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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.09.2011

Riskante Liturgien

Wie Geistliche öffentliche Trauerfeiern gestalten

Von Michael Hollenbach

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Gedenken an die Todesopfer bei der Loveparade (AP)
Gedenken an die Todesopfer bei der Loveparade (AP)

Der Selbstmord von Robert Enke, das Loveparade-Unglück, tote Soldaten in Afghanistan: Öffentliche Gottesdienste nach Katastrophen und Trauerfeiern für Hinterbliebene stellen die Kirchen vor große Herausforderungen.

Als der Fußballer Robert Enke sich im November 2009 das Leben nahm, versammelten sich einen Tag später Tausende in der und um die Marktkirche in Hannover zu einem Trauergottesdienst. Die Predigt hielt die damalige Bischöfin Margot Käßmann:

Käßmann: "Du wirst niemals alleine gehen. You’ll never walk alone. Doch Robert Enke ist seinen Weg allein zu Ende gegangen."

Mit einem Zitat aus dem Fanlied "You’ll never walk alone" hat Margot Käßmann die Gemeinde der verstörten Fußballfans erreicht.

"Natürlich habe ich überlegt an dem Tag, wie kann ich eine so unkirchlich geprägte Gemeinde abholen und am ehesten ja bei einem Lied, das sie besser kennen als jedes Kirchenlied: 'You’ll never walk alone', das hat im Fußball eine ganz besondere Bedeutung, und deshalb konnte ich dieses Lied als Anknüpfungspunkt nehmen, um erst einmal abzuholen in der Trauer, in der eigenen Fußballwelt, und dann zu sagen: Das gilt auch für Robert Enke, beim Übergang von diesem Leben in das – wie ich glaube – nächste Leben, auch da ist er nicht alleine gegangen, sondern in Gottes Hand gegangen. Das hat viele Menschen sehr getröstet."

Bei öffentlichen Trauerfeiern wie nach dem Suizid von Robert Enke sprechen die Liturgen zu einer Gemeinde, die sie eigentlich gar nicht kennen:

"Das fand ich bei der Enke-Feier schon sehr besonders, dass da eine Fußballgemeinde ist, da kamen ja die Mitglieder der Nationalmannschaft, Ballack, Schweinsteiger saßen da in einem für sie ungewohntem Umfeld. Ich denke, das ist für die Liturgin der große Vorteil: für sie ist es ein sicheres Umfeld."

Dennoch spricht Thomas Klie, Professor für Praktische Theologie an der Universität Rostock, von riskanten Liturgien: Andachten und Trauerfeiern, die sich nicht an die traditionelle Gemeinde wenden, sondern viele Menschen einschließt, die normalerweise nichts mit Kirche zu tun haben. Und es sind Trauerfeiern, die oft innerhalb weniger Stunden umgesetzt werden müssen:

"Es muss in relativ kurzer Zeit etwas komponiert werden, eine Feier, die hochstimmig ist, die Deutungen wagt, ohne dass man auf Agenden zurückgreifen kann."

Bei Überlebenden von Katastrophen und vor allem bei Hinterbliebenen taucht bald die Frage nach dem Warum auf. Der Liturg – so Thomas Klie – dürfe hier nicht stereotype Muster einfach übernehmen.

"Riskant sind diese Liturgien über die Deutungen, wenn zum Beispiel im Zusammenhang mit der Tsunami-Katstrophe oder getöteten Soldaten in Afghanistan von Opfern gesprochen wird, dann hat man in der Öffentlichkeit schon vergessen, dass es sich bei Opfern um eine Metapher handelt. Kann man von Opfern sprechen? Ist da jemand geopfert worden? Für wen? Warum?"

Bei diesen riskanten Liturgien kooperieren die Kirchen fast jedes Mal mit staatlichen Vertretern – so zum Beispiel bei den Trauerfeiern für im Ausland getötete Soldaten. Dabei darf der Pfarrer seine Kompetenzen nicht überschreiten, mahnt die Militärdekanin Getrud Schäfer.

"Auf jeden Fall ist ein Prediger nicht dazu da, die Einsätze zu legitimieren. Das kann nicht seine Aufgabe sein, das ist Aufgabe der Politik."

Auch wenn jeder damit rechnen musste: weder die Bundeswehr noch die Kirchen waren darauf vorbereitet, als 2003 die ersten Särge mit deutschen Soldaten aus Afghanistan kamen. Eine der ersten Trauerfeiern für gefallene Soldaten fand in einem riesigen Flugzeughangar statt. Gertrud Schäfer:

"Unglücklich war die Ortswahl, das ist eine große Schocklage für alle, und daher kamen auch die Schwierigkeiten, man hat einen Flugzeughangar ausgesucht. Sicherlich kein kirchlicher Raum, es ist auch kein Ort, der eine Art von Geborgenheit vermittelt."

Diese Trauerfeier erwies sich tatsächlich als eine riskante Liturgie. Die seelische Situation der Hinterbliebenen geriet vollkommen aus dem Blick; die Angehörigen durften vor der Trauerfeier nicht zu den Särgen, um von den Toten Abschied zu nehmen.

Selten sind Menschen so offen für das Wort und die Rituale der Kirchen wie bei diesen öffentlichen Trauer- und Gedenkfeiern, sagt Uwe Rieske, Notfallseelsorger in der rheinischen Landeskirche.

"Wir suchen die Katastrophen nicht, sondern sie suchen uns auf – leider ist das so."

Uwe Rieske hat sich vor fast acht Jahren um Überlebende und Hinterbliebene der Tsunami-Katastrophe gekümmert, und nun seit gut einem Jahr um die der Loveparade.

"Das ist eine Erfahrung, die wir machen, dass gerade angesichts des Leides die Frage nach Gott vehement aufbricht, auch bei Menschen, die sagen, ich habe da gar keine kirchlich sozialisierte Form, mit Gott zu reden."

In den Trauerfeiern und den Seelsorgegesprächen geht es um Trost, um die Frage nach dem Warum, nach Verantwortung, Sühne, Vergebung und nach der Schuld.

"Diese Frage nach der Schuld steht bei der Loveparade besonders im Raum. Diese Frage der moralischen Verantwortung ist eine, die sich für Angehörige vehement stellt."

Die intensivsten Momente mit den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden des Unglücks erlebte Rieske bei kirchlichen Ritualen, erzählt er: so zum Beispiel, als sich alle nur bei Kerzenlicht und Orgelmusik im Altarraum an den Händen gefasst und geschwiegen hätten. Diese Kraft der Rituale und der Spiritualität hat auch Margot Käßmann mehrmals erfahren – zum Beispiel nach dem 11. September 2001 oder nach dem Tod des Fußballers Robert Enke.

"Nach meiner Erfahrung ist es in den letzten 20, 30 Jahren bewusster geworden, dass auch die Rituale sprechen und dass die Spiritualität neben dem Wort allein ihren Raum braucht. Neue evangelische Spiritualität, die anknüpft an alte Traditionen wie Meditation, Stille, Kerzen. Das braucht der Glaube auch."

Kirchlichen Beistand hat auch Martina Holland erlebt. Die Lehrerin ist bei dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor neun Jahren nur knapp dem Tod entgangen. Im Trauergottesdienst eine Woche nach dem Amoklauf fand sie Trost:

"Es lag an den Ritualen, an der Musik, an den sehr tröstlichen Worten und einer gewissen Sanftheit, die mir sehr gut getan hat. Wobei ich den ökumenischen Gottesdienst auf dem Domplatz weit tiefer empfunden habe als alle Reden. Das hatte was Versöhnliches, was Tröstendes, und hatte Seelenbalsam in sich."

Sagt die Deutsch- und Ethiklehrerin, eine bekennende Atheistin, die aber seit dem Amoklauf regelmäßig Trost in einer Kirche sucht:

"Das strahlt so eine Art Behütet-Sein aus. Das sind so Dinge, die man schwer beschreiben kann, die man nur erfühlt."

Bei der Trauerfeier in Erfurt wurden 17 Kerzen angezündet – 16 weiße für die getöteten Lehrer und Schüler, eine rote für den Täter Robert Steinhäuser. Martina Holland, die ihren Schüler Robert Steinhäuser gut kannte, konnte anfangs – wie die meisten Lehrer und Eltern – nicht nachvollziehen, warum auch für den Täter eine Kerze leuchten sollte.

"Das ist natürlich schwierig für Kollegen, überhaupt im Ansatz nur verstehen zu können, dass es hier nicht vordergründig um Täter und Opfer geht, sondern um Menschen an sich. Heute denke ich schon, dass ihm auch eine Kerze zugedacht sein sollte."

"Diese Kerze für den Täter ging während der Trauerfeier aus, es war die einzige Kerze, die ausging. Ein Zeichen? Wie auch immer." Sagt der Theologieprofessor Thomas Klie.

"Wie agiert man da. Zündet man diese Kerze wieder an? Wer zündet sie an? Dann merkt man, es ist ein banaler Akt, eine Kerze zu entzünden, und doch wird sie dann hochsymbolisch in einer Situation, wo die Frage nach dem Warum, nach der Schuld, so massiv im Raum liegt, dass sie allen das Herz einschnürt."

Die Kerze wurde dann von einem Geistlichen wieder angezündet.

Öffentliche Gottesdienste nach Katastrophen, Unfällen, Trauerfeiern für die Hinterbliebenen getöteter Soldaten oder für eine verstörte Fußballgemeinde – die Anlässe sind oft sehr unterschiedlich, doch die Bedeutung dieser Trauerfeiern wächst in einer säkularisierten Gesellschaft immer mehr, sagt Margot Käßmann.

"Deshalb empfinde ich diese Liturgien als ganz großen Halt in Extremsituationen. Weil wir Worte haben, die nicht unsere eigenen sind, man muss da nicht sitzen und formulieren, sondern ich kann sagen: 'Ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.' Das ist nicht neu erfunden, ich weiß, das hat Menschen schon seit 3000 Jahren getröstet und gehalten."

Egal, ob man diese kirchlichen Angebote nun riskante Liturgien nennt oder anders bezeichnet: Selten ist Religion, ist Kirche so gefragt wie in diesen Momenten der Ohnmacht und der Trauer, sagt Theologe Klie:

"Wenn Kirche zu solch einem Anlass etwas gestaltet, etwas sagt, dann ist sie bei ihrer ureigensten Sache: bei der Frage nach Opfer, nach Schuld, nach dem Warum, nach Trost, wo anders hätte sie eine Funktion als bei so einen Anlass, das Richtige, das ihr Gebotene zu sagen?"

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