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Mittwoch, 22.11.2017

Interview | Beitrag vom 08.11.2017

Rosemarie Koczÿs erfundene Biografie"Es war nicht berechnend, sie hat dadurch nicht besser verkauft"

Hans-Jürgen Schwalm im Gespräch mit Dieter Kassel

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Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, geht durch die Ausstellung mit Werken von Rosemarie Koczÿ (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)
Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, geht durch die Ausstellung mit Werken von Rosemarie Koczÿ (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)

Die Künstlerin Rosemarie Koczÿ behauptete, als Kind im Konzentrationslager interniert gewesen zu sein, weil sie Jüdin war. Beides stimmt nicht, haben Historiker nachgewiesen. Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, sieht das Werk von Koczÿ durch die Täuschung nicht diskreditiert.

Die Künstlerin Rosemarie Koczÿ hat in ihrer Biographie angegeben, jüdischer Abstammung zu sein. Das ist falsch, wie Nachforschungen von Recklinghausener Historikern ergeben haben. Es stimmt auch nicht, dass Koczÿ als Kind in einem Konzentrationslager interniert war. Eine Künstlerin hat sich als Jüdin ausgegeben, im Grunde plötzlich, erst Anfang der 1990er Jahre. Das ist schwer zu erklären.

Dazu kommt, dass Koczy in ihrer Biographie nicht alles erfunden hat - sie habe offenbar eine sehr schwierige Kindheit mit Aufenthalten im Kinderheim und bei Pflegeeltern gehabt, sagte Hans-Jürgen Schwalm, Direktor des Kunsthalle Recklinghausen, im Deutschlandfunk Kultur.

Kann man die Werke noch zeigen?

Die Kunsthalle zeigt eine Ausstellung mit Arbeiten Koczys, die ihr Ehemann nach ihrem Tod dem Museum vermachte. Kann man diese noch zeigen? Schwalm antwortet mit einem klaren ja. Man zeige die Kunst Koczys nicht, weil sie in Recklinghausen geboren worden sei oder aufgrund der von ihr erfundenen jüdischen Identität, sondern wegen "der Qualität des Werks".

"Sie hat nicht nur ein sehr umfangreiches Werk mit 15.000 Arbeiten, sondern auch ein sehr originelles und sehr komplexes Werk hinterlassen, das eine sehr klar, sehr individuelle Handschrift besitzt."

Koczy muss manisch gearbeitet haben

Koczy, die vor rund zehn Jahren in der Nähe von New York starb, sei offen und experimentierfreudig gewesen und müsse überdies manisch gearbeitet haben, betonte Schwalm. Ihre Kunst sieht er auch deswegen nicht diskreditiert, weil er keine Berechnung in Koczys erfundener Biographie finden kann:

"Im Falle von Rosemarie Koczy würde ich sagen, nein, es war eigentlich nicht berechnend. Sie hat dadurch nicht besser verkauft, sie hat dadurch nicht besser ausgestellt, sie war nicht plötzlich ein Liebling der Medien. Sie hat eigentlich ein sehr stilles und auch dem Kunstmarkt abgewandtes Leben geführt. Ihre wichtigen Ausstellungen lagen eigentlich vor 1990."

(ahe)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Rosemarie Koczy war eine in Recklinghausen geborene Künstlerin. Sie ist später zuerst in die Schweiz, dann in die USA gegangen, war sehr erfolgreich. Werke von Rosemarie Koczy hängen unter anderem im Guggenheim-Museum in New York und auch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Vor allem Letzteres kommt einem jetzt doch sehr merkwürdig vor, denn inzwischen ist herausgekommen, dass die Lebensgeschichte, die Rosemarie Koczy selbst erzählt hat, die Geschichte nämlich, sie sei Tochter einer jüdischen Familie gewesen und sei als junges Mädchen als Jüdin deportiert worden und habe Erfahrungen in zwei Konzentrationslagern gemacht, dass diese Geschichte nicht wahr ist, dass sie diese Geschichte nur erfunden hat. Das wirft jetzt große Probleme auf, auch in ihrer Geburtsstadt Recklinghausen, denn dort läuft seit dem 28. August eine große Ausstellung mit Werken von Rosemarie Koczy. Sie hat auch einen großen Teil ihres Werks dieser Stadt vermacht. Wir wollen deshalb darüber jetzt mit Hans-Jürgen Schwalm reden, er ist der Direktor der Kunsthalle Recklinghausen. Herr Schwalm, schönen guten Morgen!

Hans-Jürgen Schwalm: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Wie haben Sie und Ihre Kollegen das denn überhaupt alles erfahren, dass diese Geschichte, an die alle, die diese Künstlerin kannten, ja viele Jahre geglaubt haben, dass diese Geschichte nicht stimmt?

Schwalm: Diese Geschichte war auch die Geschichte, auf der wir unsere Ausstellung geplant haben. Wie gesagt, wir haben vor einigen Jahren nach dem Tode von Rosemarie Koczy – sie ist 2008 in der Nähe von New York verstorben – ein großes Konvolut als Donation bekommen. Der Ehemann hat – Sie haben ja vorhin schon Yad Vashem genannt und auch andere Museen – nach dem Tod von Rosemarie Koczy, er saß auf einem riesigen Konvolut von 15.000 Arbeiten, dieses Werk gestreut und verschiedene Häuser mit Schenkungen bedacht. So eben auch die Kunsthalle Recklinghausen, denn Recklinghausen ist die Geburtsstadt von Rosemarie Koczy.

Hören Sie hier auch unser Gespräch mit dem Kunsthistoriker Jürgen Kaumkötter über den Fall Koczy:

Wir haben in diesem Jahr dieses große Konvolut, es sind 200 Arbeiten, meistens Papierarbeiten, gesichtet, und es einfach vom künstlerischen Wert für spannend gefunden, diese Schenkung zu präsentieren, zumindest die Hälfte der Arbeiten, die an uns gekommen sind. Im Zuge der Ausstellung oder in Vorbereitung der Ausstellung haben zwei Historiker der Stadt – das ist der Stadtarchivar Matthias Cordes und der Beigeordnete Georg Möllers –, die beide auch für ein Online-Gedenkbuch der Stadt Recklinghausen zuständig sind, ein Online-Gedenkbuch, das an die Menschen erinnern soll, die unter dem Nationalsozialismus litten, also vorwiegend natürlich dann die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Und sie haben herausgefunden, dass über die Familien von Rosemarie Koczy in diesem Buch bislang nichts ist, haben die natürlich mit aufnehmen wollen. Und fanden dann bei ihren Recherchen, dass sich zwar die Familien bis in die dritte Generation in Recklinghausen verfolgen lassen, aber dass es kein Indiz für eine jüdische Abstammung gibt, sondern dass die Familien immer als katholisch geführt werden. Das war zwei Tage vor Eröffnung der Ausstellung, und es war ein kleiner Schlag in die Magengegend. Das Ganze hat sich dann, also die Recherchen, und da haben die beiden eigentlich sehr akribisch recherchiert, das hat sich dann noch hingezogen bis in den Oktober, sodass man dann eigentlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen konnte: Nein, es gibt eigentlich keine Anhaltspunkte für eine jüdische Identität Rosemarie Koczys.

Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle Recklinghausen (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)

Kassel: Bevor wir, Herr Schwalm, auf die sich logischerweise stellenden künstlerischen Fragen kommen: Als Ihnen selbst dann irgendwann wirklich klar war aufgrund dieser von Ihnen beschriebenen Recherchen, sie war keine Jüdin, sie hat keine Erfahrungen in Dachau und einem anderen Konzentrationslager gemacht. Dieser wesentliche Teil ihrer Lebensgeschichte war komplett erfunden, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Schwalm: Erst mal müssen Sie dann Ihre Gedanken sortieren. Zuerst denken Sie natürlich an die Ausstellung, die noch nicht eröffnet war, die in zwei Tagen eröffnet werden sollte, und ob sie diesen Erkenntnissen dann überhaupt standhalten kann. Dann denken Sie natürlich auch an die Künstlerin selbst, von der Sie ja eine ganze Menge wissen. Nicht alles ist erfunden, was Rosemarie Koczy in ihrer 1.000 Seiten umfassenden Autobiografie geschrieben hat. Sie sehen ein Mädchen, Sie sehen eine junge Frau, die eine höchst komplizierte, auch sehr schwierige Kindheit durchlaufen hat, mit Waisenhausaufenthalten, mit Pflegeeltern, mit geschiedenen Eltern. Die Eltern haben 1938 geheiratet, auch das unter, wie man jetzt weiß, als "deutschblütig", da haben die Nazis schon, glaube ich, gründlich recherchiert. Die Eltern haben sich aber 1943 scheiden lassen, also es war eine schwierige Kindheit.

Und möglicherweise – das sage ich mit aller Vorsicht, und auch, wenn man Psychologen darauf anspricht, sind sie sehr vorsichtig, denn Rosemarie Koczy lebt nicht mehr, man kann sie nicht mehr danach fragen, waren das alles Faktoren, die dann – und sie hat sich ja erst eine jüdische Identität in den 1990er-Jahren, ich kann noch nicht mal sagen, zugelegt, das wäre wahrscheinlich schon eine falsche Spur oder eine zumindest wertende Spur, die man auslegt – hat sich erst 1990 als jüdisch geoutet. Und von da an auch bis zu ihrem Tod, sie hat sich auch jüdisch beerdigen lassen, war das für sie ihre Identität.

Kassel: Sie müssen, und ich unterstelle Ihnen mal, da sind Sie auch relativ froh drüber, nicht entscheiden, was jetzt aus den Werken von ihr wird, die in anderen Museen zu sehen sind, in Yad Vashem gar, aber Sie haben das vorhin so formuliert: Sie haben sich die Frage gestellt, ob Ihre Ausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen jetzt noch standhält nach diesen Erfahrungen, die wir jetzt gemacht hat. Hält sie stand? Kann man die Kunst, die Sie besitzen, jetzt noch ohne Weiteres zeigen?

Schwalm: Ich würde unumwunden sagen, ja. Ich meine, die Ausstellung selbst geht natürlich – die Ausstellung ist zum Beispiel auch bestückt mit Gedichten von Rose Ausländer. Rosemarie Koczy war sehr gebildet, hat sich auch literarisch sehr befasst, hat also wirklich Paul Celan verehrt. Ich fand aber für die Ausstellung wichtig, dass es eine Schriftstellerin ist, die sozusagen mit Gedichten auf die Arbeiten von Rosemarie Koczy antwortet. Und da ich Rose Ausländer sehr liebe – Jüdin, auch verfolgte Jüdin und dann in Deutschland gewissermaßen zu späten Ehren gekommen – habe ich da so eine Seelenverwandtschaft gesehen. Möglicherweise würde ich das heute ändern und mich da vielleicht nach einer anderen Autorin umsehen. Aber es ging mir eher da um einen Zusammenklang.

Ausschnitt eines Gemäldes von Rosemarie Koczy in der Recklinghäuser Ausstellung (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)Ausschnitt eines Gemäldes von Rosemarie Koczy in der Recklinghäuser Ausstellung (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)

Was nun die Kunst von Rosemarie Koczy anbelangt: Wir zeigen sie in der Kunsthalle Recklinghausen nicht, weil sie in Recklinghausen geboren wurde. Und, so entsetzlich der Gedanke auch ist, auch nicht, weil sie, wie sie selbst schreibt, als Kind zwei Konzentrationslager durchlaufen hat. Wir haben sie ausgestellt aufgrund der Qualität ihres Werkes. Sie hat nicht nur ein sehr umfangreiches Werk mit 15.000 Arbeiten, sondern auch ein sehr originelles und sehr komplexes Werk hinterlassen, das eine sehr klare, sehr individuelle Handschrift besitzt und das sich auch über die Jahre hinweg sehr konsequent weiterentwickelt hat. Sie war sehr offen, sie war experimentierfreudig und hat trotz eines eingeschränkten Themenbereiches doch sehr viele Facetten sich erobert und hat vor großen Formaten nicht zurechtgeschreckt, muss also manisch gearbeitet haben und war eine wirklich qualifizierte Künstlerin, die ja vor ihrer jüdischen Identität ihre eigentlichen Erfolge hatte.

Sie fragen natürlich, wenn jemand so eine Biografie plötzlich entdeckt, empfindet, fragen Sie sich natürlich, wie berechnend ist so etwas? Im Fall von Rosemarie Koczy würde ich sagen, nein, es war eigentlich nicht berechnend. Sie hat dadurch nicht besser verkauft, sie hat dadurch nicht besser ausgestellt, sie war nicht plötzlicher Liebling der Medien. Sie hat eigentlich ein sehr stilles und auch dem Kunstmarkt abgewandtes Leben geführt. Ihre wichtigen Ausstellungen lagen eigentlich vor 1990.

Kassel: Ich glaube aber, wenn ich Sie an dieser Stelle unterbrechen darf, Herr Schwalm, ich glaube aber, vielleicht sollten wir es an dieser Stelle belassen, weil ich merke so langsam, ehrlich gesagt auch bei mir selbst, so auch bei Ihnen, vielleicht werden wir alle doch noch ein bisschen länger brauchen, um das alles wirklich zu begreifen und da endgültig bewerten – ich möchte das Wort endgültig nicht benutzen. Es gibt bei Ihnen ja auch heute eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema, wir werden alle weiter reden, und vielleicht kann sich ja – Recklinghausen ist jetzt nicht so weit weg wie New York oder wie Israel – der eine oder andere gerade aus diesem Grund in Ihrem Museum, die Ausstellung wird ja fortgesetzt, auch eine eigene Meinung dazu bilden. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie Zeit hatten für das Gespräch, Herr Schwalm!

Schwalm: Das hoffe ich sehr. Schön, dass Sie auf das Podium hingewiesen haben. Das wird heute Abend um 18 Uhr sein, da werden auch die Historiker ihre Ergebnisse vorstellen, und es wird natürlich auch darum gehen, wie das künstlerische Werk von Rosemarie Koczy zukünftig zu bewerten ist.

Kassel: Vielleicht werden auch wie ein anderes Mal noch drüber reden können. Ich danke Ihnen sehr für heute!

Schwalm: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 07.11.2017)

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