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Mittwoch, 13.12.2017

Buchkritik | Beitrag vom 27.11.2017

Robin Lane Fox: "Augustinus"Die Jugendjahre eines Heiligen

Von Edelgard Abenstein

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Robin Lane Fox: "Augustinus" (dpa / Beate Schleep / Klett-Cota)
Robin Lane Fox: "Augustinus" (dpa / Beate Schleep / Klett-Cota)

Das Sachbuch "Augustinus" des britischen Althistorikers Robin Lane Fox ist keine Biografie des Heiligen, sondern widmet sich dessen Jugendjahren und seinem Aufstieg zum geschickten Debattierer, der als Festredner des Kaisers brillierte. Fox entwirft ein farbiges Gemälde der Welt der Spätantike.

Ein Mann erzählt sein Leben, schonungslos mit allen Höhenflügen und moralischen Tiefpunkten. Ausschweifend enthüllt er seine subjektiven Befindlichkeiten, sehnt sich nach der weichen Haut seiner Geliebten, geißelt seine Eitelkeit, gebildeter erscheinen zu wollen, als er ist, und räsoniert darüber, welche Kampfsportart ihm den größten Thrill beschert. Ein Bekenntnisroman also.

Was heutzutage im Rang von Kultliteratur steht und weltweit die Bestsellerlisten erobert, ist freilich uralt. Erfunden wurde das Genre unter dem Titel "Confessiones" vor mehr als 1600 Jahren in Nordafrika. Seinen Autor kennen wir als Heiligen, den einflussreichsten und am besten erforschten Theologen der Kirchengeschichte, Augustinus, der 354 nahe der Weltstadt Karthago geboren wurde und 430 als Bischof starb.  

Ein geschickter Debattierer

Der Flut von Biografien fügt der britische Althistoriker Robin Lane Fox mit seiner Studie keine weitere hinzu. Er erzählt von seinem Protagonisten nicht chronologisch, von der Wiege bis zur Bahre; vielmehr konzentriert er sich auf den jungen Augustinus, bis zur Niederschrift der "Bekenntnisse",  die im Zentrum stehen. Detailreich wird dessen Aufstieg aus kleinen Verhältnissen nachgezeichnet, wie er schnell als Rhetoriklehrer Fuß fasste, sich gut vernetzt in den Metropolen der römischen Welt einen Namen machte, in Karthago, Mailand und Rom, wo er als Festredner des Kaisers brillierte.

Immer wieder zeigt ihn Fox als geschickten Debattierer, der auch in seiner Selbstanalyse jahrelang gelernte rhetorische Tricks zum Einsatz bringt, Wortspiele, Psalmen, Paulusbriefe, Bibelzitate, die er auswendig kannte und zu einem paradoxen Ganzen kombinierte, zum Beispiel wenn er dem Bösen in sich selbst auf der Spur ist.  

Anschaulich werden die intellektuellen Milieus geschildert, Augustinus' Laufbahn mit der anderer Zeitgenossen verglichen, und wo die Überlieferung der Quellen nicht ausreicht, zieht Fox spätere literarische Beispiele zu Rate. So entsteht ein farbiges Gemälde der Welt der Spätantike.  

Was trieb den Mittvierziger an, sein Leben zu ändern?

Dabei verfolgt er die spannendste und zugleich schwierigste Frage jeder Augustinus-Darstellung, nämlich was den Mittvierziger antrieb, radikal sein Leben zu ändern, als er sich zum christlichen Glauben bekehrte. War es die Tatsache, dass der Katholizismus 380 zur Staatsreligion erklärt wurde und sich somit zum Tummelfeld für Karrieristen anbot? Oder lag es an der Stimmbanderkrankung, die den Redner außer Gefecht setzte? Wie stark war der Einfluss der christlichen Mutter auf ihren lasterhaften Sohn? Oder entdeckte er im Glauben das Sprungbrett für einen kühnen Subjektivismus: der Mensch, das Abbild Gottes, als A und O der spirituellen Welt - womit er die griechische Philosophie hinter sich ließ?

Fox legt sich nicht fest, umso mehr nimmt er, ohne die Autobiografie-typische Stilisierung zu hinterfragen, seinen Protagonisten beim Wort. Aber auch Augustinus "Bekenntnisse" sind Fiktion. Wenn man so will, sind sie zugleich Bericht und Arbeit am eigenen biografischen Mythos. Darin unterscheidet sich Augustinus nicht von Karl Ove Knausgard. Auch wenn es ihm zweifellos um mehr geht, nämlich um etwas, das größer ist als er selbst. 

Robin Lane Fox: Augustinus. Bekenntnisse und Bekehrungen im Leben eines antiken Menschen
Aus dem Englischen von Karin Schuler und Heike Schlatterer
Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2017
746 Seiten, 38 Euro

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