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Buchkritik | Beitrag vom 20.02.2017

Sachbuch "Zukunft: Wohnen"Migration als Impuls für Architektur und Stadtplanung

Von Susanne Luerweg

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Buchcover von "Zukunft: Wohnen". Im Hintergrund die Fassade eines Wohnblocks in Berlin. (Jovis Verlag / dpa / Britta Pedersen)
Buchcover von "Zukunft: Wohnen". Im Hintergrund die Fassade eines Wohnblocks in Berlin. (Jovis Verlag / dpa / Britta Pedersen)

Wie der wachsenden Wohnungsnot begegnen? Eine Gruppe von Architekten gibt mit "Zukunft: Wohnen" Antworten auf diese drängende Frage: Ankommende Flüchtlinge begreifen die Herausgeber als Chance, die Großstädte zu "Arrival Cities" umzugestalten.

Diese Frage dominiert schon lange die Architektur unserer Zeit: Wie kann schnell und unbürokratisch Wohnraum für einkommensschwache Bevölkerungsschichten und Flüchtlinge entstehen? Schlagwörter gibt es viele: Integration statt Ausgrenzung. Leben im Zentrum statt am Rand. Gemeinsam statt Gegeneinander. Ein Heim statt einer Hütte. Damit wird der Architektur gegenwärtig eine gesellschaftliche Verantwortung zugeschrieben, die kaum zu erfüllen ist. Die Herausgeber des Buches "Zukunft: Wohnen" stellen sich dieser Aufgabe trotzdem.

Das Buch ist eine Fortschreibung des 2015 erschienen Werkes "Refugees Welcome". Damals hat der Architekt und Professor der Leibniz Universität Hannover Jörg Friedrich zusammen mit Kollegen Studentenprojekte vorgestellt, die sich mit sogenannter "Flüchtlingsarchitektur" beschäftigen. In "Zukunft: Wohnen" gehen die Herausgeber auf 300 Seiten noch einen Schritt weiter. Die neu vorliegenden Lösungsansätze sind internationaler. Sie dokumentieren nicht nur bauliche Entwürfe, sondern auch die Frage nach der richtigen Finanzierung, Ideen für mögliche baurechtliche Fortschritte werden angesprochen, und ein genauer Blick auf die Zahlen der Ankommenden geworfen.

Flüchtlingszahlen und Akzeptanz rückläufig

Zunächst benennt das Buch die rückläufigen Flüchtlingszahlen, ebenso wie die rückläufige Akzeptanz der Ankommenden. Breite Teile der Bevölkerung fühlen sich speziell von Muslimen bedroht, wollen sie nicht in ihrer Nähe haben, und können sich ein dauerhaftes Miteinander nicht vorstellen. Genau an dieser Stelle setzt das Buch an: Wie können künftige architektonische Lösungen das Misstrauen senken, das Miteinander fördern?

Die zahlreichen Beispiele können Mut machen: angefangen von der Bebauung zahlreicher Flachdächer in den Innenstädten über die Nutzung kleinster Baulücken bis hin zu Holzhäusern und schnell errichteten Modulbauten. Das alles ganz im Sinne der letzten Architekturbiennale und dem Motto des deutschen Pavillons: "Making Heimat".

Plädoyer für "Arrival Cities"

Das Buch lädt ein, nachhaltig zu bauen, keine Stahlcontainer, sondern heimelige Holzbauten zu schaffen, und Flüchtlinge nicht als Krise, sondern als Chance zu begreifen. Die Großstädte seien "Arrival Cities" geworden, und ganz im Sinne des begriffsprägenden Autors Doug Sanders, ist es gut eine "Arrival City" zu sein. Wie wir mit dieser großen Aufgabe umgehen können, versuchen die Autoren von "Zukunft: Wohnen" zu verdeutlichen. An manchen Stellen ein wenig blauäugig – aber ohne Optimismus lassen sich die Probleme der Zukunft auch nicht lösen. Das Buch bietet mehr als ein paar verkopfte Lösungsansätze, wenn auch das ein oder andere bauliche Luftschloss wohl nie über das Papierstadium hinauskommen wird. Die Diskussion um die Zukunft des Wohnens kann nicht intensiv genug geführt werden, das vorliegende Buch liefert einen guten Ansatz.

Jörg Friedrich, Peter Haslinger, Simon Takasaki, Valentina Forsch (Hg.): Zukunft: Wohnen. Migration als Impuls für die kooperative Stadt
Jovis Verlag, Berlin 2017
320 Seiten, ca. 200 farbige Abbildungen und Pläne, 32 Euro

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