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Lesart | Beitrag vom 07.06.2018

Robert Seethaler und sein Roman "Das Feld""Der Tod dient vor allem als Projektionsfläche"

Robert Seethaler im Gespräch mit Andrea Gerk

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Schriftsteller Robert Seethaler (imago/Leemage)
"Ich schnitze an jedem einzelnen Satz", sagt Seethaler über seine Arbeit. (imago/Leemage)

In seinem neuen Roman "Das Feld" lässt Robert Seethaler Verstorbene zu Wort kommen, die auf ihr Leben zurückblicken. Denn: "Wer vom Leben erzählen will, muss auch vom Tod erzählen", sagt der österreichische Schriftsteller.

Andrea Gerk: Eine Tankstelle in der Provinz, eine Trafik in Wien und ein Bergdorf in den Alpen sind Schauplätze von Robert Seethalers Romanen, in denen die Figuren Herbert, Franz und Andreas heißen und ein einfaches, aber deshalb nicht unkompliziertes Leben führen. "Der Trafikant" und "Ein ganzes Leben" heißen zwei von Seethalers sehr erfolgreichen Romanen und jetzt ist sein neues Buch erschienen unter dem Titel "Das Feld". Heute Abend hat Robert Seethaler damit in Berlin seine große Buchpremiere und wir haben schon vor der Sendung miteinander gesprochen. Guten Morgen und herzlich Willkommen!

Robert Seethaler: Hallo, guten Morgen!

Gerk: "Das Feld", das ist ja so eine Art Chor. Da sprechen Menschen, die nicht mehr auf dieser Welt sind, sind Stimmen der Toten, die auf ihr Leben zurückschauen oder auf kleine Momente darin. Als sie noch in dieser Welt waren, da lebten sie in Paulstadt, einem Ort, den man in gut 20 Minuten durchqueren kann, also offenbar nicht so groß. Hatten Sie denn eine Vorstellung, wo diese Toten sind, während sie sprechen, haben Sie ein Bild vom Hades?

Seethaler: Nein, habe ich nicht. Der Tod ist ja nur eine Mutmaßung. Wir wissen nichts darüber, ist nur eine Fantasie. Ich stelle mir den Tod immer als Leinwand vor, wo wir unsere Bilder drauf projizieren, und diese Bilder bleiben aber immer die Vorstellungen und Fantasien der Lebenden. Das heißt, es ist eigentlich ein Leben nach dem Tod, und deswegen habe ich auch keinen Ort, wo diese Toten sich aufhalten, nicht mal in meiner persönlichen Vorstellung. Die Toten sind im Nirgendwo und können theoretisch auch überall sein.

Ich denke das Leben ständig vom Ende her

Gerk: Haben Sie denn das für sich selbst auch mal durchgespielt während dieser Arbeit? Das soll ja so eine ganz gute therapeutische Übung sein, das Leben vom Ende her zu denken.

Seethaler: Ich bin ja Wiener, und deswegen kann ich sowieso nix anders, als das Leben ständig vom Ende her zu denken! Aber ich habe wirklich mal im Fernsehen gesehen, wie sich jemand therapeutisch in einen Sarg legt und sich dann wirklich bemüht, das Leben vom Ende her zu denken. Das ist Unsinn, das sind Spielereien, das geht nicht. Ich kann mich auch nicht wirklich in einen Toten hineinversetzen, sondern ich kann, wie gesagt, nur meine eigenen Gefühle, Gefühlserinnerungen und Bilder da liefern. Mehr hat man ja nicht.

Gerk: Ich habe auf Ihrer Website gelesen, dass Sie da so eine Inspirationsquelle hatten, ein Buch, das "Spoon River Anthology" von 1915, was ist denn das für ein Buch?

Seethaler: Das ist ein Gedichtband, der hatte damals wohl Kultstatus, unter Studenten vor allem, und der versammelt an die 300, ich glaube, über 300 Gedichte, ganz kurze Texte, auch von Toten, auch mit deren Namen überschrieben, und dieses Buch trage ich seit, ich glaube, 35 Jahren mit mir herum. Das hat mich schon als Jugendlicher begeistert, und irgendwann war es dann Zeit, auch meine eigene Geschichte über die Toten zu erzählen.

Gerk: Sie haben ja eine eigenwillige Form gefunden, das sind so 30 Monologe. Kann man sagen … also manchmal nur ein Satz, manchmal ein paar Sätze, dann auch eine richtige Geschichte erzählen diese Menschen, auch da steht immer der Name drüber, die sind aber doch auch punktuell miteinander verknüpft, also man muss sehr konzentriert lesen, um die ganzen Zusammenhänge in diesem Paulstadt da rauszufriemeln. Was verbindet denn für Sie die Figuren noch außer, dass sie alle an diesem Ort gelebt haben?

Seethaler: Tatsächlich ist es so, dass die meisten einander irgendwie gekannt haben, die sind sich auch begegnet in diesem Ort. Nicht alle, aber es gibt viele ganz kleine oder auch größere Querverbindungen. Was sie sonst verbindet, ist einfach die Menschlichkeit. Ich glaube auch, dass der Ort im Grunde genommen fast egal ist. Der Mensch in den Bergen unterscheidet sich nicht essenziell vom Mensch am Meer oder in einer Großstadt, wenn es ums wirkliche Leben geht, sind wir uns alle dann doch ganz ähnlich.

Wer vom Leben erzählen will, muss den Tod mitdenken

Gerk: Aber ist das denn tatsächlich ein Roman? Ich habe gedacht, ob es nicht eher ein Chor oder ein Oratorium oder so ein Passionsspiel fast schon ist.

Seethaler: Ist das nicht völlig wurscht?

Gerk: Irgendwas muss draufstehen auf dem Buch.

Seethaler: Irgendwas muss draufstehen, und jetzt steht da eben Roman drauf, und es ist schon einer. Es ist, wenn man so möchte, der Roman einer Stadt und der Menschen, die sich da tummeln in dieser Stadt.

Gerk: Was mir auch durch den Kopf ging, während ich das las, dass in Ihren Büchern war man ja am Anfang schon noch so mitten in der Welt. Also ich habe an den Herbert an der Provinztankstelle gedacht oder auch der Franz mit seinem Trafikanten und dem Doktor Freud in Wien. Das spielt ja alles noch so vor einem realen historischen Hintergrund, und im letzten Buch, "Ein ganzes Leben", da erzählt auch der Andreas Egger in seinem Tal von dem Bergbahnbau, und da zieht aber der Tod ja schon noch mehr ein. Haben Sie so das Gefühl, die Figuren fallen Ihnen immer mehr so aus der Welt raus oder ist das nur was Äußerliches?

Seethaler: Wer vom Leben erzählen will, muss den Tod mitdenken, und wer vom Leben erzählen will, muss auch vom Tod erzählen. Anders ist es gar nicht denkbar. Der Tod ist, wie gesagt, nur eine Mutmaßung, und im Grunde genommen ist ja nur das Sterben schrecklich, das heißt, die Angst vor dem Abschied, die vorbeugende Traurigkeit von den Abschieden, und das Sterben gehört aber zum Leben. Alles, was danach ist, von dem wissen wir nichts. Der Tod dient vor allem als Projektionsfläche. Man könnte eigentlich auch sagen, dass der Tod ein großes Geschenk ist, denn ohne Tod würden wir in der Hölle des ewigen Lebens sein.

Gerk: Das Sterben selbst sparen Sie ja aus, das kommt eigentlich kaum vor, weil man sich das eben tatsächlich nicht vorstellen kann, oder?

Seethaler: Sie meinen den Moment des Sterbens.

Gerk: Ja, genau.

Seethaler: Der Moment des Sterbens ist ein Übertritt, der nicht beschreibbar ist. Eine Figur erzählt davon. Sie sagt, es ist wie in einen Spalt zu fallen, aber sie selbst, die es erlebt hat, sagt auch, es ist nicht erlaubt, vom Tod zu erzählen, es ist eigentlich verboten. Ich habe mir das als Tabu selbst der Toten noch vorgestellt.

Einfache Menschen, was soll das sein?

Gerk: Ich habe ja gerade gefragt, warum die so aus der Welt fallen oder ob sie das tun, aber gleichzeitig sind Ihre Figuren ja schon immer so ein bisschen außerhalb der Welt gewesen. Das waren ja immer so Außenseiter, oder man hat auch gesagt, der Seethaler, der schreibt so über die einfachen Leute. Ärgert Sie das eigentlich, wenn man die als einfache Leute …, weil ich finde, die sind gar nicht einfach. Die leben oft in einfachen Lebensumständen, aber sind ja doch sehr komplizierte Charaktere.

Seethaler: Absolut, und die Einfachheit ist ja im Grunde genommen kein Schimpfwort, sondern im Gegenteil, die größten Gefühle sind oft die einfachen Gefühle. Die größten Vorgänge im Leben sind immer einfache Vorgänge. Die Tiefe ist einfach, die Liebe ist einfach oder kann einfach sein. Das ganze Drumherum macht es dann kompliziert, aber einfache Menschen, was soll das sein? Jeder ist, wenn es ans Eingemachte geht, an Krankheit, Tod oder auch ans Glück, bleibt er am Ende wirklich einfach. Das Herz des Menschen ist immer einfach.

Gerk: Aber woher kennen Sie diese Leute so gut? Also es kommt zum Beispiel ein Pfarrer vor oder ein Viehbauer, der … Das fand ich sehr ergreifend irgendwie, wie diese Leute sich da an diesem Feld abackern buchstäblich und das einfach nix wird. Woher wissen Sie das so gut, wie diese Leute denken und fühlen und was sie machen?

Seethaler: Na ja, jede ackert sich ja in seinem ganz persönlichen Feld ab, und das ist jetzt egal, ob das ein echter Acker ist oder die Kirche als Feld oder das persönliche Umfeld. Ich kenne sie ja nicht, ich versuche sie einfach so genau wie möglich zu begreifen. Also ich versuche mich einzuleben, was auch immer das bedeutet. Ich kann es nicht näher beschreiben. Wenn ich schreibe, schreibe ich mit dem Herzen, und das klingt zwar ein bisschen kitschig, aber es ist so.

Gerk: Müssen Sie da auch manchmal weinen beim Schreiben, weil ich fand das schon auch echt traurig jetzt dieses Buch?

Seethaler: Sie sind ganz schön intim. Ihre Fragen zumindest. Ja, ich muss … Ja, das ist schon so, aber ich lache auch genauso. Ich lache an den absurdesten Stellen. Wo andere vielleicht heulen, breche ich in wildes Lachen aus, und andererseits weine ich auch oft.

Gerk: Also Sie sind ganz nah bei Ihren Figuren.

Schlimme, harte Arbeit

Seethaler: Sehr nah. Ich versuche, lebendig zu bleiben. Ich versuche, lebendig an diesen Figuren dran zu bleiben, und diese Traurigkeit, die ich manchmal auch tatsächlich durchlebe, bedeutet für mich Lebendigkeit. Traurigkeit ist Fließen, und wenn sich die Traurigkeit äußert in zum Beispiel Sprache oder sei es auch nur in Tränen, dann bedeutet das Lebendigkeit.

Gerk: Also da steckt sehr viel Gefühl drin, aber Sie schaffen das ja, das in eine Form zu bringen, die eben gar nicht so gefühlig oder gar pathetisch ist, sondern eher im Gegenteil, das ist ja sehr einfach im besten Sinne, wie Sie schreiben. Wie arbeiten Sie da an Ihrem Text, also wie entsteht so ein Seethaler-Roman?

Seethaler: Es ist schlimme, harte, unangenehme Arbeit. Ich schnitze da zu Hause herum an jedem einzelnen Satz und versuche tatsächlich, diese Bilder so genau wie möglich zu beschreiben. Das ist alles. Die Bilder tauchen in mir auf, lösen Gefühle aus, und genau davor muss man sich auch wehren und schützen, sonst wird es, wie Sie sagen, pathetisch. Ich versuche, die Sätze wirklich so einfach und so klar wie möglich zu bauen und damit das Bild zu beschreiben, das mich ständig durchweht.

Gerk: Und das Schnitzen, denke ich mal, klingt danach, dass Sie da sehr viel wegmachen, also dass es auch drum geht, da eine Klarheit zu kriegen, oder was heißt Schnitzen?

Seethaler: Ich habe dieses Bild mal vor vielen Jahren für mein Schreiben erfunden oder mir zurechtgebaut. Mein Vater ist Holzschnitzer, der schnitzt tatsächlich, und das ist einigermaßen stimmig dieses Bild, aber dann doch nicht ganz. Es ist deswegen stimmig, als mir das Schreiben nicht wirklich leichtfällt. Es fließt da nix aus mir heraus, sondern die Genauigkeit erfordert bei mir auch fast sowas wie Handwerk, und darum ist es so anstrengend, und schnitzen stimmt zwar auch nicht 100 Prozent, aber mir ist kein besseres Bild eingefallen.

Gerk: Ist denn dieses Feld, was Sie beschreiben – also man sagt ja auch Milieu dazu, zu diesen einfachen Leuten, wir haben uns ja geeinigt, was wir unter einfachen Leuten verstehen –, ist das etwas, was Ihnen auch am Herzen liegt, davon zu erzählen oder denen eine Stimme zu geben? Also ich war die Tage auf einer Diskussion, da war so ein amerikanischer Kritiker, dessen Eltern waren Sozialarbeiter, und der hat halt erzählt, zu diesen Eltern kamen immer die Leute, die gar nichts mehr hatten, nur ihre Geschichte, ihre Lebensgeschichte, und dass ihm das so wichtig wäre oder er sich auch fragt, warum immer weniger Autoren sowas erzählen. Also früher gab es ja da eine Tradition, wenn man Upton Sinclair oder so denkt. Ist Ihnen das auch was, was Ihnen wichtig ist?

Seethaler: Also ich habe weder beim Schreiben noch beim Leben keine Metaebene. Mir ist das im Grunde genommen egal. Ich will da nichts miterzählen und will das nicht in irgendeinen sozialen Kontext oder in einen politischen Überbau einordnen. Mir geht es immer nur um die Geschichte respektive um den Menschen, die ich da beschreibe oder erfinde.

Einsamkeit ist auf Dauer nicht gesund

Gerk: Sie haben ja noch einen anderen Beruf, wo Sie sich auch sehr in Menschen einfühlen sollen: Sie sind Schauspieler, man sieht Sie auch im Kino, oder im "Tatort" habe ich Sie auch schon gesehen, früher auch am Theater. Hängt das irgendwie für Sie zusammen, diese beiden Talente?

Seethaler: Ja und nein. Also wahrscheinlich wäre das eine ohne das andere nicht denkbar. Nichtsdestotrotz liegt mir das Schreiben viel näher. Ich kann da bei mir bleiben. Obwohl ich da ganz versteckt, fast autistisch in meiner Ecke zu Hause sitze, kann ich dann doch freier sein und auch ehrlicher, schonungsloser, wenn man möchte. Ich bin einerseits ehrlicher und gleichzeitig aber mehr geschützt. Als Schauspieler dieses ständige Angesehenwerden, das hat mir schon immer wehgetan, dieser ungeschützte Blick, der mich da trifft und der nicht erwiderbar ist im Theater. Das ist mit dem Drehen, mit dem Film ist es etwas anderes. Da steht die Technik schützend zwischen mir und dem Zuschauer. Da geht es besser.

Gerk: Und wenn man so zweigleisig fährt, hat man ja auch eher ein Gleichgewicht, als wenn man nur auf einem Bein steht, oder?

Seethaler: Ja, ich spiele ja kaum noch. Also es ist ja nicht so vieles, ein paar Drehtage da und dort, und es gibt einige Angebote zu drehen, aber ich lehne vieles ab, weil ich das mir nicht mehr antun möchte. Wenn was Schönes kommt, dann mache ich es und gut ist. Das ist so eine schöne Ergänzung zu dieser einsamen Herumsitzerei zu Hause. Die Einsamkeit ist auf Dauer nicht gesund.

Gerk: Und Sie sind ja auch sehr erfolgreich. Sie können es sich ja auch erlauben. Hat das Ihr Leben sehr verändert, dieser große Erfolg?

Seethaler: Nein. Ich wohne in derselben Wohnung und gehe dieselben Wege und trage dieselben T-Shirts, und im Grunde genommen, ich kann meinen kleinen Sohn öfter zum Essen einladen.

Gerk: Das ist schön! Robert Seethaler, vielen Dank, dass Sie hier waren!

Seethaler: Vielen Dank für die Einladung!

Gerk: Und der neue Roman von Robert Seethaler, "Das Feld", ist bei Hanser Berlin erschienen, 240 Seiten hat er und kostet 22 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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