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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2013

Rückkehr der Hormontherapie

Dabei sind die Risiken längst nicht ausgeräumt

Von Anna Florenske

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Die Hormontherapie gegen Beschwerden in den Wechseljahren ist wissenschaftlich umstritten. (picture alliance / dpa)
Die Hormontherapie gegen Beschwerden in den Wechseljahren ist wissenschaftlich umstritten. (picture alliance / dpa)

Hormone künstlich ersetzen, die Frauen ab Mitte 40 abbauen - lange Zeit galt das als einfache Lösung für Wechseljahrsbeschwerden. Dann wurden Risiken bekannt und die Zahl der verkauften Präparate ging deutlich zurück. Nun hört man in den Medien oder unter Gynokologen von einer "Renaissance der Hormontherapie". Was ist dran?

"Die Beschwerden waren ziemlich klassisch: Ich habe sehr schlecht geschlafen. Und ich habe geschwitzt. Aber wirklich wie der Teufel."

Zu Beginn der 2000er Jahre: Agnes Rudy litt stark an den Symptomen ihrer Wechseljahre. Erst eine Therapie mit Hormonen verschaffte ihr Erleichterung.

"Hat sich eigentlich alles wieder zurück gestellt – es war dann alles wieder wie vorher: Ich habe nicht geschwitzt, ich habe gut geschlafen. Alles war vorbei, es war ideal."

Dass eine Hormontherapie gegen starke Beschwerden in den Wechseljahren wirksam hilft, steht schon seit langem außer Frage. Doch auch über 40-Jährige ohne Beschwerden bekamen früher meist Hormone verschrieben, erinnert sich die Gynäkologin Maria Beckermann.

"Da ging es ja gar nicht um das Thema Wechseljahre und deren Beschwerden. Sondern da ging es darum: Sollen wir allen Frauen zur Vorbeugung von Alterserkrankungen Hormone verordnen. Und das war damals eben der Tenor. Und es gab sehr starke Hormonbefürworter, die habe die Frauenärzte massiv unter Druck gesetzt. Auf jedem Kongress, auf jeder Veranstaltung haben sie gesagt: Gebt den Frauen Hormone. Und wenn Ihr das nicht tut, macht Ihr Euch unterlassener Hilfeleistung schuldig."

Der Ärztin, die sich auch im Arbeitskreis Frauengesundheit engagiert, war der unkritische Umgang mit den Hormonen damals schon ein Rätsel. Sie war von jeher sehr vorsichtig beim Verschreiben von Hormonen. Nicht zuletzt, weil die Datenlage bis zu Beginn der 2000er Jahre sehr dürftig war, wie ihre eigenen Recherchen zeigten:

"Da habe ich meine Schlüsse gezogen. Nämlich dass die ganzen Vorteile, die ja zu diesem Zeitpunkt von der offiziellen Gynäkologie praktisch proklamiert wurden, dass die keine guten Datenlage haben. Dass es mehr Hoffnungen sind, als dass das bewiesene Tatsachen gewesen sind."

Die Vorsicht der Ärztin erwies sich später als richtig: Im Jahr 2002 offenbart eine große amerikanische Studie erstmals die Risiken einer langjährigen Hormontherapie. Für den Pharmakologe Gerd Glaeske von der Uni in Bremen ein wissenschaftlicher Meilenstein:

"Die Womens Health Initiative Study, WHI-Studie kurz abgekürzt, die gezeigt hat, dass mit der fortwährenden Verordnung solcher Hormone gewaltige Schädigungen für Frauen verbunden sein können. Das ging darum, dass eben der Anteil von Herzinfarkten anstieg, von Schlaganfällen anstieg, von Thrombosen, also von Gefäßverschlüssen, aber vor allen Dingen auch von Brustkrebserkrankungen anstieg."

Für Gerd Glaeske ist die Geschichte der Hormontherapie einer der größten Skandale der Medizingeschichte, nach Contergan. Millionen Frauen weltweit hatten Hormone in und nach den Wechseljahren erhalten – angeblich, um damit Krankheiten zu verhüten: Verschiedene Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Osteoporose. Letztlich wurde aber nur ein positiver Effekt auf Osteoporose und die Wahrscheinlichkeit von Darmkrebs gefunden. Und daneben vor allem gesundheitliche Gefahren.

Konsequenz der Studie: Wie in Deutschland verschärften auch in anderen Ländern etliche Arzneimittelbehörden die Warnhinweise in den Beipackzetteln und schränkten die Anwendungsbereiche der Hormon-Präparate stark ein, erinnert sich Professor Glaeske. Besonders die der Kombinationspräparate mit den Hormonen Östrogen und Gestagen.

"Auf alle Fälle hat man deutlich gemacht, dass diese Kombinationen möglichst nicht mehr oder wenn, dann nur über eine möglichst kurze Zeit, niedrig dosiert und nur bei starken Wechseljahresbeschwerden einzusetzen sind."

Weitere Folgen: Es hagelte negative Schlagzeilen und Warnungen zur Hormontherapie. Auch Agnes Rudy wurde skeptisch:

"Ich habe es irgendwo gelesen. Richtige kritische und wichtige Artikel darüber. Und meine Frauenärztin war genauso darüber aufgeklärt. Und die hat dann auch gesagt: Ja, es ist so, wie es da steht."

Trotz Risiken: Renaissance der Hormontherapie?

2013. Gut zehn Jahre später. Die Hormontherapie ist wieder ein Thema: Die Wochenzeitung die "Zeit" titelt zum Beispiel über den sogenannten "Hormonersatz" in den Wechseljahren:

"Erst gepriesen, dann verrufen, jetzt wieder denkbar."

Auch bei der DGGG, das ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Gynäkologen, heißt es in einer Pressemitteilung:

"Menopause – Hormone gehen doch."

Und auf dem diesjährigen Fortbildungskongress in Düsseldorf resümiert der Berufsverband der Frauenärzte:

"Wechseljahre – es dürfen wieder Hormone sein!"

Vielerorts ist bereits von einer Wiedergeburt, einer Renaissance der alten Hormontherapie die Rede. Professor Ludwig Kiesel, ein Vertreter der DGGG erklärt, warum:

"Ich glaube, dass einige Daten in letzten Jahren publiziert worden sind, die eine gewisse Renaissance - wie es manche bezeichnen - der Hormontherapie nahelegen könnten."

Die Daten, auf die sich Professor Kiesel und auch die Artikel in der Presse beziehen, stammen vor allem aus einer zehn Jahre alten dänischen Studie, die allerdings erst im Herbst veröffentlicht wurde. Anders als bisher für maßgeblich gehaltene Studien hat die dänische Studie besonders Frauen betrachtet, die vergleichsweise früh, also bereits zu Beginn der Wechseljahre, Hormone eingenommen haben.

"Wenn man das macht – nämlich möglichst frühzeitig eine Hormonbehandlung beginnt, wenn die Beschwerden da sind - dann hat man nach den Studien gezeigt, dass die beobachteten Nebenwirkungen nicht so da sind. Oder gar nicht nachweisbar sind."

Ebenso schlussfolgert die Studie, dass Hormone sogar das Risiko, eine Herzschwäche oder einen Herzinfarkt zu erleiden, senken. Wenn sie früh eingenommen werden. Argumente, die weitere Kreise ziehen: Auch auf dem diesjährigen Fortbildungskongress des Berufsverbandes der Frauenärzte ist das Thema. Der Gynäkologe Johannes Huber aus Wien relativiert bei seinem Vortrag die Risiken der Hormontherapie. Warum, erklärt er später:

"Die Autoren selbst haben dann in der Diskussion zusammengefasst: Wir können den Frauen wieder Mut machen. Wir müssen sie nicht verunsichern und ihnen Angst vermitteln, dass sie damit Brustkrebs bekommen."

Alte Studie, neu verpackt

Jetzt endlich erwiesen? Gesundheitliche Vorteile und nun doch geringere Risiken als bisher gedacht durch die Hormontherapie? Maria Beckermann vom Arbeitskreis Frauengesundheit sieht keinen Anlass zur Euphorie:

"Diese dänische Studie, die jetzt von den Hormonbefürwortern als Begründung genommen wird dafür zu sagen, dass Hormone doch gut sind für die Gesundheit von Frauen – die ist überhaupt kein Beleg. Solche Studien die bringen überhaupt keine neue Erkenntnis, weil sie so eine schlechte Qualität haben!"

Ein wesentlicher Kritikpunkt: Die dänische Studie sollte ursprünglich etwas anderes untersuchen, und zwar ob Hormone bei Osteoporose helfen können. Sie wurde allerdings aus Sicherheitsgründen abgebrochen, als durch die große amerikanische Untersuchung die Risiken der Hormontherapie offenkundig wurden. Später widmeten die Autoren das Thema kurzerhand um – und suchten nach einer anderen positiven Wirkung, bemängelt auch der Pharmakologe Gerd Glaeske:

"Und das ist das große Problem dieser Studie: Nicht nur, dass sie so klein ist. Sondern, dass eben auch die Fragestellungen verändert worden sind. Und dass man nachträglich eine andere Fragestellung auf die Daten gelegt hat, das ist methodisch und statistisch überhaupt nicht tragbar."

Auch wussten die untersuchten Personen während der Studie, ob sie Hormone bekamen oder nur ein Scheinmedikament. Standard für hochwertige Studien ist aber, dass zumindest die Untersuchungspersonen nichts davon ahnen - um wertende Einflüsse zu vermeiden.

Ein klarer Fall von Studien-Schmu, heißt es dazu auch beim Arzneitelegramm, einer unabhängigen Pharma-Fachzeitschrift. Nichts - auch keine andere Studie - spreche dafür, dass die Hormontherapie in den Wechseljahren aus heutiger Sicht weniger riskant sei, als bisher gedacht. Das bestätigt auch die deutsche Arzneimittelbehörde. Fazit: Hormonpillen, -pflaster oder -cremes sollten nur bei schweren Beschwerden und möglichst kurzzeitig und niedrig dosiert angewandt werden. Auch sei die Einnahme von Hormonen zur Vorbeugung chronischer Krankheiten nach heutigem Kenntnisstand nicht zu rechtfertigen.

Professor Gerd Glaeske vermutet, dass wirtschaftliche Gründe die Renaissance der Hormone beflügeln. Denn: Nachdem die Risiken der Hormontherapie zu Anfang der 2000er Jahre bekannt wurden, brach die Zahl der Verschreibungen in Deutschland um ein Drittel ein.

"Man schätzt, dass ungefähr 4-5 Millionen Frauen diese Mittel kontinuierlich genommen haben. Und wenn da schon ein Drittel wegbricht, dann heißt das: Es bricht auch Profit weg. Es bricht Absatz weg."

Derzeit geben die gesetzlichen Krankenkassen 170 Millionen Euro pro Jahr für Hormontherapien aus. Anfang der 2000 der Jahre waren es noch 360 Millionen, also mehr als das Doppelte. Voraussichtlich wollen sich die Arzneimittelhersteller einen Teil dieses Kuchens wiederholen, glaubt Maria Beckermann. Aktuell lässt sich zum Beispiel beobachten, dass die Verkaufszahlen von einzelnen, vermeintlich neuen Präparaten im Bereich der Hormontherapie wieder ansteigen.

"Die pharmazeutische Industrie hat jetzt durch die WHI Studie eine Rieseneinbuße erlebt. Und dann haben sie wahrscheinlich eine Strategie entwickelt, wo sie gesagt haben: Jetzt warten wir mal so lange und die Leute vergessen aber auch schnell und dann können wir das Ganze nochmal neu wieder befördern."

Agnes Rudy möchte da nicht mitmachen. Auch wenn die Hitzewallungen zuweilen wieder kamen – wie viele Frauen kommt sie auch ohne Hormonpillen aus:

"Die Risiken waren mir einfach zu hoch. Und ich habe einfach eingesehen: Dann muss ich meinen Lebensstil ändern. Ich bin einfach kein sportlicher Mensch. Aber ich habe Jogging ausprobiert, Nordic Walking war am besten. Viel Schwimmen, viel Radfahren. Viel Laufen. Das war dann die Lösung für mich."

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