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Lesart | Beitrag vom 19.05.2017

Ronja von Rönne liest "Heute ist leider schlecht" Mit Zärtlichkeit für ihre Mitmenschen

Von Constantin Hühn

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Ronja von Rönne zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Die Autorin und Kolumnistin Ronja von Rönne zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

In der Sammlung von Texten und Kolumnen "Heute ist leider schlecht" schafft Ronja von Rönne den Spagat zwischen Banalitäten und treffender Zeitdiagnose. Dass die Autorin auch eine gute Entertainerin ist, zeigte sie bei einer Lesung in Berlin.

"Es ist wirklich so nett, dass ihr hier seid. Lesungen machen so wenig Spaß allein."

Gestern Abend im Berliner "Prater". Der ist eigentlich für seinen Biergarten berühmt, aber die Lesung findet drinnen statt. Bei hochsommerlichen Temperaturen. Dafür ist der Saal gut gefüllt.

Es herrscht gelöste Atmosphäre, zum Einstieg präsentiert die Autorin erstmal ein paar eigene Entwürfe für den Titel des Buches:

"Alles schwierig oder Mein total verrücktes it-Girl-Life oder Jetzt spricht Ronja von Rönne oder Das Leben nach dem Shitstorm."

Ronja von Rönne ist in ihrem Element: Kurz hat man den Eindruck, sie ist eigentlich mehr Entertainerin als Schriftstellerin:

"Wenn ich schreibe, dann ganz schnell und verbissen – weil ich das so sehr hasse, und dann dieses hasserfüllte Dokument anschaue und dann einfach so runterschreibe. Und ich schreibe Texte eigentlich mehr, um sie vorzulesen als um des Schreibens willen."

Und dafür funktionieren ihre Texte bestens. Untergliedert sind zum Beispiel die titelgebenden "Beschwerden" in: "Warum es schlimm ist", "wo es schlimm ist" und "was gegen das Schlimme hilft". Zum Beispiel Geld:

"Ich hab am Ende des Monats eigentlich nie Geld und am Anfang eigentlich auch nicht, was erstaunlich ist, weil ich Geld eigentlich sehr gern mag. Ich kann super mit Geld umgehen, das heißt, ich kann's so ausgeben, dass ich Spaß daran habe."

Zwischen Kalauern und präzisen Gegenwartsanalysen

Spätestens, als ich sie zum kurzen Gespräch im Foyer treffe, zeigt sich die scharfsinnige Kulturkritikerin Ronja von Rönne. Aber auch ihre Texte steigern sich zwischen den – sehr unterhaltsamen – Kalauern und rhetorischen Pointen zu einfühlsam beobachteten Gegenwartsanalysen.

"Manchmal kann man sogar eine ganze Wohnung betreten: Dort steht dann: "Tine wohnt auf 12 Quadratmeter" an der Tür. Du läufst dann, ohne zu klingeln in die Wohnung von Tine, die offensichtlich keine Berührungsängste hat, und siehst, dass selbst IKEA-Tine ihr Leben besser im Griff hat als du. Man fragt sich, wann man die Abzweigung verpasst hat. Wieso kann Tine auf 12 Quadratmetern glücklich sein, während man selbst sich in den eigenen 60 in den Schlaf weint. Doch Tine schweigt, starrt von ihrem Pappbild und deutet auf ihr MALM-Bett, neben der MALM-Kommode, neben dem MALM-Schrank."

Die Verzweiflung, die aus solchen Szenen spricht, ist Programm:

"Ich finde eigentlich so irritierend-komisch-sperrigen Humor, wo man selbst überrascht ist, dass man das lustig findet, weil es eigentlich traurig ist, find ich eigentlich die eleganteste Form von Humor. Wenn was Grauenhaftes durch etwas Komisches leuchtet, das ist eigentlich das Gefühl, was ich gerne haben will."

Dass dabei mitunter der Eindruck von Zynismus entsteht, sei keineswegs beabsichtigt, versichert die Autorin auf der Bühne.

"Ich bin nicht menschenverachtend, ich liebe die Menschen!" - "Aber gibt es nicht so Texte, in deinem Buch, die 'Wie man Misanthrop wird' heißen?" -  "Ja, aber es geht ja eigentlich darum, dass man keiner werden sollte, denn Misanthropie ist ja immer simpel und alles Einfache ist ja immer falsch und ich glaube, man muss sich um jeden Preis 'ne Zärtlichkeit für seine Mitmenschen bewahren."

"Kolumnisten haben immer ein Alter Ego"

Dass man ihr diese "Zärtlichkeit" mitunter abgesprochen hat, liegt vielleicht auch daran, dass man den literarischen Charakter ihrer Texte nicht ernst nimmt, sie zu sehr mit ihrer Ich-Erzählerin identifiziert hat. "Radikal subjektiv", schreibe sie, so hieß es in Kritiken immer wieder. Die Frage ist bloß: Welches Subjekt spricht hier eigentlich? Die vermeintlich "echte" Ronja von Rönne ist es jedenfalls nicht:

"Gerade Kolumnisten haben immer ein Alter Ego, mit dem sie schreiben. Ich glaube, man sucht sich schon Charaktereigenschaften und poliert die heraus, weil die zum Beispiel besser funktionieren. Ich finde, Literatur hat irgendwie auch die Aufgabe, Trost zu sein und ich finde es irgendwie tröstlich, wenn ich abgeholt werde und jemandem geht’s noch schlechter oder jemand ist ähnlich verhärmt oder sowas, deswegen übertreib ich das total."

Die "wirkliche" Ronja von Rönne lernen wir wohl auch an diesem Abend nicht kennen, aber jenseits des Unterhaltungswerts – zwischen den Pointen – blitzen immer wieder Momente der Wahrhaftigkeit auf: Nicht zuletzt, als sie nach der Lesung vom Umgang mit ihren Ängsten erzählt:

"Also, ich mache Sachen schon besonders gern, wenn ich Angst davor habe. Ich finde, das große Thema in meinem Leben ist schon Überwindung, also etwas Neues zu sehen, es unheimlich zu finden und es geschafft zu haben. Und ich habe so viele Ängste, dass ich mit dem Überwinden gar nicht zu Rande komme. Ich habe mein Leben lang Zeit dafür."

Ronja von Rönne: Heute leider nicht. Beschwerden an das Leben
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2017
208 Seiten, 12,99 Euro

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