Montag, 25.06.2018
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.12.2017

Ruth Zylberman: "Vermisstenstelle" Wie der Holocaust die Mutter beeinflusst hat

Von Sigrid Brinkmann

Podcast abonnieren
"Vermisstenstelle" von Ruth Zylberman (Secession Verlag für Literatur/picture alliance/dpa/Foto: afp )
In "Vermisstenstelle" schreibt Ruth Zylberman über die Auswirkungen des Holocausts auf ihre Familie. (Secession Verlag für Literatur/picture alliance/dpa/Foto: afp )

Als Erwachsene begreift Ruth Zylberman, dass die Aufarbeitung des Krieges in Frankreich "niemals wirklich stattgefunden" hat. In "Vermisstenstelle" spürt sie der Geschichte ihrer Familie nach, die das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatte.

Als autodidaktische Dokumentarfilmerin hat Ruth Zylberman gelernt, sich ihrem Gegenüber bestimmt zu nähern, es unaufdringlich zum Reden zu verleiten und zu begleiten. Parallel zu ihrem Film "209, rue Saint-Maur" über ehemalige, noch lebende jüdische Bewohner eines Pariser Hauses entstand ihr erstes Buch. Es literarisiert die eigene Lebensgeschichte. Mit zarten Worten und nie abschweifend in ihren Beobachtungen erzählt die 1971 in Paris geborene Autorin, warum eine junge Frau nicht länger die Aufgabe erfüllen will, als "geretteter Vogel" und "als Eroberer in die weite Welt entsandt" zu werden.

Ruth Zylberman ist die Tochter einer Frau, die zusammen mit Schwester und Mutter das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebte. Die Kindheit des Erzähler-Ichs war geprägt von der unentwegten Suche der Mutter nach Winkeln, Gassen, Läden, Häusern und Menschen, die Vertrauen zurückgaben und mit denen sich eine "Wiedergeburt" einleiten ließe.

Mitschuld an den Deportationen französischer Juden

Als "Kind der Generation Mitterand" war Ruth Zylberman im Glauben an das kollektive Narrativ vom "großherzigen, aufgeklärten" Frankreich aufgewachsen. Als sie begriff, dass der sphinxhaft lächelnde Präsident sich nur "für die ranzigsten Zeilen kompromittierter Schriftsteller erwärmte", stand für sie fest: Die Aufarbeitung des Krieges hatte in Frankreich "niemals wirklich stattgefunden". Bis Mitte der 1990er-Jahre zögerten Politiker es hinaus, Mitschuld an den Deportationen französischer Juden offiziell zuzugeben. 

Ruth Zylberman inventarisiert ihre Geschichte und die ihrer Mutter. "Bestandsaufnahme" steht über den ersten sieben Kapiteln, gefolgt von den Abschnitten "Im Osten" und den "Bauchrednereien". Traumhaft lesen sich jene zwölf Seiten, auf denen die Autorin drei Männer beschreibt, die wie Jäger oder Wünschelrutengänger durch Paris ziehen. Sie halten plötzlich mitten auf einer Straße inne oder stehen im Innenhof eines Palais, "von dem nur die zur Rumpelkammer umfunktionierten Pferdeställe übrig geblieben sind". Die Passion der Autorin für die den Steinflächen eingeschriebenen Geschichtsspuren ist eine klare Referenz an die Ausdauer, mit der die Schriftsteller Robert Bober und Patrick Modiano Paris seit Jahrzehnten durchstreifen und in ihren Fiktionen die Vergangenheit mit dem Heute verblenden.

Für einen Moment keimte Hoffnung auf

Das Kernereignis des von Patricia Klobusiczky hervorragend übersetzten Buches ist das Auffinden eines amtlichen Schreibens vom April 1945. Die Vermisstenstelle des Ministeriums für Kriegsgefangene teilte Ruth Zylbermans Großmutter mit, dass ihr Ehemann bei der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen noch gelebt hatte. Für einen Moment keimte in der Tochter die widersinnige Hoffnung auf, der Vater könnte möglicherweise noch leben. 

Auf einem Feld nahe des ehemaligen Lagers Bergen-Belsen erlebte die Autorin dann, wie ihre Mutter regredierte: Wie sie ihr über dem Boden kauernd, als Affe, Wolf, oder Hund erschien. Die Erkenntnis, dass sie als Kind "grausam und abscheulich" gewesen sein musste, um zu überleben, wird als Lebenswunde identifiziert, der nichts und niemand gewachsen war. "Die mögliche Heimkehr", resümiert Ruth Zylberman illusionslos, "war ein Trugbild."

Es gibt nicht die Spur Larmoyanz in ihrem Prosadebüt. Gelegentlich ein Staunen über das Privileg, zu leben. Und den Mut, sich in einer kurzen Sequenz an den äußersten Rand des Vorstellbaren zu wagen: den Blick des moribunden Großvaters auf seine Töchter, die ihn in Bergen-Belsen nicht mehr erkannten und schon zu den Toten zählten.

Ruth Zylberman: "Vermisstenstelle"
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky 
Secession Verlag für Literatur, Berlin 2017
174 Seiten, 20,00 Euro

Mehr zum Thema

KZ-Überlebende Anita und Renate Lasker - "Wir waren freche Kinder"
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 10.10.2017)

Lesart

Marie Nimier: "Der Strand"Sommertage im Schwebezustand
"Der Strand" von Marie Nimier (Verlag Dörlemann/imago/Hartenfelser)

Eine Frau trifft auf einer Mittelmeerinsel auf einen Mann und seine Tochter an. Vieles bleibt vage in "Der Strand" von Marie Nimier - und weit entfernt von allen "gewöhnlichen" Strandurlauben. Und doch treffen wir dort auf Menschen aus unserer Gegenwart.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur