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Montag, 22.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.05.2017

Robert Wilson eröffnet Ruhrfestspiele Schauerromantik zwischen Slapstick und Grauen

Von Stefan Keim

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Spielerisch und musikalisch überragend: Christian Friedel als Nathanael. (Lucie Jansch)
Spielerisch und musikalisch überragend: Christian Friedel als Nathanael. (Lucie Jansch)

Den "Sandmann" von E.T.A. Hoffmann hat sich der texanische Theatermacher Robert Wilson zum Auftakt der Ruhrfestspiele in Recklinghausen vorgeknöpft. Zur herb-rockigen Musik der Engländerin Anna Calvi treibt Wilson sein Ensemble auf die schmale Grenze zwischen Grauen und Groteske.

"Der Sandmann" ist nicht das Sandmännchen. Er reißt Kindern, die nicht schlafen wollen, die Augen aus. So erzählt es E. T. A., Hoffmann in seiner berühmten Erzählung, einem Meisterwerk der Schauerromantik. Der texanische Theatermacher Robert Wilson inszenierte den Auftakt der diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Es ist das zweite Mal, dass er sich mit einer romantischen deutschen Gruselgeschichte beschäftigt. Vor 27 Jahren hat er – zusammen mit Tom Waits und William S. Burroughs – den "Freischütz" bearbeitet. Heraus kam "The Black Rider", ein bis heute oft gespieltes Stück.

Nun also der "Sandmann": Groteske Gestalten bevölkern die Bühne. Die Gesichter sind weiß geschminkt, die Lippen blutrot, die Kostüme schwarz und weiß. Die Bewegungen wirken puppenhaft, automatisch, völlig unnatürlich. Robert Wilson bleibt auch in "Der Sandmann" seiner typischen Ästhetik treu.

Hysterie und Verzweiflung hinter der Perfektion

Zur herben, rockigen Musik der Engländerin Anna Calvi treibt Wilson sein Ensemble auf die schmale Grenze zwischen Grauen und Groteske. Die Schauspieler trippeln und tanzen, spielen mit übergroßer Geste und bebenden Stimmen. Der Unterschied zu mancher formalistischeren Inszenierung Wilsons ist, dass hinter den perfekt getimten Bewegungen Hysterie und Verzweiflung zu spüren sind. Wenn der spielerisch wie musikalisch überragende Christian Friedel als Nathanael sich in die Puppe Olimpia verliebt, steckt darin auch die Raserei eines verängstigten Kindes.

Anna Calvis Musik lädt die Inszenierung mit einer gewaltigen Energie auf. Die Bilder sind oft abstrakt und sehr abwechslungsreich. Spiegel deuten einen Ballsaal an, oft hängt die Bühne voller Augen. Die Aufführung ist auch eine Reflexion über das Sehen, inspiriert vom asiatischen Theater und vom expressionistischen deutschen Stummfilm.

Wilson versucht nicht, die extreme Emotionalität der Schauerromantik in die Gegenwart zu holen. "Der Sandmann" zeigt eine fremde, faszinierende Welt. Das Spiel mit und die Lust an der Angst sind seit E. T. A. Hoffmanns Zeiten keinesfalls geringer geworden. Ein starker Auftakt der Ruhrfestspiele und ein Highlight im Programm des Düsseldorfer Schauspiels, wo die Aufführung ab Mitte Mai weiter läuft.

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