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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.09.2014

SachbuchPhilosophie der menschlichen Abgründe

Judith Shklar: "Ganz normale Laster"

Von Catherine Newmark

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Propaganda der Dschihadisten: Das Foto zeigt die Vorführung irakischer Soldaten (dpa / picture-alliance / Welayat Salahadden)
Grausamkeiten im Irak: IS-Kämpfer führen Gefangene vor. (dpa / picture-alliance / Welayat Salahadden)

Grausamkeit, Heuchelei, Snobismus, Verrat und Misanthropie: Judith Shklar widmet sich in "Ganz normale Laster" den schlechten Charaktereigenschaften des Menschen. Und welche davon ist die schlimmste? Darauf hat die Philosophin ein eindeutige Antwort.

Über "Laster" zu schreiben, sie in eine Reihenfolge der Schwere der Vergehen bringen zu wollen, mutet eigentümlich altmodisch an. Man findet sich erinnert an traditionelle christliche Aufzählungen von "Hauptlastern" – Wollust, Völlerei, Faulheit etwa, die in einer hedonistischen Gesellschaft längst eingemeindet sind ins ganz normale Genussverhalten.

Judith Shklar (1928-1992), die im englischsprachigen Raum als eine der maßgeblichen politischen Philosophinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, grenzt sich in ihrer Liste der "Ganz normalen Laster" klar ab vom christlichen Kanon: Die von ihr abgehandelten schlechten Charaktereigenschaften sind Grausamkeit, Heuchelei, Snobismus, Verrat und Misanthropie. Um die Frage, welche dieser am Schwersten wiegt, geht es ihr allerdings auch. Denn für Shklar sind Laster nicht nur individuelle Sünden.

Die Frage, welche Laster eine Gesellschaft verurteilt, ist eine Frage nach der politischen Ordnung dieser Gesellschaft. Und für Shklar kann sie eindeutig beantwortet werden: Während andere Laster unschön sind, aber auch gesellschaftliche Funktionen haben (etwa Heuchelei: wo kämen wir hin, wenn wir uns nicht auch ab und zu verstellen dürften), ist Grausamkeit das schlimmste Übel, das summum malum. Sie zu vermeiden, muss zentrales Ziel jeder politischen Ordnung sein.

Schwungvoller Durchgang durch die Literaturgeschichte

Shklar behandelt Grausamkeit und die anderen Laster ausführlich im Rückgriff auf philosophische, aber vor allem auch literarische Texte. Strenge Systematik wird man hier vergebens suchen, einen schwungvollen Durchgang durch die Literaturgeschichte, schöne Beobachtungen zu den Snobs bei Jane Austen, oder den Heuchlern bei Molière finden sich in Hülle und Fülle.

Auf einen zentralen philosophischen Punkt laufen die Lasteranalysen, insbesondere diejenige der Grausamkeit, trotzdem hinaus, denjenigen, der Shklars Version des Liberalismus, die sie auch als "Liberalismus der Furcht" bezeichnet, ganz allgemein charakterisiert: Liberalismus ist für Shklar anders als für viele Kritiker nicht etwa ein politischer Rahmen, in dem sich individueller Egoismus zügellos Bahn brechen kann, sondern eine sich einem Zivilisationsprozess verdankende politische Ordnung, die sich der Beherrschung niederer Triebe – vor allem der Grausamkeit – verdankt. Sie garantiert, dass auch die Freiheit ihrer schwächsten Glieder gewahrt wird.

In diesem Punkt ist Shklar gerade heute aktuell und unbedingt zu entdecken. Positiv erwähnt sei auch noch die ausführliche intellektuelle Biografie, die der Übersetzer Hannes Bajohr als Nachwort geschrieben hat: Sie stellt das Leben Shklars – als Jüdin in den 30ern aus Litauen emigriert, als eine der ersten Frauen überhaupt Professorin in Harvard – in einen anregenden Zusammenhang mit ihrem Werk. Die Erfahrung der Emigration, die Außenseiterrolle im amerikanischen intellektuellen Establishment als Jüdin und als Frau, sind zentrale Motive, die sich in ihrer politischen Theorie und auch in den vorliegenden Essays niederschlagen.

Judith Shklar: Ganz normale Laster
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2014
346 Seiten, 29,90 Euro
Aus dem Englischen von Hannes Bajohr

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