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Rang I | Beitrag vom 20.05.2017

Samstag mit Mondtag: TheaterkolumneDer Narziss starrt vor sich hin

Von Ersan Mondtag

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Merkel und Putin in Moskau  (picture alliance/dpa/Foto: Mikhail Metzel)
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am 2. Mai in Moskau. (picture alliance/dpa/Foto: Mikhail Metzel)

Narzisstische Demokraten finden sich schön im Lichte der Dunkelheit, so der Regisseur Ersan Mondtag. Als Beispiel nennt er Merkel, die Putin für die Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien getadelt hat. Den Russen Homophobie vorzuwerfen, sie im eigenen Land aber nicht zu bekämpfen, gehe nicht zusammen.

Als Narziss starb, fiel er in den Teich, dessen Spiegelbild ihn gefesselt hatte. Seitdem liegt die Leiche im Wasser, das sie von da an verfaulend vergiftet. Bis heute. Aber was ist die Vergiftung durch den Kadaver des Narziss? Wo verseucht sie Quellen gerade unserer Gesellschaft?

Zugegeben, es ist fast narzisstisch von Narzissmus zu reden. Was der gute alte Ödipus für unsere sexuellen Neurosen, ist Narziss seit den 70ern in der Soziologie: der Buhmann eines asozialen, neoliberalen Egoismus. Man muss Narzissmus aber noch aggressiver fassen, noch struktureller. Genau wie Rassismus und Homophobie entfaltet er seine Wirkung auch heimlich, prägt auch die Art zu denken, zu sprechen, zu handeln von vielen, die eigentlich von sich glauben, genauso wenig wie Rassisten oder Homophobe auch keine Narzissten zu sein.

Im modernen Narzissmus mischen sich Eichmann und der Terrorist. Die individuelle Verantwortungslosigkeit, wenn man Glied einer Kette ist, und eine Religiosität, die sich als so schwach empfindet, dass sie alle Versuchungen zerstören muss, denen sie zu verfallen fürchtet. Der Narziss ist panisch, nicht geliebt zu werden, und hasserfüllt gegen alle, die ihn nicht lieben oder mehr geliebt werden als er selbst. 

Unsere Repräsentanten behandeln uns nicht wie Erwachsene

Für die Demokratie ist der Narziss allein deshalb gefährlich, weil sie ihm sein Lieblingsspielzeug in die Hand gibt: den Spiegel, den Repräsentanten. Die demokratischen Machthaber versuchen uns, ihre kleinen Könige und Königinnen, zu spiegeln, damit diese sich für die schönsten im Lande halten. Unsere Repräsentanten behandeln uns nicht wie Erwachsene, sondern kopieren die Welt der Kindheit, in der sich Eltern allumfassend um das wunderbare Kind kümmerten. Und damit würgen sie jede echte Empörung und jede ernsthafte Konsequenz ab.

Ein Beispiel: Da werden in Tschetschenien Homosexuelle durch Staatsgewalt ermordet, es kommt an die Öffentlichkeit, die Kanzlerin ermahnt Putin, und das Thema ist durch. Interessanterweise auch bei denen, die Merkel nicht gewählt haben. Das "Ich weiß zwar, aber"-Prinzip des Aberglaubens. Ich habe sie zwar nicht gewählt, aber unsere Kanzlerin ist laut Times die mächtigste Frau der Welt. Und sie hat Putin getadelt! Und plötzlich sehen wir alle moralisch sexy aus. Das besänftigt sogar den Zynismus, man könne ja eh nichts tun, weil Putin, Erdogan, Trump, China sich von uns eh nicht beeinflussen ließen, man es also auch ebenso gut sein lassen könnte, überhaupt etwas zu sagen. Aber Merkel hat sogar etwas gesagt. Also muss man sich nicht mal Zynismus vorwerfen lassen. 

Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit

Falsch. Es ist völlig verdreht, sich darauf auszuruhen, das böse Ausland ermahnt zu haben, aber im eigenen Lande weiterzumachen wie bisher. Den Russen Homophobie vorzuwerfen, und zugleich die Homophobie in Deutschland nicht konsequent zu bekämpfen, das geht nicht zusammen. Das eine ist der Exzess des anderen. Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus – seit Jahrhunderten leiden Menschen gerade auch hier. Aber der Narziss starrt nur vor sich hin. Also sieht er nicht die Gegenwart, weiß nicht, was es für einen Schwarzen bedeutet, als einziger in der U-Bahn Blicke zu spüren, für den jungen LGBT auf dem Schulhof "Ist ja schwul" zu hören.

Diktaturen und Demokratien stehen sich wie zwei Spiegel gegenüber, bedingen einander unendlich, und die narzisstischen Demokraten finden sich schön im Lichte der Dunkelheit. Das: Ist die Banalität des Blöden!

Die antiken Theatertexte haben schon immer als großes Thema verhandelt, wie man schuldig wird, auch wenn man versucht, alles richtig zu machen. Das hat gerade heute nichts mit Schicksal zu tun, dem man hilflos ausgesetzt ist: Der Begriff der Schicksalswahl ist purer Nonsens, denn wir sind es, die wählen, und keine olympischen Götter. Heute versucht man nicht mal alles richtig zu machen, man ist nicht mal Ödipus, der daran zugrunde geht, dass er den Dingen auf den Grund geht. Man ist Narziss, der dem Schwachsinn glaubt, den er im Spiegel sieht. In der Diktatur wenigstens misstraut der eine oder andere noch der Politik, in der Demokratie befördert sie allzu leicht die attraktive Illusion, man lebe in einer.

Wir brauchen keine Spiegelbilder. Wir brauchen Visionen. Visionen, die unserer Empörung treu sind. Auch wenn unsere Empörung zu der narzisstischen Kränkung führt, dass wir eben nicht moralisch sexy sind. Sonst landet man als Kadaver im Tümpel der Demokratie.

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