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Freitag, 19.01.2018

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 29.10.2014

ReligionNeue Feiertage braucht das Land

Die alten Feiertage passen nicht mehr in die moderne Gesellschaft

Von Arno Orzessek

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Beichtstuhl in der Kirche St. Maria im Kapitol in Köln (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)
Viele Menschen können mit den christlichen Feiertagen nichts mehr anfangen - die Kirchen bleiben leer. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)

Der 31. Oktober und der 1. November nähern sich: Reformationstag und Allerheiligen sind wichtige christliche Feiertage. Doch im säkularisierten Deutschland haben sie ihre eigentliche Bedeutung längst eingebüßt. Könnte man für Ungläubige nicht andere Feiertage erfinden?

"Das 'christliche Abendland' war einmal", titelte kürzlich nicht etwa eine linksliberale Multikulti-Gazette... Sondern das evangelikale Magazin Idea spektrum, Hausblatt strenggläubiger Protestanten.

Dem ist schwer zu widersprechen. Nicht nur die Kirchen leeren sich notorisch - auch der Islam gehört zu Deutschland.

Ja, aber... Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen: Das kommende Wochenende bietet alles auf, um dem zu widersprechen. Wenn es noch einen Rückzugsort des einst allmächtigen Christentums gibt, dann ist es der Kalender.

Die christlichen Feiertage sind in Deutschland das letzte lose Bindeglieder zwischen der säkularen Gesellschaft und ihrer christlichen Vergangenheit. In der einst in der Tat eine eklatante Heiligen-Sucht herrschte. Zuerst waren Märtyrer die Favoriten. Doch schon im frühen Mittelalter verehrten die Gläubigen maßlos viele Engel, Apostel, Evangelisten, Personen des Neuen Testaments, Kirchenleute, Missionare und überhaupt auffällig gute Menschen als Heilige.

Päpste bekämpften die üppige Feiertags-Konjunktur, bis im 9. Jahrhundert Gregor IV. für die Westkirche den 1. November als Tag aller Heiligen bestimmte. Und der ist tatsächlich noch ein ereignisreiches Jahrtausend später, in dem jeder verbindliche Begriff des Heiligen verdampfte und die kultische Verehrung schließlich auf Pop- und Sportstars überging, in einigen Bundesländern gesetzlicher Feiertag. Vergleichbare Anachronismen sind rar...

Feiertag gleich Freizeit

Zumal die Reformation in einem zentralen Punkt die Mittlerrolle der Heiligen zwischen Gott und Mensch verneint hat. Luther lehrte: Allein durch den Glauben.

31. Oktober, 1. November: Theologisch betrachtet, sind sich Allerheiligen und Reformationstag ärgste Feinde. Was aber in der säkularisierten Gesellschaft die Menschen in der Regel weit weniger kümmern dürfte als die alles entscheidende Frage: Ist der Feiertag ein freier Tag?

Feiertag gleich Freizeit: Diese unchristliche Gleichung ist es, die das ermattetete christliche Erbe noch attraktiv erhält.

Das war übrigens zur Zeit der Französischen Revolution ähnlich. Der Revolutionskalender, der bis 1805 galt und den Monat in Dezennien mit nur drei freien Tagen teilte, wurde nicht abgeschafft, weil die Menschen der Revolutionsjahre das Christentum, sondern weil sie ihre vier bis fünf arbeitsfreien Sonntage wiederhaben wollten.

Wenn denn dem Feiertagskalender als Refugium des Christentums Gefahr droht, dann nicht von der Revolution, sondern von der Ökonomie. Wurde doch - abgesehen von Sachsen - der freie Buß- und Bettag 1995 der Wirtschaft geopfert, weil sie Kompensation für ihre Mehrbelastung durch die neue Pflegeversicherung eingeklagt hatte.

Die säkularisierte Gesellschaft muss also wachsam sein bei der Wahrung des christlichen Erbes im Kalender, sonst könnten auch andere freie Tage verschwinden.

Gewonnene Fußballspiele als Feiertage einführen

Immerhin: Die Neukodierung von Christi Himmelfahrt als Vater- respektive Herrentag verschafft dem überkommenen Feiertag einen zeitgemäßen Schutzraum.

Andererseits könnte man sich auch etwas ganz Neues einfallen lassen: Feiertage für die ungläubige Republik, die fast allen am Herzen liegen würden.

Erklärte man die Daten aller siegreichen Spiele der Fußball-Nationalmannschaft bei Welt- und Europa-Meisterschaften zu den neuen gesetzlichen Feiertagen - sie wären wohl bald mindestens so tief im Gemüt vieler Menschen verankert wie die des Kirchenjahres.

Und dank ihrer erfreulichen Anzahl hätten wir, was den Feiertagskalender betrifft, umgehend wieder mittelalterliche Verhältnisse.

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