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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 19.02.2013

Schädliche Gesundheits-Apps

Der Blick aufs Smartphone kann den Arztbesuch nicht ersetzen

Von Michael Engel

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Blutdruckuntersuchung beim Arzt: Mediziner halten nicht viel von so genannten Gesundheits-Apps. (AP)
Blutdruckuntersuchung beim Arzt: Mediziner halten nicht viel von so genannten Gesundheits-Apps. (AP)

Es gibt Hunderte von Gesundheitsapps - oft dienen sie als Tagebücher, die Blutdruck oder Menstruation überwachen. Doch manche der Smartphone-Hilfen gaukeln sogar vor, Hautveränderungen auf Tumore untersuchen zu können. Damit sind sie eindeutig überfordert, warnen Experten.

Hannover-Stöcken, Straßenbahn Linie 4, Richtung: Medizinische Hochschule. Elke Wiehl hat dort heute einen Termin und tippt nochmal kurz auf ihr Smartphone.

Elke Wiehl: "Ich hab‘ eine App auf meinem Smartphone, die heißt 'AppzumArzt'. Die finde ich sehr hilfreich und gut. Ich kann dort meine Arzttermine eintragen. Ich werde auch zum Beispiel an Impftermine erinnert. Und ich finde das deswegen gut, weil ich es immer dabei habe, und auch immer alles auf meinem Smartphone bleibt."

Ob in der Straßenbahn, zuhause oder im Büro: Apps sind aus dem Leben vieler Menschen nicht mehr wegzudenken, auch wenn sie sich um ihre Gesundheit kümmern. Rund 15.000 sogenannter "medical Apps" – hat Dr. Urs-Vito Albrecht vom PLRI, dem Institut für medizinische Informatik der Medizinischen Hochschule Hannover gezählt.

Urs-Vito Albrecht: "Es gibt Applikationen, die als Referenzwerke dienen, zum Beispiel Medizin-Lexika. Es gibt Applikationen, die quasi eine Protokollfunktion für den Patienten übernehmen können, Patiententagebücher für Diabetes, Blutdruck oder Ähnlichem. Es gibt dann noch Applikationen, die auch eine Messfunktion beinhalten. Entweder wird diese Messfunktion über interne Sensoren von dem Smartphone abgenommen, oder es sind externe Sensoren, die eben angebracht werden."

Externe Sensoren sind zum Beispiel Blutdruckmessgeräte, die mit dem Handy verbunden werden. Andere Apparaturen sind kaum größer als ein USB-Stick und dienen der Blutzuckerbestimmung. Apps können auch die Sehschärfe testen und die Hörleistung bewerten. In einem Fall, einer Hautkrebs-App, fotografiert man mit der Smartphone-Kamera die Muttermale auf der Haut.

Dann diagnostiziert das Programm die Aufnahme und gibt an, ob es sich um eine normale Hautveränderung oder einen Tumor handelt. Eine aktuelle Studie konnte nun zeigen, dass alle untersuchten Hautkrebs-Apps häufig falsch liegen. "Falsch negativ" zum Beispiel bedeutet, dass ein äußerst gefährliches malignes Melanom für harmlos erklärt wird. Für Betroffene kann das böse enden, warnt Oliver Pramann, Rechtsanwalt für Medizinrecht und IT aus Hannover:

"Wenn die Applikation vom Hersteller dazu bestimmt wurde, Hautscreening durchzuführen, und da werden falsche Ergebnisse generiert, kann es dazu führen, dass der Patient sich in falscher Sicherheit wiegt. Da es bei solchen Erkrankungen möglicherweise um wenige Tage, Wochen, geht, kann es durchaus hier dazu kommen, dass der Krebs ausbricht und insofern sich für den Patienten als hochrisikobehaftet herausstellt."

Das wissen natürlich auch die Hersteller und sichern sich im Kleingedruckten ab: "Die App kann den Arztbesuch nicht ersetzen", steht dort geschrieben. Fatale Konsequenz: Patienten, die aufgrund einer falschen Diagnose auf Schadenersatz klagen, weil sie zu spät zum Doktor gegangen sind, hätten schlechte Karten, warnt der Rechtsanwalt. Nicht nur die Hautkrebs-App steht in der Kritik: So gibt es eine Hörtest-App, die mit dem eigenen Minikopfhörer zum Beispiel aus dem Kaufhaus durchgeführt werden kann. Die Messdaten liegen dann häufig daneben, urteilen die Mediziner.

Häufig werden die Daten wie Blutzuckermesswerte vom Smartphone online auf eine Datenbank des Herstellers übermittelt. Vor allem junge Typ-1-Diabetiker nutzen gern solche digitalen Angebote. Nach Ansicht Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, sollte dieser Datentransfer in jedem Fall mit Hilfe der Menüsteuerung unterbunden werden.

Martina Wenker: "Hier würde mich als Verbraucher, als Patient, interessieren, wo landen die Daten? Was macht der andere am anderen Ende mit meinen Daten. Und warum empfiehlt der mir dann eine bestimmte Behandlung? Also ich weiß ja gar nicht, der Hersteller auf der anderen Seite, was der mit meinen Daten macht und warum der mir eine bestimmte Behandlung dann empfiehlt."

Problematisch ist auch der Datentransfer an sich. Wenn die Messwerte drahtlos vom Smartphone auf den eigenen Rechner oder auf den Server des App-Herstellers übertragen werden, können die Werte auch ganz woanders landen. Bereits bei einer kleinen, zufällig gewählten Stichprobe fiel jede zweite App durch. Noch einmal Urs-Vito Albrecht:

"Wir konnten auch beobachten, dass es zu einem unverschlüsselten Transfer dieser Daten dann zum Betreiber kam, was nirgends erläutert wurde, wenn überhaupt die Datenschutzerklärung vorgelegen hat. Diese Daten könnten abgehört werden tatsächlich."

Ob die Daten beim Übertragen verschlüsselt werden oder nicht, darüber informieren die Hersteller offenbar nur ungern. Häufig werden auch noch die Nutzerdaten wie der Name des Patienten automatisch gesendet, wundert sich der Medizininformatiker.

Natürlich gibt es auch unproblematische Apps. Nach Ansicht von Experten ist das sogar die Mehrzahl der medizinischen Mini-Programme. Karla Niescheidt ist 18 und macht demnächst Abitur:

"Also ich habe eine App, mit der ich meine Menstruation überwachen kann. Mein Handy sagt mir, wann die nächste Regel kommen müsste, und so weiß ich eigentlich immer sofort, dass alles ok ist."

Wer, was die persönlichen Daten angeht, auf Nummer sicher gehen möchte, kann bestimmt auf so manche App verzichten und stattdessen zum Beispiel herkömmliche Kalender in Papierform nutzen. Für alle Interessierten aber bieten Krankenkassen und Ärzteorganisationen mitunter sogar kostenlose Gesundheits-Apps an, denn die - so die Hoffnung - fördern die Vorsorge.

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