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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.07.2014

RomanProphetische Todeserzählungen

Martín Caparrós: "Die Ewigen"

Von Katharina Döbler

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Eine Chemieglasflasche mit einem Aufkleber für "giftig" und einem Totenkopf-Symbol (picture alliance / dpa - Fredrik Von Erichsen)
Caparrós Roman befasst sich über weite Strecken mit dem Tod und dem Vorgang des Sterbens. (picture alliance / dpa - Fredrik Von Erichsen)

In "Die Ewigen" ist Martín Caparrós nicht zimperlich bei der Wahl seiner Mittel. In seinem bösartig zugespitzten Roman beschwört er den Tod plastisch und kenntnisreich - wie in einer Barockpredigt.

Martín Caparrós, der argentinische Chronist, Journalist und Erzähler, erhielt für diesen 2011 erschienen Roman den Premio Herralde. Verdientermaßen, denn dieses Buch bewältigt sprachlich und thematisch so ziemlich alles - von der Telenovela bis zur Sonntagspredigt, vom Koksergeschwätz bis zum Gesellschaftsentwurf. Das Besondere daran aber ist etwas anderes: Es befasst sich über weite Strecken mit dem Tod, beziehungsweise mit dem Vorgang des Sterbens. Es seien schwere Tage gewesen, sagte Caparrós der Zeitung "La Nación", als er die medizinisch fundierten Berichte schrieb, mit denen sein kleinwüchsiger Held im Lauf des Romans zur Berühmtheit wird.

Dieser Juan Domingo Remondo, geboren 1974 am Todestag des Diktators Juan Domingo Perón, verliert früh seinen Vater durch einen Autounfall. Aus Rache schreibt er später dem Verursacher einen kunstvollen anonymen Brief, in dem er ihm detailliert den Krebstod in exakt elf Jahren ankündigt. Dieses düstere Talent wird schließlich zur Berufung: Nito, wie er sich nennen lässt, macht eine steile Karriere als Prediger und Todesprophet, bis ihn ein koksender Halbweltkünstler entdeckt und für seine Zwecke einspannt, um nichts weniger als eine Kulturrevolution zu initiieren.

Zwischen Fernsehdrama und medizinischem Fachbuch

Nito findet sich in seiner Zeit zurecht, indem er die Telenovelas seiner Mutter memoriert – und deren Plots und Dialoge erweisen sich im wahren Leben als äußerst hilfreich. Auch seine angeblich prophetischen Todeserzählungen nähren sich von einer bizarren und eindringlichen Mischung aus Fernsehdrama und medizinischem Fachbuch.

Mit derart bösen Zuspitzungen unterhält Caparrós seine Leser aufs Beste und Gemeinste. Die Beschwörung des Todes, plastisch und kenntnisreich wie in einer Barockpredigt, führt beim Publikum jedoch nicht zu höherer Weisheit, sondern mündet in ein glänzendes Spektakel – und ein Bombengeschäft. Ein revolutionärer Totenkult, so die letzte ironische Volte des Buches, verhilft der argentinischen Wirtschaft, der argentinischen Familie, der argentinischen Demokratie und überhaupt allen zu neuer Würde. Dass diese Weltverbesserungsmaßnahme für den kleinen Prediger und seinen Demiurgen äußerst lukrativ ist, versteht sich von selbst.

Caparrós ist nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel und erweist sich - wieder einmal - als scharfsinniger und bitterer Diagnostiker einer Zeit, für die er nicht erzogen wurde.

Martín Caparrós: "Die Ewigen"
Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg.
Berlin Verlag, Berlin 2014
448 Seiten, 24,99 Euro

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