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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.07.2009

Schäbige Inszenierung

Zur Diskussion um das Urheberrecht

Von Lars Reppesgaard

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Die Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage kritisieren, dass Suchmaschinen-Betreiber mit Inhalten aus den Printmedien Geld verdienen.  (AP)
Die Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage kritisieren, dass Suchmaschinen-Betreiber mit Inhalten aus den Printmedien Geld verdienen. (AP)

Wenn jemand verdächtig laut "Haltet den Dieb" ruft, lohnt es sich, hellhörig zu werden. "Wir werden schleichend enteignet", schimpfte kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Hubert Burda, Präsident des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger.

Suchmaschinen, allen voran Google, würden prächtig mit Online-Werbung verdienen, während den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen nur lausige Beträge blieben. Ohne die Inhalte aus den Zeitungen und Magazinen der Verlage aber wäre das Netz nicht so attraktiv. Google soll deshalb für die Verweise auf diese Texte zahlen, fordert Burda. Nur wenig später verlangte ein Manager des Springer-Verlages bei einer Konferenz außerdem eine neue Geräteabgabe für Computer, die ausschließlich den Medienunternehmen zugute kommen soll.

Es ist ein schäbiges Stück, das die Unternehmen hier inszenieren. Anders als die Musikindustrie, die mit ansehen musste, wie sie durch Tauschbörsen und Kopierschutzhacker wirklich enteignet wurde, haben sich die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage freiwillig der Internetlogik unterworfen. Sie könnten mit ein paar einfachen Computerbefehlen verhindern, dass Google ihre Netzseiten findet oder dass jeder im Netz das, wofür er am Kiosk bezahlt, umsonst lesen kann.

Doch die Medienhäuser tun genau das Gegenteil. Sie stellen seit Jahren die Texte, die ihre angestellten Reporter und die freien Journalisten für sie schreiben, kostenlos ins Netz. Und sie geben bis heute viel Geld aus, um ihre eigenen Internetseiten so zu optimieren, dass sie ganz oben auf der Ergebnisliste von Google stehen, wenn jemand nach einer Nachricht sucht.

Nun, wo sich herausstellt, dass ihnen diese Strategie weniger Werbegeld aus dem Online-Marketing einbringt als man erwartet hat, soll irgendwer zahlen. Google am besten, aber gerne auch alle Computernutzer. Kassieren wollen die Verleger von Zeitungen und Magazinen übrigens nicht erst, wenn jemand einen kompletten Text reproduziert. Google verweist ja nur auf die Nachrichten, die sie ins Netz stellen. Schon diese Verweise – die sogenannten Internetlinks – sollen Geld kosten.

Nun ist ein öffentlicher Diskurs schlichtweg nicht möglich, wenn man nicht mal auf bestimmte Texte verweisen darf. Doch nicht nur deswegen sind die Wünsche der Medienmanager keineswegs im Sinne der Öffentlichkeit. Bei ihren teuren Online-Experimenten vernachlässigen die Verlagshäuser regelmäßig die Interessen ihrer Stammleser. Gleichzeitig haben die meisten massiv bei den Zeitungsredaktionen gespart, statt durch Investitionen die Qualität ihrer Titel zu steigern. Auch damit sich die Verlage wieder ihrem eigentlichen Geschäft zuwenden, wäre es gut, wenn der dreiste Vorstoß, Google und Co. zur Kasse zu bitten, ins Leere läuft.

Besonders zynisch ist die Klage der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage außerdem, weil sie selbst nicht gerade zimperlich sind und auf anderer Ebene genau das tun, was sie Google vorwerfen. Die eigentlichen Urheber – die Autoren, die als freie Journalisten für Zeitungen und Magazine arbeiten - spüren nämlich seit Jahren wirklich, wie es sich anfühlt, wenn man schleichend enteignet wird.

Sie werden von Medienunternehmen durch die sogenannten Buy-Out-Vertäge zunehmend um ihre Urheberrechte gebracht. Diese Knebelverträge beinhalten Klauseln, die es erlauben, eingekaufte Texte beliebig oft selbst zu benutzen und weiterzuverkaufen. Der Autor kann dies nicht verbieten und bekommt kein zusätzliches Honorar. Selbst Prominente wie Elke Heidenreich müssen hilflos mit ansehen, wie die Verlage dank dieser Klauseln skrupellos ihre Werke an den Nächstbesten verschleudern. Das Archiv der "FAZ" etwa verkaufte ohne ihre Zustimmung einen ihrer Texte an einen Buchverlag, der normalerweise Schreiber zur Kasse bittet, wenn er ihre Werke veröffentlicht. Dieser konnte so eine seiner Publikationen mit einem Heidenreich-Text adeln. Und die "FAZ" konnte kassieren. Nur für die Interessen der Autorin ist bei solchen Geschäften kein Platz.

So wie Heidenreich geht es täglich mehrere hundert Mal anderen, weniger prominenten Autorinnen und Autoren. Mit ihren Texten machen die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, was sie wollen. Sie tauschen sie untereinander, sie verkaufen sie, und die Urheber dieser Werke dürfen zuschauen. Wenn die Verleger von Zeitungen und Zeitschriften "Haltet den Dieb" rufen, meinen sie vielleicht Google und andere Internetunternehmen. Für viele Urheber klingt es dagegen, als hätten die Verlagsmanager gerade selbst in den Spiegel geschaut.


Lars Reppesgaard, Jahrgang 1969, ist freier Wirtschaftsjournalist und Autor des im September 2008 erschienenen Buches "Das Google-Imperium". Nach dem Studium arbeitete er vier Jahre lang als Reporter und Moderator beim Hörfunk von Radio Bremen. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Hamburg und schreibt für Wirtschaftsmedien wie das "Handelsblatt", die "Financial Times Deutschland" oder die "Wirtschaftswoche".

Politisches Feuilleton

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