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Freitag, 19.01.2018

Länderreport | Beitrag vom 11.01.2018

SaterfriesischWie eine Sprache vor dem Aussterben gerettet wird

Von Hilde Weeg

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Ortsschild von Scharrel, das auf Saterfriesich Skäddel heißt (Deutschlandradio / Hilde Weeg)
Auf Saterfriesisch heißt Scharrel Skäddel (Deutschlandradio / Hilde Weeg)

Kein Plattdeutsch, sondern Saterfriesisch wird in drei Dörfern im Westen Niedersachsens gesprochen, und das von nicht mehr als 2500 Menschen. Dass die Sprache nicht längst ausgestorben ist, ist auch einem amerikanischen Forscher zu verdanken.

"Lütje Skoule, lütje schoule, ik un du …"

Grundschüler stimmen in einer Pause auf dem Schulhof in Skärrel das Lied ihrer kleinen Schule an, zur Melodie von Bruder Jakob, auf Saterfriesisch. Der stolze Schulleiter Torben Hinrichs steht daneben:

"Wir sind hier sehr gut aufgestellt, was das angeht."

Das - ist das Saterfriesische. In dieser Sprache wird hier sogar Matheunterrichtet und wenn man hier von ein bis zehn zählt, klingt das so:

"Een, two ..."

Außerdem wird Theater gespielt, ein Stück von Janosch:

"Oh wat flucht ist Panama – heißt Oh wie schön ist Panama ..."

Das Besondere: Die Kinder lernen die alte friesische Sprache, obwohl zum Teil nicht mal die Eltern sie noch sprechen:

"Bei mir, meinen Verwandten kann das niemand."

Sprachunterricht in Kitas und Schulen

Die Kinder tragen damit nun in die Familien zurück, was einst überall in dieser Gegend gesprochen wurde. Das klappt, weil sich Kitas und Schulen stark engagieren, wie Hinrichs erklärt:

"Wir haben zwei Bilderbücher veröffentlicht, arbeiten gerade an einem Lehrwerk, Wir versuchen eben die Sprache weiter zu tragen und weiter zu fördern, das ist ganz wichtig."

Eine Schule in Scharrel, auf der "Lütje Skoule Skäddel" steht (Deutschlandradio / Hilde Weeg)Schon in der Grundschule wird Saterfriesisch unterrichtet. (Deutschlandradio / Hilde Weeg)

Heini Pörschke und Stefan Dannemann lächeln, als sie davon hören, denn das bedeutet, dass ihre Arbeit Früchte trägt. Der erste Vorsitzende des Heimatvereins und sein Stellvertreter stehen im Heimatvereinszimmer im alten Bahnhof von Scharrel, vor ihnen liegt gerade eine Schrifttafel für die Grundschule, die demnächst aufgestellt wird: 

"Der Marron Fort hat damals gesagt: Ihr müsst die Sprache zeigen ..."

Marron Curtis Fort, dem aus den USA stammenden Germanisten und Sprachforscher, hat man hier viel zu verdanken. Nicht nur, dass Fort das erste Wörterbuch des Friesischen vor 40 Jahren schrieb oder das Neue Testament übersetzte, er hat vor allem den letzten Sprechern klar gemacht, dass nur überlebt, was zu hören und zu lesen ist. Deshalb auch die neuen Tafeln im Dorf:

"Alle öffentlichen Gebäude werden mit diesen Tafeln ausgestattet – zweisprachig ... und dann eben auf Saterfriesisch."

Auch per App auf dem Handy

Mittlerweile gibt es das Saterfriesisch-Wörterbuch auch online, sogar eine App fürs Handy. Und so langsam wird Saterfriesisch neben Hochdeutsch auch wieder in den Familien gesprochen. Stefan Dannemann zum Beispiel spricht es mit dem Enkel, und zwar vom ersten Tag an:

"Dann hab ich ihn begrüßt mit ‚Moin Mattes, na lütje Kerl, wo gungt di dat? Er ist jetzt 17 Monate alt, mit ihm sprech ich das."

Heini Pörschke, 60, ist sicher:

"Wenn wir diesen Aufwand nicht betrieben hätten, den wir betrieben haben, dann geht’s mit uns bergab. Wir bekommen die Kehrtwende: Die Menschen sind wieder stolz darauf: Ich kann Saterfriesisch."

Die beiden beugen sich über ein Lehrbuch:

"Nose tjuk – Nase dick ... Haus lütjet – Haus klein, Oure long – Ohren lang, Gediene strieped – Gardine gestreift ..."

Das ist kein Plattdeutsch und kein Dialekt, das ist eine eigene Sprache. Erwachsen aus jahrhundertealter Isolation, nachdem sich etwa im zwölften Jahrhundert Siedler von der Nordseeküste aus hierher retteten, vor Sturmfluten und Überschwemmungen. Hier, von Hochmooren umgeben, waren sie erstmal sicher. Wo das Gebiet heute liegt:

"Genau der Mittelpunkt zwischen Leer, Papenburg, Oldenburg, Cloppenburg. Jeweils 35 Kilometer, genau in der Mitte ist das Saterland."

Jedes Dorf hat seine sprachlichen Eigenheiten

Etwa 14.000 Menschen leben heute hier, die meisten davon auf die drei Hauptorte Ramsloh, Scharrel und Strücklingen verteilt. Natürlich gibt’s da auch noch feine Unterschiede:

"Wir sagen Water, die Ramsloher sagen Woter, wir das Ei, die das Oi. Genau, wir nehmen‘s mit Humor, ja sicher doch."

Auch den Sprachforscher Jörg Peters an der Uni Oldenburg freut diese Entwicklung. Die Uni engagiert sich in der Ausbildung der Lehrkräfte und Erzieher. Die Wurzeln dieser Sprache liegen im Nordseegermanischen:

"Und zwar sind das Sprachen, die von Völkern gesprochen wurden, die um die Nordsee herum siedelten: Das waren die Friesen, die Sachsen, die sich aufteilten in die Sachsen, die hier geblieben sind, deren Sprachen sich in Richtung Niederdeutsch entwickelt hat – und dann die Angeln und Sachsen die britischen Inseln besiedelt hat, deren Sprache das britische Englisch."

Die Unterschiede zum Niederdeutschen – also auch zum ostfriesischen Platt, werden an bestimmten Merkmalen deutlich:

"Dazu gehört die Wandlung vom K in Wörtern wie Käse – wir haben im Niederdeutschen, auch im Ostfriesischen kees, im Englischen cheese, im Saterfriesischen sies. Oder Kirche, niederdeutsch kerk, Saterfriesisch serke."

Ob dies nun die kleinste Sprachinsel Europas ist, da ist Peters vorsichtig. Die letzten Erhebungen dazu liegen gut 20 Jahre zurück. Sicher sei jedenfalls, dass die Sprache weiterhin der Förderung bedarf und der besonderen Aufmerksamkeit, denn die Zeiten der Isolation, die sind lange vorbei. In diesem Sinne: munter hoolden! Was soviel heißt wie – bleiben Sie fit und munter – die Abschiedsformel im Saterland.

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