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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.12.2005

"Scheitern macht erfolgreich"

Der Philosoph Hans-Jürgen Stöhr und seine Agentur für gescheites Scheitern

Von Dagmar Penzlin

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Worüber andere gern schweigen, das ist sein Thema: das Scheitern. Der Philosoph Hans-Jürgen Stöhr will den Umgang mit Pleiten enttabuisieren. Ob jemand Insolvenz anmelden muss, den Arbeitsplatz verloren oder die Scheidung eingereicht hat - Stöhrs Motto lautet: "Scheitern ist menschlich und macht erfolgreich".

Stöhr: "Ich bin gelernter DDR-Bürger. "

Wer mit Hans-Jürgen Stöhr länger spricht, bekommt diesen Satz immer wieder zu hören. Wenn er die vier Worte sagt, lächelt der große, schlanke Mann mit dem graumelierten Vollbart leise in sich hinein. Er weiß, dass er als Unternehmensberater mit Krawatte und modischer Brille so gar nicht dem Klischee vom "gelernten DDR-Bürger" entspricht. Der promovierte Philosoph provoziert eben gern – auf seine feinsinnige Weise.

Stöhr: "Und alles, was nach Widerspruch aussieht, da fühle ich mich förmlich hingezogen. "

"Scheitern macht erfolgreich" – so der Werbeslogan von Stöhrs Agentur für gescheites Scheitern. "Scheitern macht erfolgreich" - das ist auch so ein Widerspruch, an dem Hans-Jürgen Stöhr sich gar nicht satt denken kann. Vielleicht weil er selbst erlebt hat, dass das geht mit den Pleiten und dem Glück, das machbar ist. Zumindest ein bisschen. Die biographischen Eckdaten bis zum Mauerfall - auf den ersten Blick eher unspektakulär.

Stöhr: "Jahrgang 49 - in Parchim geboren. In Rostock viele Jahre gelebt, auch zur Schule gegangen. Und 1968 nach Berlin gegangen zum sechseinhalbjährigen Studium der Philosophie und der Biologie. Tja, und dann wieder zurück nach Rostock, an die Universität. "

Innerhalb weniger Jahre habilitiert sich Stöhr auf dem Gebiet der Widerspruchsdialektik. Er leitet Forschungsgruppen, gibt die Rostocker philosophischen Manuskripte heraus. Schon mit 19 ist der ehrgeizige Offizierssohn in die SED eingetreten - "aus Überzeugung", wie er selbst betont. Später – als habilitierter Philosoph – erlaubt er sich trotzdem in alle Richtungen zu denken. Das Politbüro beobachtet sein Engagement als Hochschullehrer aufmerksam. Während Stöhr ein Treffen mit systemkritischen Kollegen und SED-Gegnern aus Berlin organisiert, kommt es schließlich zum Eklat.

Stöhr: "Und da wurde ich gerade gebogen. Ich hab Glück gehabt, dass ich Kollegen hatte, die sich mir gegenüber loyal verhalten haben und mich schützten. Denn wir mussten die Tagung abblasen. Oder zumindest konnten wir sie nicht so durchführen, wie wir sie machen wollten. "

Nach diesem Erlebnis und ähnlichen Vorgängen in den 80er-Jahren beginnt Hans-Jürgen Stöhr, sich vom DDR-Regime zu distanzieren. Als 1989 die Demonstranten durch Rostocks Straßen ziehen, reiht sich der enttäuschte Philosoph ein. Die Wiedervereinigung erlebt Stöhr als Debakel.

Stöhr: "Dass dieses Autoritäre verschwinden könnte, dass Demokratie und Mitbestimmung eher von unten heraus passiert - das waren die großen Hoffnungen, auf die ich selbst auch gesetzt habe. Die große Enttäuschung waren die letzten Wahlen im März, da war mir klar: Jetzt bekommen wir eine zweite BRD, jetzt werden wir angedockt. Und alle unsere Visionen, etwas Neues, etwas Eigenständiges zu machen, eine andere DDR zu machen, das war politisch gesehen ein Moment des Scheiterns. Das war für mich persönlich eine Tragik. "

Der Hochschullehrer und seine Kollegen müssen an der Rostocker Universität ihre Büros räumen für, wie Stöhr es formuliert, "West-Philosophen". Der arbeitslose Denker absolviert bald darauf in Kiel eine Management-Ausbildung für den Sozial- und Gesundheitsbereich. Dann der Sprung in die Selbstständigkeit: In Rostock gründet der Ostsee-Liebhaber 1992 ein Institut für öko-soziales Management. Er berät Gesundheitseinrichtungen. Das Geschäft läuft. Stöhr ist zufrieden mit seinem Weg nach der Wende.

Stöhr: "Insofern habe ich für mich aus dieser gesellschaftlichen Scheitern-Situation auch ein Stückchen, was meine eigenen Lebensumstände betrifft, eine positive Energie gezogen. "

Seit kurzem treibt Hans-Jürgen Stöhr neben seinen anderen Aufgaben ein neues Projekt voran: seine Agentur für gescheites Scheitern. Sie zu gründen - für den Vater von drei erwachsenen Söhnen vor allem eine Reaktion auf private Sorgen.

Stöhr: "Denn inzwischen lebe ich in dritter Ehe. Und die dritte Ehe befindet sich im verflixten siebten Jahr... "

Auch wenn die ersten öffentlichen Veranstaltungen der Agentur für gescheites Scheitern sich um Beziehungsfragen drehen - Hans-Jürgen Stöhr will für alle Scheiternden ein offenes Ohr haben: Sie beraten und an andere Fachleute weiterleiten. Vom Umgang mit Schulproblemen bis hin zum Bewältigen einer Insolvenz - in Planung sind Seminare und Angebote für verschiedene Zielgruppen, betreut von unterschiedlichen Experten. Stöhr geht es aber vor allem darum, eine konstruktive Grundhaltung zu vermitteln.

Stöhr: "Also gescheites Scheitern ist ein entwicklungsfähiges Scheitern, ein Scheitern, wo auch Offenheit für einen neuen Weg, für Alternativen da ist. Und deshalb auch gescheit im Sinne von klug, intelligent scheitern. "

In seinem kleinen, sehr aufgeräumten Rostocker Büro hat der Philosoph schon so einige Gedanken über das gescheite Scheitern zu Papier gebracht. Man merkt, der umtriebige Mittfünfziger hat eine Mission: Er will aufklären, das Thema enttabuisieren, so dass niemand sich länger für Niederlagen schämt ...

Stöhr: "... und Scheitern als eine Quelle des Erfolgs gesehen wird. "

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Die Agentur für gescheit.es Scheitern

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