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Samstag, 20.01.2018

Fazit | Beitrag vom 12.01.2018

"Rimini Protokoll“ am Schauspielhaus ZürichAgieren wie die Bosse

Von Christian Gampert

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Das Logo des World Economic Forums in Davos 2017. (FABRICE COFFRINI / AFP)
Das Logo des World Economic Forums in Davos 2017. (FABRICE COFFRINI / AFP)

In Davos treffen sich wieder Wirtschaftselite und Politiker, ein Ticket kostet um die 100.000 Euro. Im Schauspielhaus Zürich veranstaltet dazu die Theatergruppe "Rimini Protokoll" das Mitmachtheater "Weltzustand Davos", wo jeder selbst einmal die Geschicke der Welt abseits der Parlamente mitbestimmen kann.

In Davos werden keine Beschlüsse gefasst – aber es werden Entscheidungen angebahnt. Es werden Netzwerke geknüpft. Man zeigt sich, man redet – nicht nur auf den Podien, auch im Hinterzimmer. So wird heute Politik gemacht. Und: es kommt nicht jeder rein. Ein Ticket kostet um die 100.000 Euro.

Der exklusive Zirkel aus Wirtschaftselite und politisch Mächtigen wird von der Gruppe "Rimini Protokoll" nun im Theater nachgestellt. Jeder Zuschauer findet unter seinem Sitz eine Art Logbuch, mit dem ihm eine neue Identität verpasst wird. Ich war Manager eines englischen Kreditkarten- Finanzdienstleisters mit sehr hohem Jahresumsatz. Wir spielen mit. Wir sitzen als Wirtschaftsbosse in einer ansteigenden Arena und schauen auf eine schneebedeckte Manage. Klar, im ehemaligen Höhen-Luftkurort Davos liegt jetzt Schnee. Auf einer 360-Grad-Rundum-Leinwand hinter uns wird sogar ein Hubschrauberflug nach Davos gezeigt.

In der Manege agieren mehrere Spezialisten, die die Session anleiten. Ein in Sri Lanka geborener Soziologe von der Uni Basel, der über die Verteilung von Armut und Reichtum forscht. Eine erfolgreiche Unternehmerin, die sich nun für Frauenrechte engagiert. Eine frühere UNO-Mitarbeiterin, die in Davos von großen Unternehmen Geld für Dritte-Welt-Projekte einwarb. Und der frühere Bürgermeister von Davos, der die gesamte Logistik und die Sicherheitsmaßnahmen am Hals hatte.

Zweifelhaftes Aufeinandertreffen

Im ehemaligen Kurort Davos sollen die Leiden der Menschheit behandelt werden, politisch und ökonomisch, aber was dann dort an geredet und an Absichten geäußert wird, ist natürlich nur ein Pflästerchen auf eine große Wunde. Die Groß-Firmen, die in Davos von der UNO oder von Nicht-Regierungs-Organisationen um Fördergelder für Afrika angegangen werden, sind meist selbst die größten Umweltverschmutzer – oder sie verkaufen, wie Nestlé mit seiner Babynahrung, sinnlose oder sogar schädliche Dinge.

"Rimini Protokoll" stellt das nun mit dem Publikum nach: gutes altes, aber neugierig machendes Mitspieltheater, das aber durch viel Recherche, durch Daten und Informationen aufgemischt wird. Im Laufe des Abends tritt beim anfangs doch sehr eifrigen Publikum (wie auch beim Kritiker) eine gewisse Ernüchterung ein – so ist das in der Politik: am Ende eines langen Verhandlungstages sind alle eher müde. Aber immerhin hat "Rimini Protokoll" uns da schon gezeigt, wo eigentlich Politik gemacht wird: nicht im Parlament, sondern beim Kontakteknüpfen in Davos.

Weitere Informationen zu dem Stück "Weltzustand Davos" finden Sie auf der Homepage.

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