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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.08.2009

Schicksalhafte Wege

Claus Stephani: "Blumenkind". SchirmerGraf Verlag, München 2009. 349 Seiten

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Blick auf einen Bergsee in der Hohen Tatra/Karpaten (Stock.XCHNG / Janusz Gawron)
Blick auf einen Bergsee in der Hohen Tatra/Karpaten (Stock.XCHNG / Janusz Gawron)

Am Anfang steht der Schrecken. Die neunzehnjährige Beila entdeckt Wolfsspuren im Schnee. Kurz darauf erscheint ihr die "Schwarze Waldmutter", die alte Schicksalsgöttin der Karpaten. Und dann wird ihr der Mann erschlagen, Jacob der Jude, von vier Männern in Uniform.

Juden, Antisemiten, Werwölfe, Popen, Zipser und Zigeuner bevölkern bereits die ersten Seiten des Romans "Blumenkind". Vertreter weiterer Volksgruppen kommen hinzu, all jene, die einst am östlichen Rand Mitteleuropas lebten. Von ihrer Weisheit und Grausamkeit, ihren Bräuchen, von ihrem Leid und ihrer Liebe erfährt der Leser. Und von den verschlungenen Wegen des Schicksals.

Claus Stephani, Ethnologe, passionierter Sammler ostjüdischer Märchen und rumänischer Sagen, siedelt die Handlung seines Romans in sagenumwobener Gegend an: in den Karpaten, Transsylvanien, der Bukowina - Landschaften, die geprägt sind von ständig wechselnden Herrschern, dem Nebeneinander unterschiedlichen Ethnien und deren Mythen.

Über 40 Jahre hinweg, von Mitte der 1920er bis Mitte der 1960er Jahre verfolgt Stephani die Lebenswege seiner Protagonisten. Erst den Beilas, dann den ihrer Tochter Maria. Beider Leben ist vom Wechsel der Wohnorte geprägt, der - so besagt das dem Roman voran gestellte Zitat aus dem Talmud - immer auch ein Wechsel des Schicksals ist.

Nach dem Tod ihres Ehemannes zieht Beila in die Nähe von Czernowitz. Einen Sommer lang gibt sie sich dort ihrer wilden Liebe zu einem jungen Deutschen hin, dann wird sie schwanger. "Copil din flori" nennen die Rumänen ein solches Kind: Blumenkind. Dieses Kind der Liebe, auf einer Blumenwiese gezeugt, ist zugleich ein Bankert. Denn der Erzeuger verlässt Beila. Er diffamiert sie: Die rothaarige Jüdin habe es mit jedem getrieben, eine Hure sei sie. Nach zwei Jahren sozialer Ausgrenzung zieht Beila wieder fort. Sie verbirgt ihr Jüdischsein und kommt mit ihrer Tochter als Haushälterin bei einem Pater unter. Der ist stark an fleischlichen Genüssen interessiert - erneut müssen sich Mutter und Tochter auf den Weg machen.

Inzwischen ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Eines Tages verschwindet Beila spurlos. Zwanzig Jahre später kehrt ihre Tochter, die es nach Deutschland verschlagen hatte, in die alte Heimat zurück. Stückchenweise rekonstruiert sie das Geschehen von damals.

Stephani erzählt Marias Geschichte parallel zu der ihrer Mutter. Der Leser ist den handelnden Figuren meistens ein Stückchen voraus - Freude und Schauder über das Wirken von Schicksalskräften aber erlebt er hautnah.

Stephani hat einen hinreißenden Liebesroman geschrieben und zugleich eine lehrreiche Erzählung über die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine detailreiche, liebevolle Beschreibung von Architektur, Landschaft, Speisen und Gebräuchen, von Alltagsleben und Empfindungswelt seiner Figuren, macht schmerzhaft bewusst, wie viel menschliche und kulturelle Substanz verloren ging durch Kriegswirren, Völkermord und ethnische Säuberungen.

"Blumenkind" ist gesättigt von Lebenserfahrung, Wissen und Poesie. Vielleicht muss man tatsächlich erst 70 werden, um so einen Roman schreiben zu können.

Besprochen von Carsten Hueck


Claus Stephani: Blumenkind
SchirmerGraf Verlag, München 2009
349 Seiten, 19,80 Euro

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