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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.11.2015

RomanEin Mann, der kein Chef sein will

Von Peter Urban-Halle

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Ein Sessel steht hinter einem Schreibtisch. ( imago/Horst Rudel)
Chefsessel im Büro ( imago/Horst Rudel)

Mit dem siebenbändigen Roman "Das Büro" landete der Niederländer J.J. Voskuil in seinem Heimatland einen Bestseller. Im vierten Band, der nun auf Deutsch erscheint, kämpft Maarten Koning, Hauptfigur der Serie, mit seiner neuen Leitungsaufgabe.

Maarten Koning (das Alter Ego des Autors), einst vom Direktor Beerta ins Amsterdamer Institut für Volkskunde geholt, ist zum Abteilungsleiter "Volkskultur" aufgestiegen. Zuletzt gab es für ihn ein einschneidendes Doppelereignis: Maarten verlor zwei Väter. Sein leiblicher Vater stirbt, und sein geistiger Vater, Anton Beerta, erleidet eine Gehirnblutung, ist halb gelähmt und kann sich kaum verständlich machen (was sich im Laufe der tausend Seiten ein wenig bessert).

Mit Beertas Nachfolger, dem schroffen und autoritären Balk, wird Maarten nicht warm. Die beiden können nicht Gegenspieler und Verbündete zugleich sein, wie es mit Beerta der Fall war. Balk lässt einfach niemanden an sich heran. Aber Maarten hat auch durch sein Auftreten das eine oder andere Selbsttor geschossen. Durch sein Zutun ist das große Projekt eines Europäischen Volkskulturatlas auf Eis gelegt. Und seine Kritik an einem Antwerpener Redakteur hat die Zusammenarbeit mit dem flämisch-holländischen Volkskundeorgan Ons Tijdschrift beendet. Nun soll eine neue Zeitschrift gegründet werden. Das wird, wie man sich denken kann, eine schwere Geburt. Den einen ist der Druck zu groß, die andern fühlen sich benachteiligt. Vom Arbeiten hält keiner was. Lieber vertreibt man sich die Zeit mit Plaudereien über Stabilbaukästen und Umzugsgeschenke.

Rückfall in die alte tragikomische Melancholie

Die Spannungen zwischen Maarten und seinen Mitarbeitern nehmen zu. Einerseits liegt das am aufsässigen Klima der 70er, der egalitären holländischen Gesellschaft überhaupt und am holländischen Gruppenverständnis ("die andern können machen, was sie wollen, Hauptsache, meine eigene Gruppe wird nicht angegriffen"). Andererseits liegt es aber auch an Maarten selbst, er kann und will kein Chef sein. Mit Abschluss des vorigen Bandes hatten wir schon gedacht, er habe so etwas wie Selbstbewusstsein erlangt. Nun fällt er zurück in seine alte tragikomische Melancholie. In einem Schaufenster sieht er sich selbst: "ein ergrauender Mann in einem grauen Jackett und einer grauen Hose". Grau ist alle Praxis.

Das Betriebsklima wird immer schlimmer, und zeitraubende Verwaltungsaufgaben bringen ihn der Erschöpfung nahe. Kopfschmerzattacken und Übelkeitsanfälle plagen ihn. Trotz allem gibt es Momente des Zusammengehörigkeitsgefühls. Am Schluss macht Maarten mit einer Gruppe einen recht harmonisch verlaufenden Dienstausflug in die Provinz Drente. Und einige Tage später lässt sich das ganze Büro unter dem neuen Namen A.P.Beerta-Institut fotografieren. Das weist auf eine sonnigere Zukunft. Aber abwarten, es fehlen ja noch ein paar Seiten.

Der riesige Erfolg in Holland beruht natürlich einerseits auf der Identifikation der Bevölkerung mit einem real existierenden Institut (das von dieser Bevölkerung finanziert wird und in dem der Autor tatsächlich zeitlebens gearbeitet hat). Andererseits aber auch auf den Gesetzen und Wirkungen, die Fortsetzungen haben und die eben nicht nur in Holland gelten: der Sucht nach immer mehr Information, immer mehr Geschichten über bekannte Charaktere und Strukturen auf einer immer gleichen überschaubaren Bühne. Endlos laufende Serien sind eine Droge.

J.J. Voskuil: Das Bür 4: Das A.P.Beerta-Institut.
aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Verbrecher Verlag, Berlin 2015 
1070 Seiten, 32 Euro
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