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Dienstag, 23.01.2018

Buchkritik | Beitrag vom 03.01.2018

Rüdiger Bertram: "Der Pfad"Flucht in die Freiheit

Von Sylvia Schwab

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Buchcover Rüdiger Bertram: "Der Pfad" (cbj / picture alliance)
In dem Buch "Der Pfad" muss der zwölfjährige Rolf mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen. (cbj / picture alliance)

Biografien, Romane, Graphic Novels: Über den Nationalsozialismus gibt es viele Kinder- und Jugendbücher. Autor Rüdiger Bertram erzählt in seinem neuen Buch von einer Flucht vor den Nazis – jenseits von Deutschland.

Im Mittelpunkt von Rüdiger Bertrams Kinderroman "Der Pfad" steht Rolf, ein zwölfjähriger Junge aus Berlin, der mit seinen Eltern Ende der 30er-Jahre nach Paris fliehen muss. Denn sein Vater, ein Journalist, ist ein bekannter Nazi-Gegner. Die Mutter reist weiter nach New York, Vater und Sohn dagegen bleiben in Paris. Als die deutschen Truppen in Frankreich einfallen, fliehen sie vor ihnen nach Marseille. Hier beginnt der Roman. Von Südfrankreich aus wollen die beiden nach Spanien fliehen, über die Pyrenäen, um dann von Lissabon aus ein Schiff in die USA zu nehmen.

Nur Rolf gelingt die Flucht über die Grenze, zu Fuß durchs Gebirge, geführt von dem Hirtenjungen Manuel. Sein Vater wird unterwegs verhaftet, woran Rolf mitschuldig ist. Rüdiger Bertram erzählt sehr spannend von dem anstrengenden Fußmarsch, der Verhaftung des Vaters, dem Plan der beiden Jungen Rolf und Manuel, ihn zu suchen. Vom Überleben in freier Natur, dem Überfall eines Bären und einer Zugfahrt als blinde Passagiere. Und schließlich von der Befreiung von Manuels Eltern – beide sind Widerstandskämpfer – aus dem Gefängnis. Ein bitterer Beigeschmack bleibt am Schluss: Rolf ist gerettet, aber sein Vater wird nie in den USA ankommen.

Inspiriert von Erinnerungen einer Fluchthelferin

Wichtige historische Hintergründe dieser Fluchtgeschichte streut der Autor als Erinnerungen der Protagonisten ein: die Bücherverbrennung, die Bedeutung des Vaters als regimekritischer Journalist, das radikale Vorgehen der deutschen Soldaten gegen Flüchtlinge in Frankreich. Im Nachwort erfährt man, dass Rolfs Geschichte von den Lebenserinnerungen der Fluchthelferin Lisa Fittko inspiriert wurde. Rüdiger Bertram hat vor Ort selbst recherchiert. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass er seine jungen Leser unterschätzt: Sie werden einige Ungereimtheiten nicht einfach hinnehmen. Warum zum Beispiel sind Vater und Sohn nicht gleich mit der Mutter von Paris aus in die USA gestartet? Wieso funktioniert die zweite Flucht über die Grenze so einfach mit dem LKW, während die erste zu Fuß doch so beschwerlich und gefährlich war?

Rüdiger Bertram ist bisher für Pony-, Fußball- und Monstergeschichten bekannt. Den "Pfad" nennt er in einem Text auf seiner Homepage sein bisher wichtigstes Kinderbuch – wohl weil es sich an ein ernstes historisches Thema heranwagt. Der Roman ist solide konstruiert und locker geschrieben, allerdings ohne sprachliche Ambitionen. Ein sorgfältigeres Lektorat hätte einige ungeschickte Formulierungen und vor allem diverse Rechtschreibfehler verhindern können.

Hommage an Kästner

"Der Pfad" ist ein Kinderroman mit historischem Hintergrund, vor allem aber eine Abenteuer- und Freundschaftsgeschichte. Wie hier zwei Jungen aus verschiedenen Ländern mit so völlig unterschiedlicher Bildung und Erfahrung zu Freunden werden, weil sie erkennen, wie wichtig die Fähigkeiten des Anderen sind – das ist nett erzählt. Und dass ein Buch – Erich Kästners "Der 35. Mai" – eine so wichtige Rolle spielt in diesem Kinderroman, ist eine schöne Hommage an die Relevanz der Kinderliteratur.

Rüdiger Bertram: Der Pfad. Die Geschichte einer Flucht in die Freiheit
Mit Comics von Heribert Schulmeyer
Verlag cbj München, 235 Seiten
Ab 12 Jahren, 12,99 Euro

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