Tonart 16.11.2017

Roman Smolorz: "Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat"Die Regensburger Domspatzen als Nazi-ZöglingeVon Rainer Pöllmann

Beitrag hören Der Chorleiter Monsignore Georg Ratzinger dirigiert die Domspatzen im Dom von Regensburg am 09.04.1976. (picture alliance/dpa - Hartmut Reeh)Regensburger Domspatzen mit Georg Ratzinger. (picture alliance/dpa - Hartmut Reeh)

Die Regensburger Domspatzen waren im NS-Staat willfährige und nützliche Helfer des Regimes. Das stellt Autor Roman Smolorz in seinem Buch "Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat" fest. Der Chor habe sich dem Regime sehr angedient.

Erst vor ein paar Monaten wurden die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet – mehr als 500 Schicksale von sexuellen Übergriffen, körperlicher und seelischer Gewalt.

Nun analysiert das Buch "Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat" von Roman Smolorz die Rolle des Chores während der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Beleuchtet werden die Nähe des Chores und seiner Leitung zur NSDAP, die Rolle der Eltern sowie das Schicksal der jungen Sänger, die nicht nur im Anzug, sondern auch im Braunhemd sangen. Erstmals liegen dieser Studie umfassende Recherchen in allen maßgeblichen Archiven zu dem Thema zugrunde.

"Die Regensburger Domspatzen waren im NS-System eine privilegierte Institution", sagt der Musikjournalist und Rezensent Rainer Pöllmann. Der Chor habe sich dem Regime zudem "sehr angedient". Unter anderem hätten die Regensburger Domspatzen 1936 und 1938 in Hitlers Privatresidenz auf dem Obersalzberg gesungen. 1937 reiste der Chor in die USA, um für die NS-Kulturpolitik zu werben.

Opportunistischer Domkapellmeister

"Domkapellmeister Theobald Schrems war ein Opportunist, der versuchte, bei den Nazis und ihren Geldtöpfen herauszuholen, was eben ging", sagt Pöllmann.

Roman Smolaz konzentriert sich in seinem Buch sehr stark auf ökonomische Faktoren: "Er sieht den Chor hauptsächlich als ein Unternehmen", meint Pöllmann. Das Spezifische, das einen Chor ausmacht, lasse das Buch jedoch vermissen.

"Man würde sich wünschen, dass in einem weiteren Schritt ein Geisteswissenschaftler oder ein Musikwissenschaftler auf Basis dieser neuen Erkenntnisse die Geschichte des Chores in der Nazizeit nochmal kritisch beleuchten würde."

Roman Smolorz: "Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus. Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat"
Verlag Pustet, Regensburg 2017
216 Seiten, ca. 30 Abb., kartoniert, 22,00 Euro

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