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Mittwoch, 22.11.2017

Fazit | Beitrag vom 22.09.2017

Remarque-Friedenspreis an Aslı ErdoğanStimme der Unterdrückten

Von Alexander Budde

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Die türkische Schriftstellerin und Journalistin Asli Erdogan schaut am 22.09.2017 in Osnabrück (Niedersachsen) während der Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises in die Kamera. Sie bekommt im historischen Rathaus von Osnabrück den mit 25 000 Euro dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen. (picture alliance / dpa/ Mohssen Assanimoghaddam)
Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2017 an die türkische Schriftstellerin und Journalistin Asli Erdogan. (picture alliance / dpa/ Mohssen Assanimoghaddam)

Die türkische Autorin Aslı Erdoğan hat den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erhalten. Die Kritikerin von Präsident Recep Tayyip Erdogan erhielt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung vor allem für ihren Kampf für Pressefreiheit und gegen Unterdrückung.

Im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses, unter den Ölgemälden der Friedenstifter, lauscht die Festgemeinde beklommen. In ihrer Dankesrede erzählt Aslı Erdoğan von einem erlebnis aus dem Frauengefängnis von Istanbul. 132 Tage saß die türkische Schriftstellerin dort in Haft. Erdoğan hatte beobachtet, wie die gut zwei Dutzend Frauen, mit denen sie die Zelle teilte, heimlich eine Pflanze aufgezogen hatten. Dabei gab es keine Erde für das zarte Gewächs, nur ein Provisorium aus Eierschalen und Teebeuteln.

Aslı Erdoğan: "Sie haben versucht, diese kleine Pflanze zu verbergen und am Leben zu erhalten. Sie haben ihr die Sonne und den Regen gezeigt als wäre sie ihr kleiner Prinz. Und natürlich wurde diese kleine Pflanze entdeckt – und die Wächter haben sie den Frauen mit Freude aus den Händen gerissen. Das hätten Sie sehen sollen: Frauen, einige seit zehn Jahren und länger in Haft, die um diese kleine Pflanze weinen!"

Mit Aslı Erdoğan reiht sich zum zweiten Mal eine Frau in die illustre Riege der Preisträger ein.

Geboren ist sie vor 50 Jahren in Istanbul. Die studierte Physikerin geht nach dem Examen an das Kernforschungszentrum CERN in Genf. Nebenher schreibt sie erste Geschichten, ihre Romane "Der wundersame Mandarin" und "Der Muschelmann" werden auch ins Deutsche übersetzt. 1998 erscheint "Die Stadt mit der roten Pelerine". In diesem Roman mit stark autobiographischen Zügen versucht eine junge türkische Akademikerin in Rio de Janeiro Fuß zu fassen – einer Stadt, die sie als ebenso faszinierend wie bedrohlich erlebt.

Beschreibung des Grauens

Die Schriftstellerin als Sprachrohr der Geknechteten, Unterdrückten und Im-Stich-Gelassenen: Erdoğan hat ihren Erzählstil gefunden. Es ist die detailgenaue Beschreibung des Grauens, eindringlich, emotional berührend. Zurück in der Türkei schreibt sie Kolumnen für die linksliberale Zeitung "Radikal", später auch für die pro-kurdische Zeitung "Özgür Gündem".  Es entstehen Texte mit enormer Wucht – über Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen, Repressionen gegen Kurden, Folter und Krieg, den Völkermord an den Armeniern. Wer sie liest, ahnt, warum Aslı Erdoğan ins Gefängnis musste.

"Ich habe versucht, mit meinen Kolumnen Brücken zu bauen, nicht nur zwischen Kurden und Türken, auch zwischen den Unterdrückern und den Unterdrückten, den Opfern und den Vollstreckern. Und ich habe versucht, dazu beizutragen, dass sich ein Gewissen herausbildet, im Einzelfall wie auch kollektiv in der Gesellschaft. Ich denke, es ist kein Zufall, dass die türkische Regierung – wenn sie es könnte – mich am liebsten hängen würde!"

In Folge des Putschversuchs im Sommer vergangenen Jahres wird die Autorin zusammen mit vielen anderen Journalisten festgenommen und erst im Dezember aus der Haft entlassen. Doch im laufenden Verfahren droht ihr eine lebenslange Haft. Der Vorwurf: Volksverhetzung und Terrorpropaganda für eine illegale Organisation.

Alexander Skipis: "Wie Erich Maria Remarque nimmt uns Aslı Erdoğan mit in den Krieg, in die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Sie beschreibt die Grausamkeiten schonungslos, aber so sensibel wortgewaltig, dass die Bilder in unseren Köpfen entstehen, die man nicht vergisst."

Türkische Kulturschaffende in Bedrängnis

Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verwandelt seine Laudatio in eine flammende Philippika. 

Alexander Skipis: "Die Türkei ist ein totalitärer Unrechtsstaat geworden, der sich rasend schnell von den demokratischen, freiheitlichen Werten des gemeinsamen Europas entfernt. Und wohlgemerkt: Es ist der Staat, der von einem einzelnen Tyrannen geprägt wird. Aslı Erdoğan beschämt uns mit ihrem konsequenten und kompromisslosen Eintreten für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit und für den Frieden. Sie nimmt körperliche Drangsalierung in Kauf, um unsere Werte zu vertreten."

Die Bundesregierung sei nicht in der Lage, klare Position für die Inhaftierten zu bekennen, klagt Skipis. Die Zahl von 180 Schriftstellern und Journalisten ist offiziell bekannt, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Kulturschaffende sind oft die erste Berufsgruppe in Bedrängnis, doch fristlos entlassen, ausgegrenzt oder ins Exil getrieben stehen auch abertausende Wissenschaftler, Lehrer, Beamte vor dem Nichts.

Skipis spricht von der Schuld des Unterlassens: Um den Flüchtlingsdeal zu retten, einen NATO-Stützpunkt, nicht zuletzt die wirtschaftlichen Beziehungen werde das Schicksal der Menschen zur Verhandlungsmasse gemacht.

"Und ich fühle mich, als sei ich an der entferntesten und mir fremdesten Ecke der Welt gelandet. Zwischen Nichtwegkönnen und Nichtbleibenkönnen bin ich unter nagenden Zweifeln zum Fragezeichen zusammengekrümmt."

 "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch" ist eine Podiumsdiskussion am Vorabend der Preisverleihung in der Friedensstadt überschrieben – so lautet auch der Titel des Buchs, in dem Aslı Erdoğans Essays rund um den Putsch gesammelt sind. In der Türkei dürfen sie nicht erscheinen.

Aslı Erdoğan sagt, dass sie zwar aus dem Gefängnis heraus aber nicht zurück in der Welt sei. Ihre Karriere als Kolumnistin sei beendet, sie habe auch kein Privatleben mehr. Und da ist die Paranoia, die stete Furcht vor einem Regime, das in seinem Allmachtsanspruch über Leichen geht.

 

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