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Donnerstag, 14.12.2017

Nachspiel | Beitrag vom 10.09.2017

RetrorunningAuf die Plätze, rückwärts, los!

Von Sabine Gerlach

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Rückwärtsläufer bei der Retrorunning-WM in Essen / Lauf über 10.000 Meter (Deutschlandradio / Sabine Gerlach)
Rückwärtsläufer bei der Retrorunning-WM in Essen (Deutschlandradio / Sabine Gerlach)

Rückwärtsläufer gelten für gewöhnlich als Exoten. Dabei ist Rückwärtslaufen gesund, schult Geiste und Sinne und taugt sogar zur Sturzprophylaxe im Alter. Auch der Philosoph Wilhelm Schmid empfiehlt den damit verbundenen Perspektivwechsel.

"19 Uhr 01 haben wir jetzt, können wir? Dann darfste. Dann viel Glück!" (Startschuss) "Und es geht, los, die Athleten gehen in die Runde, es wird spannend, Thomas Dold deutlich auf Platz eins, hebt sich ab, versucht hier den Weltrekord zu brechen."

Aufgezogen wie ein Uhrwerk läuft Thomas Dold der Konkurrenz auf und davon. Hochkonzentriert und unglaublich schnell:

"Innenbahn frei machen, Innenbahn frei machen. Die Innenbahn bitte frei machen für Thomas Dold."

Schon nach wenigen Minuten müssen die ersten Läufer auf die Außenbahn ausweichen, damit der 31-Jährige ungehindert vorbei kann. Am Ende überrundet Thomas Dold sogar den späteren Zweiten:        

"Thomas Dold, der Applaus für dich, auf geht's. Es gibt unter 39, eine achtunddreißiger Zeit, wenn du Gas gibst. Wenn er Gas gibt, schafft er vielleicht unter 39 Minuten."

Er schafft es. Nach 10.000 Metern, verteilt auf 25 Runden, überquert Thomas Dold als Erster die Ziellinie. Rückwärts. In neuer Bestzeit:

"Und er ist unter 39 Minuten, Wahnsinn, wir haben einen neuen Weltrekord, er hat alles gegeben!"

"Megatoll", dass der WDR live berichtet

Ein neuer Weltrekord mit Ansage. Damit das Fernsehen live dabei sein konnte, begann das Rennen später als geplant. Schon Stunden vorher wurde mit den Vorbereitungen begonnen:

"Es ist richtig cool, dass der WDR jetzt auch noch hier ist und schon nach einem Satelliten sucht, das ist wirklich beeindruckend, dass die live vom RWL berichten, aber finde das megatoll, weil das werden so viele Menschen heute Abend sehen und ich bin mir so sicher, dass das morgen noch viel mehr ausprobieren werden und dementsprechend ist das eine Megawerbung fürs Rückwärtslaufen, und wenn man das natürlich sieht als guter Gesundheitssport, der die Leute in Bewegung bringt, ist das perfekt."

Rückwärtsläufer sind es nicht gewohnt, als Sportler ernst genommen zu werden. Sie gelten als Exoten. Als Spinner, die sich beim Umdrehen den Hals verrenken und komische Bewegungen machen. Sie werden bestaunt und belächelt. Man müsse sich so einiges anhören, sagt Christoph Diehl. Zum Beispiel, ob man vergessen habe, seine Tabletten zu nehmen:

"Es gibt Leute mittlerweile, die machen dann Videos von einem und lachen sich natürlich dann kaputt, und wenn man einfach trotzdem das macht, das erfordert schon eine gewisse Courage, das erstmal zu machen." 

Retrorunner aus 21 Ländern bei der WM

"Ok, ich darf unsere Athleten vorstellen im zweiten Finallauf über 100 Meter. Auf Bahn Nummer Eins, on track number one from Italy…"

In Essen hat sich niemand kaputt gelacht. Im Gegenteil: Die WM mit Teilnehmern aus 21 Ländern rückte für wenige Tage eine Sportart in den Fokus, die bis dahin kaum mediale Beachtung gefunden hatte. Abgesehen von einem Aufritt bei "Wetten, dass...?" im Mai 2010  auf Mallorca. Für Roland Wegner bis heute ein unvergessliches Erlebnis:

"Ja, 'Wetten, dass...?' war für mich mein Highlight in dieser sportlichen Laufbahn, vor 10.000 Menschen im Stadion und elf Millionen Menschen am Fernseher eine Rolle zu spielen und zu zeigen, was man kann und hat ja auch funktioniert. Und das war für mich schon wunderwunderschön." 

"Und das ist er, der aktuell den Weltrekord über 100 Meter hält in 13, 6 Sekunden, auf Bahn Nummer vier: Roland Wegner."

Roland Wegner gehört zu den Rückwärtslauf-Pionieren. Der ambitionierte Leichtathlet, der in jungen Jahren ein guter Vorwärtssprinter gewesen war, hatte 2002 wegen chronischer Kniebeschwerden schon ans Aufhören denken müssen:

"Habe dann immer wieder Schmerzen im Vorwärtslaufen gehabt und festgestellt, dass ich beim Rückwärtslaufen - das war eher Zufall - eben keine Schmerzen habe und das habe ich dann ausgebaut, intensiviert. Man muss natürlich sehen, wenn man aus einem Sportlerleben mit einer Verletzung rausgerissen wird, ist es für die Psyche schon nicht ganz so einfach. Und wenn man dann was findet, wo man sich wieder auspowern kann, wo man Ziele erreichen kann, wo man alles geben kann ohne Schmerzen, dann ist es was Wunderbares. Und das war für mich Rückwärtslaufen und 2004 bin ich meinen ersten Weltrekord gelaufen."

Ein Kilometer in weniger als vier Minuten

Bis heute hält Roland Wegner den Weltrekord über 100 Meter und hat ein oder besser DAS Buch über Retrorunning geschrieben. Inzwischen ist er 41 und läuft nur noch "just for fun", wie er sagt, mal vorwärts, mal rückwärts. In Essen wurde er dennoch Erster. Ohne seine Initiative hätte es die Weltmeisterschaft nie gegeben:

"Das, was wir heute erleben, hat seinen Ursprung vor elf Jahren in Augsburg: Da habe ich damals die internationalen Rückwärtsläufer eingeladen, dass wir uns zusammensetzen, uns überlegen, ob wir einen Verband gründen, um auch Weltmeisterschaften durchführen zu können. Das war meine Idee vor elf Jahren und vor zehn Jahren war dann die erste Weltmeisterschaft daraufhin und mittlerweile sind wir schon bei der sechsten. Das hat seinen Ursprung, was wir heute erleben in Deutschland."

"Wir haben gerade nachgerechnet. Ein Kilometer unter vier Minuten von Thomas Dold, das schaffen manche Menschen vorwärts nicht. Respekt. Auf geht's, das zehn Kilometer lang, Achim Aretz knapp dahinter."

Organisiert wurde die WM von jungen leistungsstarken Rückwärtsläufern wie Halbmarathon-Weltmeister Achim Aretz und Christoph Diehl. Auch er hat schon viele Medaillen gewonnen. Die beiden kennen sich seit ihrer Studienzeit in Münster. Dort begannen sie vor knapp zehn Jahren eher zufällig mit dem Rückwärtslaufen, gehören inzwischen aber schon lange zur Weltspitze:

"Es war so, dass Achim Aretz mit dem Rückwärtslaufen angefangen hat und ich habe mich dann einfach angeschlossen, weil ich immer für neue und etwas verrückte Sachen zu haben bin."

"Also bei mir war das keine freiwillige Entscheidung, es war der Morgen nach einer langen Studentenfeier, als ich verkatert war und schon zum Laufen verabredet war und der Kumpel, mit dem ich dann zusammen gelaufen bin, dem war das dann wohl so langsam, dass er sich umgedreht hat und, ja, so hat das alles angefangen. Und eine Woche später sind wir dann auch mal ein paar hundert Meter rückwärts gelaufen, und so wurden die Einheiten immer länger." 

"Achim kommt gleich auf die Zielgerade, einen großen Applaus für den Zweiten, feuert ihn noch mal auf den letzten 100 Metern an, er gibt noch mal Gas, da ist noch Energie da! Und er überschreitet die Ziellinie in 41 Minuten und 42 Sekunden, Wahnsinnszeit!"

Man entwickelt ein Gefühl für Hindernisse im Rücken

In einem Stadion rückwärts zu laufen, ist ungefährlich. Die Läufer orientieren sich an den Bahnlinien. Nur wenige tragen einen Helm. Außerhalb, in der freien Natur ist die Sturzgefahr größer. Vor allem auf unebenen Strecken lauern viele Hindernisse. Wenn Günter Fuhrmann mit seiner Frau Carmen im Gelände unterwegs ist,  geht sein Blick regelmäßig zurück über die Schulter und alle Sinne sind gespannt: 

"Wenn man sehr viel rückwärts läuft, man bekommt ja wie Augen hinten, man bekommt ein Gefühl, also, wir merken das manchmal selber, wenn wir bei uns am See laufen, wo auch viele Menschen unterwegs sind, wir merken, wir spüren ganz einfach, da kommt ein Hindernis, das kann man nicht beschreiben, aber das ist einfach ein Gefühl, das man mit der Zeit so entwickelt. Genau das ist eigentlich, was an dem Rückwärtslaufen auch so interessant ist, dass es nicht nur eine andere Bewegungsart ist, die natürlich auch sehr schön ist, sondern eigentlich auch im Persönlichen eine ganz andere Sichtweise gibt. Jeder, der rückwärts läuft, kann das, denke ich, bestätigen, dass man einen siebten, achten, neunten Sinn oder wie auch immer entwickelt, und spürt ganz einfach was anderes."

Ein Halbmarathon lässt auch sich rückwärts laufen

Die andere Sichtweise, aber auch die Suche nach immer neuen Herausforderungen ist für viele Vorwärtsläufer der entscheidende Impuls, sich irgendwann umzudrehen und die Richtung zu wechseln. So war es vor gut zwei Jahren auch bei Markus Jürgens. Der 28-jährige Ultrasportler läuft auch rückwärts am liebsten lange Strecken. In Essen holte er Silber im Halbmarathon: 

"Beim Rückwärtslaufen ist es eben so, als wenn man das Laufen noch mal neu lernt, also dass ich damals halt angefangen habe und quasi alles noch mal von vorne machen konnte. Also es war quasi so meine ersten fünf Kilometer, meine ersten 10 Kilometer, meine ersten 15, mein erster Halbmarathon, jetzt hab ich wieder eine neue Bestzeit erreicht eben dann im Rückwärtslaufen. Und das ist einfach eine große Motivation, da halt dann quasi am Ball zu bleiben und man macht wirklich am Anfang sehr große Fortschritte. Und das haben wir hier ja zum Beispiel auch bei der WM gesehen, wo wir Neulinge haben, die dann mal eben einen Weltrekord laufen, das ist absoluter Genuss."

Auch ein Neuling kann einen Weltrekord laufen

"Und auf Bahn Nummer 4, er hat eben den Weltrekord über 200 Meter geholt, David Winterstein."

Zu den Neulingen, die dann eben mal Weltrekord liefen, gehört David Winterstein. Der frühere Hürdensprinter trainierte eineinhalb Jahre lang intensiv für die WM und holte auf Anhieb mehrere Titel.

"Ok, wenn ich das richtig überblickt hab, ich habe jetzt nicht die Zeit gesehen, aber gewonnen hat mit der Nummer 14, David Winterstein und dann auf Platz zwei…."  

Am RWL faszinieren den 27-jährigen Freiburger vor allem zwei Dinge:

"Das Erste ist die ungewohnte Bewegung und der fette Muskelkater, den man am Anfang bekommt, also richtig heftig, eine Woche Muskelkater nach drei Kilometer Joggen. Und das Zweite ist der Mitmacheffekt, nenn ich den jetzt mal. Und zwar, ich kenne keine Sportart, die ich mache, die so einen Effekt auf die Menschen in meinem Umfeld macht.

Also, die Schulklassen gucken beim Training zu, wir trainieren immer morgens, fangen an rückwärts zu laufen, Freunde fragen nach, was man macht so, wenn's um Rückwärtslaufen geht. Zehn Minuten Gespräch nur darüber - es packt die Leute und es ist gar nichts so, was man nur so für sich macht."

Vom Faschingsscherz zum ernsthaften Sport

"Aus Deutschland, eben ist ihr Mann über 3000 Meter gestartet, jetzt startet sie, Carmen Fuhrmann!"

Anders als David Winterstein gehören Carmen und Günter Fuhrmann zu den Routiniers.

Das Paar, das in Nürnberg lebt, nahm dort zum ersten Mal im Februar 2004 an einem Rückwärtslauf teil. Zur Karnevalszeit:  

"Was als Faschingsscherz für uns begann, ist zwischenzeitlich ambitioniertes Laufen, das uns sehr viel Spaß macht. Wir waren jetzt schon bei mehreren Weltmeisterschaften dabei, zum ersten Mal waren wir 2010 in Karpfenberg, Österreich, 2012 dann in Spanien und dann 2014 Italien. Und jetzt ist es natürlich Zeit geworden, dass 2016 die WM in Deutschland stattfindet, weil mit die größte Gemeinde ist eigentlich in Deutschland nach den Italienern."

Carmen Fuhrmann gewinnt das Rennen über 3000 Meter. Sie ist in ihrer Laufbahn schon viele tausend Kilometer rückwärts gelaufen. Und weiß auch genau warum. Retrorunning, so die 55-Jährige, schärfe die Sinne und schule die Koordination. Sei zudem gut fürs Selbstvertrauen und halte geistig fit:

"Ich finde es faszinierend, weil man sieht das, was man hinter sich gelassen hat, also dieser andere Aspekt, dann muss ich auch ein Vertrauen in mich gewinnen, meine Sinne so zu schulen, dass ich dann frei laufen kann und diese ganz andere Koordination, weil als ich angefangen hab, hab ich gedacht, so kann ich gar nicht schnell laufen, weil wenn ich die Beine zurücknehme, dann klemmt irgendwas, also das geht doch gar nicht und dann merkt man eben, es geht doch, es ist nur die Technik und auch die Gewohnheit und das finde ich eigentlich diesen spannenden Aspekt eben daneben, dass es einfach auch im Alltag hilft, Balance zu halten, das Gleichgewicht zu stärken, eben auch den Geist, der ja immer eigentlich gefordert werden sollte, damit er auf der Höhe bleibt, wird dadurch eben auch trainiert und diese ganzen Aspekte das gefällt mir sehr gut."

Ohne Konzentration auf die Bewegungsabläufe geht es nicht

Rückwärtslaufen sei eine große mentale Herausforderung, bekräftigt Manuela-Maria Rieke. Sie gewann in ihrer Altersklasse Silber:

"Ich finde auch, man muss sich stärker konzentrieren beim RWL, vorwärts ist irgendwie so drin, da kann man auch wenn man kaputt ist, trägt man sich irgendwie vorwärts. Beim Rückwärtslaufen habe ich den Eindruck, wenn man die Konzentration verliert vom Kopf her, kommt man ins Stolpern, also es ist so eine Mischung aus körperlicher Anstrengung, aber ich finde, auch vom Kopf die Konzentration auf die Bewegungsabläufe." 

"Und mit einer Zeit von 17:41 auf dem zweiten Platz Manuela-Maria Rieke!" 

Wer sich umdreht und rückwärts läuft, muss lernen, seinen Körper anders auszubalancieren. Gelaufen wird nur auf dem Fußballen, die Ferse schwebt in der Luft. Die Schritte sind tänzelnd und kürzer als beim Vorwärtslaufen. Die Arme werden schwungvoll nach hinten bewegt. Andere Muskeln werden beansprucht und gekräftigt, vor allem in Waden und Oberschenkeln.

Gute therapeutische Maßnahme nach Knieverletzungen

Rückwärtslaufen ist zudem gelenkschonend. Also ideal zum Beispiel nach Knieverletzungen. Der Sportmediziner Robert Margerie hält Retrorunning deshalb für eine gute therapeutische Maßnahme. Es könne sinnvoll sein, zeitweilig rückwärts zu laufen, damit es danach wieder vorwärts geht:  

"Da sehen wir immer wieder, dass Sportler, die sich verletzen, meinetwegen beim Laufen, immer auf der Suche sind nach alternativen Trainingsformen, nach Rehabilitationsmaßnahmen, wo wir aber Dinge wie das Radfahren oder das Schwimmen oder ganz allgemein auch Gymnastik und Krafttraining empfehlen, hier kann das RWL tatsächlich eine zusätzliche sinnvolle Maßnahme sein."

Richtungswechsel gehören in vielen Sportarten zum Spielverlauf, zum Beispiel beim Handball, Fußball oder Tennis und werden entsprechend trainiert. Die Fähigkeit, sich rückwärts orientieren und fortbewegen zu können, sei aber generell wichtig für jeden, nicht nur für Sportler, betont der Mediziner:

"Vielleicht wäre das eine schöne Option, das Rückwärtslaufen auch im Kindergarten oder in der Grundschule mit den Kindern einzuüben. Denn neben dem Balancieren, auf einem Bein zu stehen beispielsweise oder auf einem Balken zu balancieren, scheinen die motorischen Fähigkeiten, auch was das Rückwärtslaufen angeht, doch zurückzugehen bei den Kindern, das ist bedenklich. Und das ist auch im Hinblick auf Sturzprophylaxe im Alter, womit wir im Gesundheitssport sehr viel zu tun haben, sicherlich auch eine Negativentwicklung, dass man eben koordinativ auch das Rückwärtslaufen trainieren sollte."   

"Go, Thomas, go, go, go, go, go!"

Rückwärtslaufen bringt Gewissheiten ins Wanken

Rückwärtslaufen bringt Gewissheiten ins Wanken. Wo ist hinten, wo ist vorn? Wo rechts, wo links? Bringt Rückenwind Vorteile? Oder ist Rückenwind nicht eigentlich Bauchwind? Oder doch eher Gegenwind? Wenn ich meinem Gegner keine Nasenlänge voraus sein kann, dann vielleicht eine Ellenbogenspitze? Und: Ist das, was wir als rückwärtsgewandt bezeichnen, in diesem Fall nicht eigentlich fortschrittlich? 

"Man sieht die Welt quasi ein bisschen mit anderen Augen, weil sie sehen sie umgedreht und zum Beispiel, man merkt das da dran, wenn man vorwärts eine Strecke läuft und man hat dort einen Blickwinkel. Und man dreht sich um, sieht die gleiche Strecke andersrum, sieht die irgendwie komplett anders aus und dann merkt man, wie cool der Perspektivwechsel ist und welche neuen Sachen man dadurch sehen kann, und das spürt jeder Rückwärtsläufer."

"Kate aus Kanada, Sandra, Christoph Diehl und Thomas Dold!"

Nicht nur Thomas Dold, sondern auch der Philosoph Wilhelm Schmid weiß aus eigener Erfahrung, wie bereichernd es ist, von Zeit zu Zeit den Blickwinkel zu verändern:

"Es ist immer ein Vorteil, die Perspektive zu wechseln, das gilt in jeder Hinsicht. Ich habe das gelegentlich selber auch betrieben und hab mich auf den Boden gelegt, auf den Rücken, auf den Bauch, und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus, in der Tat. Alles, was die Sinne wach macht, ist von Vorteil, möchte ich mal behaupten. Das weckt die Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist immer die Grundlage unseres Weltzuganges und wenn wir immer nur den selben Weltzugang haben, in dem Fall  vorwärts laufen, aufrecht stehen, dann ist das für die Sinne langweilig, also alles was die Sinne wieder zu einer Intensität bringt, ist wertvoll."        

Wilhelm Schmid in einem Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)Auch der Philosoph Wilhelm Schmid empfindet den Perspektivwechsel als bereichernd (Deutschlandradio / Matthias Horn)

"Eines Tages", sagte der Mann, "war ich ganz alleine in einem windstillen Park. Ich hörte Amseln neben mir im Gebüsch nach Futter stochern, ich hörte Tauben rufen - und eine große Ruhe überkam mich. Ich ging ein paar Schritte rückwärts, und ich weiß jetzt: Wenn man immer nur vorwärts geht, verengt sich der Weg. Als ich anfing rückwärts zu gehen, sah ich die übergangenen und übersehenen Dinge, ich hörte sogar das Überhörte. Verlangen sie keine Logik von mir, die Entdeckung, die ich gemacht habe, lässt sich nicht in Worte fassen."  

Schon in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts näherte sich der Schriftsteller Günter Seuren dem Phänomen des Rückwärts-Laufens oder besser: -Gehens. In seiner Kurzgeschichte "Das Experiment". Zurückblicken, Innehalten, Nachdenken, die Perspektive wechseln und den Mut haben, Gewohntes in Frage zu stellen: All diese Botschaften können aus Seurens Geschichte herausgelesen werden. Auch der Philosoph Wilhelm Schmid plädiert dafür, sich immer wieder neu zu entdecken:

"Das Rückwärtsgehen kann eben bedeuten, hinter mir ist auch was und diesen Raum erschließe ich mir auch, erstmal rein sinnlich durch Gehen, aber dann hoffentlich auch denkerisch. Wir müssen uns immer nach hinten und nach vorne orientieren und wichtig scheint mir zu sein, menschliches Leben ist grundsätzlich experimentell, das ist ein großer Unterschied zur Tierwelt, die in dem Rahmen lebt, der ihr vorgegeben ist, genetisch und auch sonst. Menschliches Leben ist offen für Experimente und diesen Raum können wir nur erschließen eben indem wir immer wieder Neues erproben und auf die Weise erst bemerken, was wir alles können, das wissen wir nicht vorher."

Rückwärtsläufer trotz beidseitiger Unterschenkelamputation

"OK, jetzt geht`s gleich los!" (Startschuss)

Dwayne Fernandes hat Neues erprobt. Der Australier, der genau wie Thomas Dold auch ein erfolgreicher Treppenläufer ist, flog um den halben Erdball, um in Essen dabei zu sein:

"It took me 24 hours to get here, travelling…”

Fernandes ist beidseitig unterschenkelamputiert und läuft rückwärts mit Prothesen:

"I want them to come und try and break this record that I will be setting and we shall see you at the next one.”

Der unterschenkelamputierte Retrorunner Dwayne Fernandes (Deutschlandradio / Sabine Gerlach)Der unterschenkelamputierte Retrorunner Dwayne Fernandes (Deutschlandradio / Sabine Gerlach)Der 31-Jährige möchte anderen Amputierten Mut machen, so wie er Neues zu wagen und seinem Beispiel zu folgen:

"That's my intention. Set records that will get amputees out of their chairs and come join us on the the racetrack.”

"Dwayne, das ist dein Applaus!"

Auch Markus Jürgens möchte andere in Bewegung bringen. Im letzten Sommersemester leitete er an der Uni Münster einen Sportkurs, in dem Studenten für das Rückwärtslaufen begeistert werden sollten. Auch das eine Weltpremiere:

"Die Resonanz war da tatsächlich ganz gut, ich hatte 20 Plätze frei und es waren 19 Anmeldungen, es haben sich superviele junge Leute, junge Studierende angemeldet und auch nicht nur Leistungssportler, sondern eher so Hobbysportler, die einfach mal was Neus ausprobieren wollten, und das hat super Spaß gemacht."

"Ebenfalls in der letzten Runde mit der Nummer 101 Manuela-Maria Rieke und ebenfalls in der letzten Runde mit der Nummer 37…"

Zu denen, die Neues ausprobieren wollten und Gefallen an der ungewohnten Fortbewegung fanden, gehört die Medizinstudentin Manuela-Maria Rieke. Schon nach wenigen Monaten fühlte sie sich sicher  genug, um an der Weltmeisterschaft teilzunehmen:

"Ich hatte vorher vom Rückwärtslaufen noch gar nichts gehört, dann fand ich das ganz spannend, einfach mal was Neues und Rückwwärtslaufen hatte ich mir auch direkt ein Video angeguckt und dachte, das sieht ja irgendwie lustig aus, so wie als würde man irgendwie einen Film andersrum abspielt. Am Anfang ging's erst mal so ein bisschen darum, einfach die Scheu abzulegen, einfach rückwärts zu laufen und gar nicht zu sehen, wo man hinläuft. Und deswegen sind wir am Anfang zu zweit gelaufen, also dass einer vorwärts läuft und der andere rückwärts, einfach um sich so ein bisschen daran zu gewöhnen."

Ein guter Tipp: zu zweit laufen

"Vorsicht Pfütze, da ist eine Wurzel. Gut, einmal nach rechts und weiter, alles frei."  

Nicht nur Anfänger, sondern auch "alte Hasen" wie Achim Aretz und Christoph Diehl sind ab und an gerne zu zweit unterwegs. Derjenige, der vorwärts läuft, sagt, wo es lang geht, der andere folgt blind:  

"Es ist natürlich eine Vertrauensfrage, man muss sich total auf den anderen verlassen können, aber wenn man das kann, kann man ganz entspannt rückwärts laufen. Ist natürlich auch viel angenehmer, wenn man keine Gedanken über Hindernisse verschwenden muss. Oder wenn einer einfach viel schneller ist als der oder die andere, dann kann man trotzdem noch zusammen laufen, dann läuft der Schnellere halt rückwärts, ja, und dann ist man auf einmal auf der gleichen Leistungsebene und kann wunderbar zusammen trainieren, ist auch ein schöner Aspekt vom Rückwärtslaufen."

"Da kommt wieder der Hund und weiter, gut, einmal links rüber und Rechtskurve." 

"Dann kann man sich auch echt gut unterhalten, weil man sich ja auch angucken kann, wenn man vorwärts läuft, dann läuft man nebeneinander und beim Tandem läuft man so, dass man sich in die Augen gucken kann, sich unterhalten kann, und das ist schon ein Vorteil. Und wenn man jetzt richtig schnell laufen will, dann ist es natürlich auch eine große Hilfe, wenn man sich nicht ständig umgucken muss."

200 ambitionierte Retrorunner in Deutschland 

Christoph Diehl, Achim Aretz oder Markus Jürgens merken irgendwann gar nicht mehr, in welche Richtung sie laufen. Ob vorwärts oder rückwärts, rückwärts oder vorwärts, egal:  

"Ich hatte das zum Beispiel, dass ich mal durch Münsters einsame Straßen gelaufen bin und mich Passanten angeschaut haben und ich mich gefragt hab, warum gucken die jetzt so komisch, bis ich dann gemerkt hab, ach, ja du läufst rückwärts, also, solche Momente gibt es dann eben und das ist eben das Besondere daran, dass der Körper sich eben dem anpasst und dann auch solche Distanzen bewältigen kann."   

Momentan gibt es in Deutschland nur rund 200 Athleten, die Retrorunning ernsthaft betreiben, aber wer weiß, vielleicht wird aus dem Trend irgendwann eine starke rückwärtsgewandte Bewegung. Ich jedenfalls habe mich schon umgedreht.  

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(Deutschlandradio Kultur, Nachspiel, 03.07.2016)

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