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Sonntag, 19.11.2017

Religionen / Archiv | Beitrag vom 02.11.2014

Religion in IndonesienImportierter Fundamentalismus zerstört die Vielfalt

Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften nehmen zu

Von Stefan May

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Blick über ein altes Wohnviertel auf die Hochhäuser der Jalan-Thamrin-Road in der indonesischen Stadt Jakarta. Fotografiert: 07.11.2003 (picture alliance / dpa / Kurt Scholz)
Wie flexibel und tolerant die Menschen in Indonesien mit Religionsübertritten umgehen, ist von Insel zu Insel verschieden. Hier: Jakarta auf Java. (picture alliance / dpa / Kurt Scholz)

In Indonesien leben die großen Religionsgemeinschaften auf relativ engem Raum zusammen. Das klappt eigentlich gut. Doch die Pluralität und Friedlichkeit beginnen zu schwinden.

Ein schwül-heißer Tag in Indonesiens Hauptstadt Jakarta: Auf einem Fußballplatz flattern grüne Fahnen – grün, die Farbe des Islam. Männer in grünen T-Shirts und Frauen mit schwarzem Kopftuch schwenken Transparente. Es ist nicht zu übersehen, dass heute hier nicht Sport betrieben wird: Eine Parteiveranstaltung der PBB, der Partei des Halbmonds, ist für den Nachmittag angesetzt. Die PBB ist eine von drei religiösen Parteien unter einem Dutzend Parteien in Indonesien. Bei den Parlamentswahlen im April sind die Religiösen nur jeweils einstellig geblieben. Im Schatten der Veranstaltung sitzen ein paar Funktionäre auf einer Bank. Eine von ihnen ist Elma, eine pensionierte Lehrerin, mit Brille,  Kopftuch und sanftem Blick. Sie möchte, dass das islamische Gesetz der Scharia in Indonesien eingeführt wird.

"In der Unruheprovinz Aceh etwa, wo die Scharia bereits eingeführt ist, können die christlichen Kirchen ungehindert weiter arbeiten. Im Gegenteil, sie sind damit zufrieden und profitieren sogar von der Scharia. Die Kriminalfälle gehen zurück wegen der Gesetzesbestimmungen."

Südostasiatische Muslime sind entspannter

Diese  Forderung  nach Einführung der Scharia scheint dem konservativen Ruf nach härteren Gesetzen oder nach dem starken Mann in unseren Breiten zu ähneln. Die Leute wissen oft gar nicht, was sie meinen, wenn sie die Scharia fordern, sagt ein Politikwissenschaftler aus Singapur außer Hörweite der Politikerin. Vermutlich würde sie das nicht fordern, wenn sie wüsste, dass nach diesen Bestimmungen ein Mann mehrere Frauen haben darf. Seiner Meinung nach lässt sich am Islam ein kulturelles Phänomen ablesen: Die Menschen im Nahen Osten seien härter, jene in Südostasien entspannter. Hier seien selbst die Hardliner in den islamischen Parteien beunruhigt über die Aktivitäten von Salafisten im Land. Diese lehnen nämlich jeden demokratischen Prozess ab. Das bestätigt Pipit Apriani, Gründerin einer indonesischen Wahlbeobachtungskommission, die selbst mit der PBB sympathisiert.

"Es entsteht eine Art von muslimischem Fundamentalismus. Und der zerstört den Pluralismus in Indonesien. Die Leute stammen zwar aus Indonesien, werden aber manchmal irgendwo im Nahen Osten geschult. Auf der Basis unserer Verfassung kann die Regierung gar nichts machen."

Erfolgreich wären die Salafisten in Indonesien nicht, aber sie versuchen es, sagt Pipit Apriani. Der 53-jährige Yanuar Budiarso, der in Jakarta eine Sprachschule leitet, meint hingegen, dass alles unter Kontrolle sei. Er macht die soziale Ungleichheit im Land für so manche Radikalisierung verantwortlich. Bevor der Islam nach Indonesien gekommen sei, wären Hinduismus und Buddhismus verbreitet gewesen, sagt Budiarso. Das spiegele sich im Glauben der Menschen noch heute wieder.

"Manchmal praktizieren sie den Islam, wie er aus den arabischen Ländern gebracht wurde. Es gibt aber auch eine Menge Menschen, die den Islam akzeptieren, aber ihren alten Glauben nicht verlassen. Manchmal mischen sie in traditioneller Art Islam und Hinduismus beispielsweise."

Totenfeier auf Java nach hinduistischer Tradition

So würde etwa die Totenfeier auf Java gemäß hinduistischer Tradition sieben Tage lang gehalten oder grundsätzlich kein Rindfleisch gegessen. Auch die Architektur der Moscheen gleiche oft der von Tempeln. Hinzu komme religiöse Toleranz.

"Wir diskriminieren andere nicht. Die Regierung schützt die Menschen aller Religionen."

Die katholische und die evangelische Kirche bestätigen, dass sie in ihrem Glaubensleben nicht eingeschränkt sind – wohl solange man die Spielregeln einhält: Wir sind frei, heißt es jedenfalls bei beiden übereinstimmend.  

Am Sonntag ist die römisch-katholische Kathedrale von Jakarta schon eine halbe Stunde vor Beginn gesteckt voll. Die beiden Türme des neogotischen Baus stehen genau gegenüber der größten Moschee Indonesiens. Glocken läuten allerdings nicht. Mehrere hundert Besucher sitzen in den Bänken. Vor der Messe blättern sie aber nicht etwa in Gebetbüchern, sondern tippen und wischen auf ihren Handys. An hohen Festen wird neben der Kirche auf Pfarrgrund ein weites Zeltdach aufgezogen und der Gottesdienst auf einer Leinwand übertragen. Dann sind es mehr als 1000 Menschen, die die Messe mitfeiern. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 30 und 40 Jahren. Die Menschen wirken fröhlich, lachen herzlich bei der Predigt, klatschen und singen aus vollem Hals.

Die Kirche wächst, bestätigt der Zelebrant nach der Messe, der Jesuit Greg Soetomo. Er ist Herausgeber des wöchentlichen religiösen Magazins "Hidup", das eine Auflage von 16.000 Stück hat. Und er arbeitet an der Universität über Islamwissenschaften. Dass man den Christen die Verwendung des Namens "Allah" verbieten könnte, wie kürzlich im Nachbarland Malaysia geschehen, hält er in Indonesien für undenkbar. Father Greg schätzt die Katholiken in Indonesien auf 8 bis 9 Millionen Mitglieder, die von 5000 Priestern betreut würden.  

"Das ist einzigartig, das ist das interessanteste Phänomen der katholischen Kirche in Indonesien, das ich kenne: Wir sind lediglich in der zweiten, dritten Generation katholische Christen. Unsere Mutter, oder unser Vater, Onkel oder Tante sind Muslime, in erster Linie Muslime, denn wir haben 80 Prozent Muslime hier. Aber das ist sehr interessant, weil es unmöglich wäre für Muslime in anderen islamischen Ländern, vor allem im Nahen Osten zum Christentum überzutreten."

"Es gibt zwei Arten von Moslems: moderate und radikale"

Wie flexibel und tolerant die Menschen in Indonesien mit Übertritten umgehen, ist von Insel zu Insel verschieden. Das weiß auch Reverend Henoch D. Matulapelwa. Er steht der calvinistischen Gemeinde von Jakarta vor, die zur viertgrößten evangelischen Kirche im Land gehört. Rund einen Kilometer von Jakartas katholischer Kathedrale entfernt erhebt sich ihr weißer Kuppelbau. Die Anlage wirkt ärmlicher als die katholische. Hinter dem Altarraum hängt ein Foto von Gemeindemitgliedern und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor zwei Jahren der Kirche einen Besuch abgestattet hat. Was Übertritte betrifft, ist man hier vorsichtiger, deutet Reverend Matulapelwa an.

"Wir haben das für uns zu behalten und nicht zu propagieren. Es gibt zwei Arten von Moslems: die moderaten Moslems und die radikalen Moslems. Die moderaten Moslems kennen das christliche Programm und die christlichen Aktivitäten. Die radikalen Moslems verschließen ihr Herz vor Diskussionen oder Begegnungen mit uns."

Deren Stärke schätzt er auf 10 und 15 Prozent der Bevölkerung. Eigentlich wachse die Kirche nicht, sagt er, denn sobald es genügend neue Mitglieder bei den Calvinisten gibt, wird eine neue Kirche gebaut. Dann allerdings wird es heikel, denn da müssen Christen die Gesetze genau einhalten. Sobald nämlich Christen Fehler machen, könnte dies Unruhe auslösen.

"Als ich zum Gottesdienst in Aceh war, haben sie Steine aufs Dach geworfen. Aber das macht nichts, denke ich – ein, zwei Leute. Die Polizei ließ es nicht zu und hat sie eingesperrt."

Das scheint aber schon das Äußerste zu sein in Indonesien - einem Land, in dem neben dem Islam auch andere große Religionen, wenngleich als kleine Minderheiten, ihren Platz haben. 

Mehr zum Thema:

Stimme der Stimmlosen
(Deutschlandradio Kultur, Feature, 22.10.2014)

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