mit Dustin Hoffman.

Das schreibende Supertalent Glenn Taylor hat mit diesem Erstlingsroman Leser als auch Kritiker in seiner Heimat begeistert. Mittlerweile ist in den USA sein zweiter, ebenfalls hoch gelobter Roman erschienen: "The Marrowbone Marvel Company" - die Geschichte einer frühen Multikulti-Alternativ-Kommune nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es sollte nicht überraschen, wenn Glenn Taylor sich in ein paar Jahren in den Club großer amerikanischer Schriftsteller einreiht. Er schreibt stilistisch schwer vergleichbar und äußerst eigenwillig, eine Fähigkeit, die man nicht erlernen kann, die in hohem Grad persönlicher Unkonventionalität und eines an Vermessenheit grenzenden Mutes bedarf.

"Die Ballade von Trenchmouth Taggart" ist ein absoluter Lesetipp: herrlich skurril, verrückt, virtuos, brillant, leidenschaftlich und souverän unangestrengt. Ein "Page-Turner", der mit dem Satz endet: "Es war, als sei diese Welt eine heile Welt."

Besprochen von Lutz Bunk

Glenn Taylor: Die Ballade von Trenchmouth Taggart
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Renate Orth-Guttman
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2010
301 Seiten, 19,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Gegenwart lesenAusflüge in die Unendlichkeit
Der Religionsphilosoph Klaus Heinrich bei einer Veranstaltung in der Akademie der Künste in Berlin am 31.10.2008 ( imago / Christian Thiel)

Religionsphilosoph und Mitbegründer der Freien Universität Berlin Klaus Heinrich spricht über die "Selbstaufklärung" der Menschheit als Gattung und die "selbstzerstörerischen" Prozesse, die ihr entgegenstehen. Er blickt zurück auf die Verdrängung der deutschen Vergangenheit nach 1945 - und plädiert für einen Neustart der Universität als Instanz gesellschaftlicher Selbstverständigung.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur