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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.01.2012

Reise zu erfundenen Schauplätzen

"Atlas der fiktiven Orte" versammelt fantastische Plätze der Literatur

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Nell: Die Vorstellung einer Insel spricht Menschen besonders an.  (Jan-Martin Altgeld)
Nell: Die Vorstellung einer Insel spricht Menschen besonders an. (Jan-Martin Altgeld)

Entenhausen, das Schlaraffenland oder das Paradies - all diese Orte findet man in dem aufwendig gestalteten "Atlas der fiktiven Orte". Sie spiegeln unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen, erklärt der Autor und Literaturwissenschaftler Werner Nell.

Britta Bürger: Bislang mussten wir die fantastischen Orte unserer Lieblingsbücher vergeblich auf Landkarten suchen – oder haben Sie Karten, auf denen sich die Insel Atlantis, der Zauberberg oder das Schlaraffenland finden lassen? Im "Atlas der fiktiven Orte" des Literaturwissenschaftlers Werner Nell sind sie allesamt verzeichnet und laden ein zu umfassender Erkundung. Karl Mays Ardistan und Tolkiens Mittelerde, Marco Polos Eldorado und Brechts Mahagonny. Beginnen wir das Jahr 2012 also mit einer Reise zu erfundenen Schauplätzen. Herr Nell, schönen guten Morgen!

Werner Nell: Guten Morgen!

Bürger: An welchen fiktiven Orten haben Sie sich denn im Laufe Ihres Lebens gedanklich immer mal wieder gern zurückgezogen?

Nell: Ein wichtiger Faktor war ganz ohne Weiteres Karl May gewesen. Das heißt also, ich gehören noch zu einer Generation, in der Jungs – sagen wir – im Alter von 12 bis 14, 16 Jahren in einer Karl-May-Welt gelebt haben. Da war im Prinzip die Möglichkeit, sich auszumalen, wie denn die verschiedenen Wüsten, die verschiedenen Landschaften aussehen, in denen eben Karl Mays Abenteuer spielen. Das war eine sehr, sehr große und sehr verheißungsvolle Vorstellung gewesen. Das war die eine Seite, auf der anderen Seite ist es natürlich so, wenn Sie Literaturwissenschaften studieren, sich für Gesellschaftswissenschaften interessieren, so wie das in meinem Fall der Fall ist, dann kommen noch eine ganze Reihe weiterer utopischer Projekte hinzu. Ob das die Stadt Atlantis ist, ob das die Inkareiche waren, ob das im Prinzip die verschiedenen Goldländer waren, die im Lauf der Jahrhunderte gesucht wurden, zum Teil ja dann auch gefunden wurden, aber unter recht prekären Umständen – das ist ein weites, breites Feld, in dem eben, sagen wir, Einbildungskraft und Fantasie zum Zuge kommen.

Bürger: Atlantis und Avalon, Lummerland und Nimmerland, Utopia und die Schatzinsel – auffällig ist ja, dass es sehr oft Inseln sind, die als Schauplatz erfunden werden. Woran liegt das?

Nell: Da könnte man, glaube ich, jetzt von der Literaturwissenschaft aus das ganz gut begründen, indem man eben zeigen kann, dass von alters her, soweit wir überhaupt in irgendeiner Art und Weise Überlieferungen – sei es eben in den Mythen schon, sei es eben in der später aufgeschriebenen Literatur – haben, dass die Vorstellung einer Insel offensichtlich den Menschen in einer bestimmten Weise besonders anspricht. Also einerseits ist es eine umgrenzte Fläche, um die es geht, andererseits ist eben dadurch, dass eine Grenze gesetzt ist, auch die Möglichkeit da, dann etwas ganz Bestimmtes sozusagen zu realisieren, ob das eben der utopische Staat ist, also der best geordnete Staat, den man sich vorstellen kann, ob das das fruchtbarste Land ist, ob das – wie im Fall von Avalon – eine Insel ist, in der sozusagen Frieden herrscht, das sind Vorstellungen, die die Menschheit seit Alters her umgetrieben haben und die offensichtlich sozusagen in einer Art Einmachglas – und das ist dann in dem Sinne sozusagen eine Insel – in so einer Art Einmachglas am besten zu thematisieren und eben auch auszugestalten sind.

Bürger: Sie haben über 30 fiktive Orte aufgenommen in diesen Atlas. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Welcher Ort war es wert, aufgenommen zu werden und welcher nicht? Denn es gibt ja unendlich viele Fantasieorte.

Nell: Ja, nun, also wir haben das schon auch in Abstimmung eben mit der Redaktion gemacht. Ich hatte ganz am Anfang eine Liste – die besitze ich auch noch – mit etwa 100 möglichen Einträgen zusammengestellt. Wir sind nach der Weltliteratur vorgegangen, wir haben im Prinzip geschaut: Was bietet sozusagen der Buchmarkt auch aktuell an? Wir hatten den Blick geöffnet für das, was die Populärkultur zu bieten hat. Insoweit gibt es eben auch Entenhausen und Springfield aus der "Simpsons"-Serie, und in dieser Art und Weise ist eine Mischung zustande gekommen, von der wir nun geglaubt hatten, dass sie ein gewisses breites Publikum ansprechen würde und gleichzeitig eben auch bebildern könnte, wie facettenreich oder wie vielgestaltig auch das sein kann, was eben Einbildungskraft zu bieten hat.

Bürger: Welcher Schauplatz hat Sie am stärksten gefordert?

Nell: Mich persönlich haben am stärksten gefordert die Schauplätze von Tolkien, also "Der Herr der Ringe". Das sind doch zwei, drei Kapitel insgesamt diesem sehr umfangreichen und auch eben sehr viel gelesenen Buch gewidmet. Es hat mich aus zweierlei Gründen gefordert: Zum einen muss man sagen, ist Fantasy-Literatur nicht sozusagen von vornherein mein bevorzugtes Gebiet. Also meine Interessen liegen eigentlich eher in der frühen Neuzeit, in der – sagen wir – klassischen Tradition dessen, was die europäische Literatur zu bieten hat. Und da war das für mich sozusagen auch eine prekäre Sache, mich einfach auf diese Texte einzulassen. Das Zweite ist, Tolkien hat ja sehr, sehr präzise gearbeitet und hat eben ein ganzes Leben darauf verwendet, Sprachen, einzelne Wortableitungen, ganze Schauplätze, ganze Genealogien zusammenzustellen, und das hat eben auch in dem Sinne Präzision gefordert.

Bürger: Was wird denn den Autoren und Autorinnen, aber auch uns Leserinnen und Lesern an solchen fiktiven Orten möglich gemacht? Was können wir dort ausleben oder auch abarbeiten?

Nell: Na ja, in einer bestimmten Weise könnte man sagen, ist Literatur, überhaupt das weite Feld dessen, was Kultur bietet, eben auch ein Stück weit ein Feld für Gestaltung, für Kompensation, für die Bearbeitung von Ängsten, Erwartungen, aber auch eben von Glückshoffnungen oder auch Glückserfahrungen. In dieser Art und Weise sind dann eben diese besonderen Orte, die es eben nicht gibt – das ist ja sozusagen die deutsche Übersetzung dessen, was Utopia meint –, diese nicht vorhandenen Orte sind in einer bestimmten Art und Weise Projektionsflächen, in denen – in gewissem Sinne könnte man auch sagen, Spiegel –, das heißt also: Flächen, in denen wir uns erkennen können. Ob das immer Vergnügen macht, ist eine ganz andere Sache, denn selbstverständlich sind dann eben auch Besessenheiten, jede Menge Verwerfungen, die sozusagen mit dem Menschsein verbunden sind, auch darin zu spiegeln, aber zunächst einmal ist es offensichtlich so, dass wir eine Art begleitendes Korrektiv brauchen und ein Stück weit auch als lustvoll, vergnüglich, spannend empfinden, wenn wir uns eben auf solche Fantasiewelten einlassen, die ja gleichzeitig in einer bestimmten Weise etwas zurückspiegeln von dem, was wir offensichtlich auch sind.

Bürger: "Atlas der fiktiven Orte" heißt das Buch des Literaturwissenschaftlers Werner Nell, mit dem wir hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch sind über erfundene Schauplätze, die unser aller Fantasie anregen – und natürlich auch die Fantasie von Malern und Musikern, Filmemachern und Computerspiel-Designern. Die haben die fiktiven Schauplätze aus der Weltliteratur ja vielfach verarbeitet. Und auch diese Adaptionen fließen ein in Ihre Texte und werden zudem am Rand in separaten Listen aufgeführt. Welcher fiktive Ort hat denn die Künstler am häufigsten inspiriert?

Nell: Ich habe sie nicht ausgezählt, aber man wird sicher sagen können, dass die Vorstellung etwa vom Paradies eine uralte Vorstellung ist und gleichermaßen bis in die Gegenwart hinein also in verschiedensten – ich hatte ja eben die Verwerfungen angesprochen, das heißt also, der Massenmörder, der sozusagen das tut, weil er die Vorstellung hat, damit in irgendeiner Art und Weise sich einen Platz im Paradies zu erobern, hat auch eben eine Paradiesvorstellung. Und sicher kann man sagen, dass ein Großteil der Bebilderungen zum Paradies dann eben auch im Laufe der Kulturgeschichte immer wieder von Künstlern bedient worden sind. Auf der anderen Seite, wenn Sie jetzt die europäische Literatur, Malerei anschauen, dann spielt sicher beispielsweise auch das Schlaraffenland eine wichtige Rolle. Der Olymp, also der Sitz der Götter, bis hin zu den Kindern des Olymp, also diesem berühmten Film, ist ebenfalls sozusagen in einer bestimmten Weise immer eine sehr attraktive, auch dann eben satirisch oder ein Stück weit verfremdend darzustellende Größe gewesen.

Bürger: Jeder Ort bekommt in diesem Atlas ein eigenes Kapitel, alphabetisch geordnet und plastisch gemacht von dem Illustrator Steffen Hendel, mit dem Sie zusammengearbeitet haben, und er hat wirklich beeindruckende Karten gezeichnet, mit einem jeweils ganz eigenen Charakter. Das Schlaraffenland sieht aus wie der Magen-Darm-Trakt im Biologiebuch, die Sonnenstadt dagegen wie das mit dem Zirkelkasten angelegte Skizzenbuch eines Astronomen – wie ist er da herangegangen, wie eng haben Sie zusammengearbeitet?

Nell: Also, erstmal muss man sagen, ich bin sehr, sehr froh über diese Zusammenarbeit mit Herrn Hendel, weil die einfach auch dazu geführt hat, dass durch seine Zeichnungen, seine Illustrationen zu meinen Texten, mir auch noch mal ganz bestimmte Sinnstrukturen innerhalb dieser Texte klar geworden sind, die ich sozusagen ohne diese Rückkoppelung durch die Bilder vielleicht gar nicht so stark gesehen hätte.

Bürger: Zum Beispiel?

Nell: Beispielsweise eben diese Vorstellung vom Magen, also dieser anatomische Schnitt durch den menschlichen Leib. Hendel selbst kam bald auf die Idee, wenn es doch da im Schlaraffenland um Essen und Trinken geht, dann ist es doch ganz einfach naheliegend zu sagen: Da muss die Karte dieses Landes, das muss eben der menschliche Leib sein, mit dem entsprechenden Verdauungstrakt, mit dem Magen, mit der Speiseröhre, das sind dann sozusagen die Adern oder die Verkehrswege, die durch dieses Land zu ziehen sind. Und das hat er einfach – könnte man sagen – außerordentlich klug und auch innovativ gelöst, indem er eben sozusagen diese anatomische Karte zugrunde gelegt hat. Und ähnlich schön finde ich beispielsweise die Illustration zu dem Goldland, also zu Eldorado, wo Sie in der Mitte ein kleines Papierschiffchen sehen, und dann eine riesige, weite, leere Fläche, die eben diesen Ozean ausmacht. Das heißt also, die Gier nach Gold, die nun eben eine Stachel gewesen ist im Laufe der Jahrtausende, immer wieder und noch sehr, sehr dringlicher, schmerzhafter Stachel gewesen sein konnte. Diese Gier nach Gold führt dazu, dass also vom kleinsten Punkt aus eine unendliche Weite in den Blick genommen und sozusagen zur Bewältigung in Angriff genommen wird. Und das hat er, finde ich, also sehr, sehr schön gemacht.

Bürger: Welchen dieser fiktiven Orte, Herr Nell, würden Sie am liebsten in diesem Jahr 2012 besuchen?

Nell: Das Paradies ist immer empfehlenswert. Mir hat besonders gut gefallen diese Geschichte, die ich eben der jüdischen Mythologie entnommen habe, dass eben einer der berühmteren Wunderrabbis es geschafft hatte, schon vor seinem Tod ins Paradies zu kommen, eigentlich sollte er wieder aus dem Paradies verwiesen werden, aber Gott ließ eben Nachforschungen anstellen und es stellte sich heraus, dass dieser Rabbi noch nie irgendeines seiner Gelöbnisse verstoßen hatte, und nachdem er eben gelobt hatte, wenn ich einmal im Paradies bin, werde ich es auch nicht wieder verlassen, hat dann eben Gott zugestimmt und ließ ihn schon vor der Zeit innerhalb der Mauern des Paradieses. Das ist natürlich eine Einladung, sollte man sagen, die eigentlich für jeden attraktiv ist.

Bürger: Mit diesem Buch kann man mehrfach um die Welt und weit über sie hinaus reisen – bis ins Paradies. Der "Atlas der fiktiven Orte" von Werner Nell und Steffen Hendel, erschienen ist er in Meyers Lexikonverlag, 160 aufwendig gestaltete Seiten, Kosten: 29,95 Euro. Herr Nell, herzlichen Dank fürs Gespräch!

Nell: Ja, ich danke ebenfalls ganz, ganz herzlich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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