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Frühkritik | Beitrag vom 05.04.2016

Rolling-Stones-Ausstellung in LondonHier wird selbst die dreckige WG zur Installation

Von Gabi Biesinger

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Von links nach rechts: Charlie Watts, Ronnie Wood und Mick Jagger bei der Eröffnungsgala in der Saatchi Gallery am 4. April 2016. (picture alliance / dpa / Ian West / Pa Wire)
Von links nach rechts: Charlie Watts, Ronnie Wood und Mick Jagger bei der Eröffnungsgala in der Saatchi Gallery am 4. April 2016. (picture alliance / dpa / Ian West / Pa Wire)

Über 50 Jahre Rockgeschichte der Rolling Stones zeigt die Saatchi Gallery in Chelsea. Zur Ausstellungseröffnung gaben sie die Musiker persönlich die Ehre - und entdeckten selbst längt vergessene Objekte.

Die Stones sind wieder da gelandet, wo sie in den 60er-Jahren zu ihrer einmaligen Karriere aufbrachen: In der King's Road im inzwischen vornehmen Stadtteil Chelsea. Dort hatten Jagger und Co. in einer WG gelebt, bevor sie 1963 mit Chuck Berrys "Come on" ihre erste Single veröffentlichten.

Die Saatchi Gallery in Chelsea zeigt jetzt über 50 Jahre Rockgeschichte der Rolling Stones. Stundenlang harrten Fans vor der Eröffnung am roten Teppich aus, um einen Blick auf die in die Jahre gekommenen Rocker zu erhaschen, die sich zur Ausstellungseröffnung persönlich die Ehre gaben. Schließlich hatten die Stones selbst großen Einfluss auf das Konzept gehabt und mitentschieden, wie die Schau aussehen sollte.

Nach drei Jahren Vorbereitung hatte Mick Jagger in letzter Minute noch ein paar winzige Änderungswünsche:

"Vielleicht hier und da ein Poster austauschen – aber es fühlt sich richtig gut an."

Tagebuch: "Ich sollte es vielleicht mal lesen"

Keith Richards freute sich, in der Ausstellung ein lange vermisstes Paar Schuhe wiedergefunden zu haben, und stellte später fest, dass er offenbar mal Tagebuch geführt hatte:

"Kann ich mich überhaupt nicht dran erinnern. Aber es liegt ja da. Ich sollte es vielleicht mal lesen."

Stones-Fan Thomas Themsfeld hat schon 52 Konzerte miterlebt und war zur Ausstellung extra aus Norddeutschland angereist:

"Wenn man sie da so kommen sieht, und sie sind über 70 und machen so ne ganz moderne Sache, das ist schon beeindruckend."

Doch manchem sind die Stones auch nach fünfzig Jahren noch zu modern. Der Londoner U-Bahn war das Plakat mit dem Markenzeichen der Band, der rausgestreckten Zunge, die in diesem Fall an prominenter Stelle aus einem knappen Slip hinauswächst, zu obszön. Die poppigen Plakate für die U-Bahn mussten entschärft werden, die Zunge wanderte weg vom Slip.

"Den Geist von Rock'n'Roll und Gefahr"

Dass die geschäftstüchtigen Rolling-Stones, die eben noch mit ihrem ersten Auftritt in Cuba weltweit Aufsehen erregten, gerade jetzt auf die Idee kommen, eine nostalgische Rückschau auf ihre Karriere zu halten, ist kein Zufall, meint Musikbiograf Philip Norman. Sie hätten erkannt, dass sie damit viel Geld verdienen könnten:

"Es ist etwas Außergewöhnliches passiert: die Stones sind in den letzten zehn Jahren sehr cool geworden, obwohl sie über 70 und runzelig sind. Sie strahlen wieder den Geist von Rock'n'Roll und Gefahr aus und junge Leute finden das toll."

Und in der Tat, auch Teenager drängelten sich am roten Teppich. Daniel, 18 Jahre, liebt die Musik und findet besonders cool, wie Keith Richards immer einen Zigarettenstummel zwischen den Zähnen hängen hat. So taugen die Stones offenbar immer noch ein wenig als schlechte Vorbilder. Und in der Ausstellung kann man dann nicht nur sehr viele Gitarren, Fotos, ein nachgebautes Ton-Studio, viele Musikvideos und Bühnenklamotten sehen. Sondern auch jene erste Wohnung ist dort nachgebildet, die WG in der Edith-Grove, in der die angehenden Rocker 1962 hausten.

Es war die Zeit lange vor Limousinen und Learjets. Sie waren arm und lebten von Flaschenpfand erzählt Keith Richards, seine Mutter wusch die Wäsche für die Jungs, und eigentlich sie die Wohnung ein echter Saustall gewesen, grinst Richards. Der Nachbau scheint gelungen, inklusiver schimmelig stinkender Milchflaschen im Küchenwaschbecken. BBC-Kunstkritiker Will Gompertz war angenehm angewidert:

"Es ist sehr ekelhaft. Es stinkt, müffelt nach ungemachten Betten, überall Zigarettenkippen. Aber es ist gut, denn es zeigt, wo die Band herkam. Sie kamen aus ganz einfachen Verhältnissen und mussten für ihren Erfolg verdammt hart arbeiten."

"Die dreckige Wohnung ist schon eine Installation"

Während Richards in der Absteige von damals am liebsten sofort wieder pennen würde, macht der Nachbau für Mick Jagger den weiten Focus der Ausstellung aus. Wird da einfach nur eine Band gezeigt, oder ist das schon Kunst:

"Die dreckige Wohnung ist doch irgendwie schon eine Installation. Das geht über die Geschichte einer Band doch weit hinaus."

Seit 54 Jahren sind die Stones unterwegs. Jetzt eine Retrospektive im Museum. Der Anfang vom Ende? Auf keinen Fall -hoffte Fan Thomas:

"Seit 1966 halten sich doch die Gerüchte, dass sie aufhören. Aber da gehen bestimmt noch zehn Jahre."

Aber Schlagzeuger Charlie Watts gesteht in einem schwachen Moment dann doch, dass er manchmal ans Aufhören denkt, wenn er den Koffer zum 14. Mal in einer Woche packt. Und Brown Sugar zu 50. Mal zu spielen, das könnte einen auch irre machen.

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(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 26.03.2016)

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