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Im Gespräch | Beitrag vom 19.01.2018

Sänger Max RaabeBariton mit Grandezza

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Der Sänger Max Raabe liest Zeitung (Gregor Hohenberg)
Der Sänger Max Raabe liest Zeitung (Gregor Hohenberg)

Akurater Scheitel, Frack und Fliege – so kennt man ihn: den Sänger Max Raabe. Eine Kunstfigur? "Viel Kunst ist da nicht", sagt er. "Ich bin so!"

Über seinen Smoking sagt er, er sei sein "Blaumann", und er singt mit feiner Ironie eine schwungvolle Mischung aus eigenen Liedern und Chansons der 20er und 30er. Für Max Raabe wurde es zur Passion, Noten und Texte aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wieder auszugraben:

"Da bin ich in die Keller gekrochen, und es fing aber an mit dem Flohmarkt. Da habe ich teilweise Fragmente von z.B. "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" gefunden, in einem Arrangement dessen fehlende Stimmen ich dann ganz woanders auf einem anderen Flohmarkt drei Monate später per Zufall gefunden habe und es war schon sehr aufwändig. In den Verlagen ist es etwas Präzises, also der Meiser Verlag hier in Berlin hat ein sehr gutes Archiv und inzwischen hat die UFA einen hervorragendes Archiv von Originalorchesterbearbeitung aus den 20er, 30er Jahren und dieser unverwertete Schatz, der lag uns da zu Füßen."

Besonders am Herzen liegen ihm die vielen jüdischen Komponisten, die von den Nazis ins Exil getrieben oder gar ermordet wurden. Dabei möchte er sie nicht als Opfer inszenieren, sondern ihre Musik einfach wieder zum Klingen bringen:

"Und wenn man sie hört und spielt, muss man nichts erklären, die zünden. Der Humor ist präzise und auf dem Punkt, die Melodien sind eingängig und die Orchester-Arrangements sind mitreißend. Das ist der Grund warum ich diese Stücke spiele und im Hintergrunde denke ich da manchmal, ich habe das mal gehabt, dass ich in einem großen, tollen Saal gesungen habe und gesagt habe: "und das Stück ist von Fritz Löhner- Beda" . Und ich habe in dem Moment gedacht, wie würde er sich jetzt freuen, wenn das Jahrzehnte, nachdem er so grausam umgebracht wurde in einem KZ, wenn er jetzt sehen könnte, da steht jetzt ein Orchester und spielt meine Nummer und erwähnt meinen Namen hier in diesem Saal. Um nichts mehr geht es. Ich möchte die Namen nennen, die vergessen gemacht werden sollten und auf der Bühne erzähle ich ansonsten nichts über sie."

Eigentlich wollte Max Raabe Opernsänger werden – um sich das Studium zu finanzieren, gründete er mit zwölf Kommilitonen das "Palast Orchester". Aus dem Studentenprojekt wurde schnell eine Institution in der Musikwelt. Der Durchbruch kam mit "Kein Schwein ruft mich an" – der Song machte Raabe weltberühmt.

Jetzt gibt es Neues von Deutschlands elegantestem Chansonnier: "Der perfekte Moment ... wird heut' verpennt" heißt seine aktuelle CD, erschienen bei der "Deutschen Grammophon" . Sie soll die Menschen animieren, mal abzuschalten:

"Mir ging es aber vor allen Dingen darum, dass man vielleicht mal einfach einen Stecker rauszieht. Dass man keinen Computer und auch nicht die Glotze anstellt, sondern einfach mal für sich ist und gar nichts macht. Wer weiß, vielleicht muss es eben nicht lange dauern,  aber ich habe das Gefühl, dass bei diesem Überangebot dieser Moment zu kurz kommt. Bei mir eigentlich nicht. Ich kann sehr gut abschalten. Ich habe auch das Gefühl, ich denk dann gar nichts. Und diese Leere, die finde ich ganz schön."

Die Lieder auf der neuen CD haben nicht viel gemein mit seinem sonstigen Repertoire. Sie sind überraschend poppig geworden:

"Wenn ich jetzt über zwischenmenschliche Beziehungen,  über das Durcheinander der Gefühle spreche oder schreiben möchte, dann fand ich, muss die Musik erkennen lassen, dass es von heute ist. Aber ich will jetzt nicht auf einmal wilde Popmusik machen, sondern so eine gewisse Eleganz und Geschmeidigkeit zwar in der Popmusik, aber ganz eindeutig, es muss von heute sein."

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