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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.05.2007

Ritual mit "Neigung zur Unmenschlichkeit"

Gisela Elsner: "Heilig Blut", Verbrecher Verlag, Berlin 2007, 250 Seiten

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Die mörderische Geschichte spielt in der Beschaulichkeit des Bayrischen Waldes. (AP)
Die mörderische Geschichte spielt in der Beschaulichkeit des Bayrischen Waldes. (AP)

Gisela Elsner ist eine Meisterin grotesken Stils. Dies bestätigt auch ihr Roman "Heilig Blut", der zum 70. Geburtstag der 1992 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Autorin erstmals auf Deutsch erscheint. Die ungewöhnliche Publikationsgeschichte des Buches, das zuerst auf Russisch erschien, verweist auf das literarische Werk einer unbequemen Autorin.

"Was soll ich nur tun, jammerte Lüßl. Ich kann es mir einfach nicht leisten, einen Menschen zu erschießen. Keiner kann es sich leisten, einen Menschen zu erschießen, entgegnete Hächler, indem er dem jungen Gösch mit einem Geschick, das verriet, daß er dies in seinem Leben schon des öfteren getan hatte, die Augen schloß."

In der grotesk anmutenden Szene treten drei von vier Protagonisten auf, die in Gisela Elsners Roman "Heilig Blut" ihr Unwesen treiben. Dass einer von ihnen – der "junge Gösch" genannt - hundert Seiten vor Romanende bereits tot ist, geht auf das Konto von Eugen Lüßl. Dieser hatte mit seinem Jagdgewehr zwar einen Wolf treffen wollen, doch da Gösch in die Schusslinie sprang, trafen ihn die von Lüßl "voller Kopflosigkeit" abgefeuerten Kugeln. Schließlich war der nun tote Gösch, missratener Sohn des alten Gösch, auch nur deshalb mit nach "Heilig Blut" gekommen, da sein Vater unpässlich war.

Der Fußmattenfabrikant Lüßl, der pensionierte Sparkassenzweigstellenleiter Hächler, der ehemalige Landrat Glaubrecht und Gösch bilden jenes Männerquartett, von dem Elsners mörderische Geschichte handelt. Eine Jagdhütte in "Heilig Blut", so der symbolisch aufgeladene Name des winterlichen Feriendomizils, bildet die Bühne für das jährlich ablaufende Ritual. Denn in der Beschaulichkeit des Bayrischen Waldes trifft man sich, um die ruhmreiche "faschistische" wie "demokratische" Vergangenheit angemessen zu feiern.

In feuchter Runde preisen sie ihre stählernen Charaktere, die in einer Zeit geschmiedet wurden, da sich ein richtiges Mannsbild noch im Kampf bewährte. Die Gesetze zivilisierten Lebens scheinen außer Kraft gesetzt, so dass sich alsbald eine starke "Neigung zur Unmenschlichkeit" zeigt. "Heilig Blut" scheint der rechte Platz für das Szenario zu sein, denn er wird als ein "weitgehend unbekannter" und in jeder Hinsicht recht verkommener Ort beschrieben, wo man seit Menschengedenken in "Heimarbeit Rosenkränze" flicht und in düsteren Erinnerungen schwelgt.

Gisela Elsner ist eine Meisterin grotesken Stils. Bereits in ihrem Romandebüt "Die Riesenzwerge" von 1964 prangerte sie aus der Perspektive des Kindes Lothar Leinlein die kleinbürgerliche Familienidylle als bitterböses Schlachtfeld an. Die deutschen Tischsitten mutierten dabei zu einem Züchtigungsritual, das - alltäglich verrichtet - als körperliche und psychische Strafe empfunden wird. Elsners Zeit- und Mentalitätskritik erinnert in ihrer manischen Sprachstruktur an ähnliche thematische Entwürfe von Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek oder Ingeborg Bachmann.

Mit ihrem Roman "Heilig Blut", der zum 70. Geburtstag der 1992 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Autorin nun erstmals in deutscher Fassung erscheint, wird diese Einschätzung nicht nur in grandioser Weise bestätigt. Mit der Publikationsgeschichte dieses Romans wird auch auf das literarische Werk einer deutschen Autorin verwiesen, die menschlich wie politisch unbequem war und der man aufgrund ihrer Lebensart jegliche Kritikfähigkeit absprach. In der dem Roman beigefügten "Editorischen Notiz" ist nachzulesen, warum "Heilig Blut" erstmals 1987 in russischer Übersetzung erschien und zwanzig Jahre in Vergessenheit geriet.


Rezensiert von Carola Wiemers

Gisela Elsner: Heilig Blut
Herausgegeben nach der Typoskriptfassung letzter Hand von Christine Künzel
Verbrecher Verlag, Berlin 2007, 250 Seiten. 14 Euro

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