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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.02.2010

Sammlung von Gedichten

"Kippfigur", Edition Zwiefach Berlin 2009, 68 Seiten; "Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen", Edition Cornelius Halle 2009, 164 Seiten

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Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

In "Kippfigur" sind 53 Gedichte aus den Jahren zwischen 1972 und 2009 veröffentlicht. In "Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen" schreiben zahlreiche Autoren und Bildkünstler anlässlich des 400. Geburtstages von Paul Fleming.

Mit "Kippfigur" legt die Berliner Edition Zwiefach eine Hommage für den Lyriker Richard Pietraß in Buchform vor, mit der sich auch der Leser beschenkt fühlt. Auf sinnliche Weise erfährt er vom Treiben eines Dichters, der Illusionist und solider Handwerker ist. Ihm wird "über die Schulter geschaut", wie es im Untertitel heißt. Zu lesen und zu betrachten sind Gedichte - handgeschrieben, mit Korrekturen versehen und in Druckversion -, Ausschnitte aus Gesprächen und Reden, Grafiken und Fotos.

Der Buchtitel "Kippfigur" ist als Motto zu verstehen. Denn Pietraß ist ein Spieler. Ein "Artist auf freier Wanderschaft", der aus dem Klang einer Buchstabenfolge neue Verbindungen und damit immer neue Resonanzböden schafft. Im Gespräch mit Jürgen Engler bezeichnet er sich als "Traumwandler" und "Instinktwesen", das von seinen lyrischen Entdeckungen überrascht wird und "zögert, ihnen den gesetzlich schützenden Patenthut aufzusetzen".

Die ausgewählten 53 Gedichte sind zwischen 1972 und 2009 entstanden. Damit ist rein numerisch ein Dichterleben umrissen. In der vorliegenden Abfolge haben sie ihre Chronologie jedoch eingebüßt. Pietraß mischt sie ohne Respekt. Steht ihnen nicht bei. Er vertraut seinen lyrischen Gebilden und damit sich selbst.

"Angesichts der Sprechblasen öffentlicher Sprache", so Pietraß in seiner Dankesrede zur Verleihung des Wilhelm-Müller-Preises 1999, "ist ein Vorrat an unverbrauchter Sprache, ein Sprechvorrat, eine wichtige Ressource."

Ein solches Reservoir "an unverbrauchter Sprache" findet Richard Pietraß auch bei dem sächsischen Barockdichter Paul Fleming (1609-1640). Aus diesem Grund feiert er
gemeinsam mit Dichterkollegen und Freunden (u. a. Gerhard Wolf, Peter von Matt, Elke Erb, Reiner Kunze) sowie Bildenden Künstlern der Sächsischen Akademie dessen 400. Geburtstag mit einer wunderbaren Publikation. Unter dem schönen Titel "Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen" wird die Lebensreise des Dichters "in seinen schönsten Gedichten" geschildert. Die 78 Texte sind mit Lesarten aus heutiger Zeit sowie mit 16 Grafiken versehen.

Der Gedichtauswahl liegt "Paul Flemings Teutsche Poemata, in Verlegung Laurentz Jauchen Buchh." zugrunde. Sie erschien 1646 in Lübeck, sechs Jahre nach Flemings Tod, der bereits im Alter von 31 Jahren starb. Zwei Nachwörter (von Friedrich Dieckmann und Thomas Rosenlöcher) sollen dazu beitragen, die Zeitmauer von 400 Jahren zu überbrücken.

Bei der Lektüre der Gedichte wird man erstaunlich schnell mündig und bedarf der Lesarten nur gelegentlich. Denn hinter dem geschilderten Zeitgeschehen spricht – wie in "An sich" - die Stimme eines Subjekts zu uns.

Was klagt/was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir/ laß deinen eiteln Wahn/
und eh du förder gehst/so geh in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist/und sich beherrschen kan/
dem ist die weite Welt und alles unterthan.


Für den Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf kommt das Sonett aus einer vom Dreißigjährigen Krieg geprägten Epoche, "als das Wort Teutschland zum ersten Mal hoffnungsvoll und groß in Erscheinung tritt" und Dichter wie Andreas Gryphius und Fleming ihr Selbstverständnis zu artikulieren beginnen. Vielleicht klingt das Gedicht "An Deutschland" deshalb ganz gegenwärtig

Ja Mutter es ist war. Ich habe diese Zeit/
die Jugend mehr als faul und übel angewendet...
Ach Mutter zürne nicht; es ist mir mehr als leid...
Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen/
muß folgen/wie/und wenn/und wo man denckt hinaus ...


Fleming verstand sich zwar als "Opitzianer", zählt als Petrarcist aber zu den "Cheferotikern", wie Thomas Rosenlöcher meint. In seinem wohl bekanntesten Gedicht "Wie Er wolle geküsset seyn" zeigt sich Fleming nämlich als "ganzheitlich Liebender", der die Geliebte – als geliebtes und liebendes Subjekt – mit dem Pronomen "wir" ins Gedicht holt.

Küsse nun ein Jedermann
wie er weiß/will/soll und kan.
Ich nur/und die Liebste wissen/
wie wir uns recht sollen küssen.


Bei der Lektüre von "Kippfigur" und der poetischen Lebensreise des Paul Fleming spürt man, wie die Zeitmauer dünn wird. Der Sprache den "unverbrauchten" Teil abzutrotzen – darum geht es wohl in jeder Dichtung, zu jeder Zeit.

Besprochen von Carola Wiemers

Kippfigur. Ein Kiebitzbuch über die Schulter
Edition Zwiefach Berlin 2009, 68 Seiten, 20 Euro

Richard Pietraß: Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen
Edition Cornelius Halle 2009, 164 Seiten, 25 Euro

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