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Dienstag, 12.12.2017

Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.01.2016

Reihe Schöne PaareUtopoly: Interaktives Theater in Oldenburg

Von Michael Laages

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Das Oldenburgische Staatstheater ist das älteste Theater in Oldenburg. Im Hauptgebäude sind 540 Sitz- und 43 Stehplätzen bei Oper und Schauspiel und zusätzlichen 75 Sitzplätze bei Konzerten. Nach dem Umbau 1998 gibt es ebenfalls das Kleine Haus mit 350 Sitzplätzen. Außerdem verfügt das Staatstheater seit 2008 über noch 2 weitere Bühnen. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)
Das Oldenburgische Staatstheater ist das älteste Theater in Oldenburg. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)

Am Staatstheater in Oldenburg hat das Publikum die Hauptrolle übernommen. Die Theatergruppe "Fake to pretend" lädt zum Spiel "Utopoly" ein. Es soll der Gegenentwurf zu "Monopoly" und eine Vision für die Postwachstumsgesellschaft sein. Grundlage ist ein gemeinsames Forschungsprojekt von freier Szene, Staatstheater und der Uni in Oldenburg.

"Wir freuen uns ganz besonders, jetzt gleich mit Ihnen spielen zu können!"

"Es ist ja eine Art Casino. Der Zuschauer bekommt beim Eintritt auch einen Einsatz, den er dann klug nutzen muss – um zu investieren in Utopien!"

Das ist Daphne Ebner; sie gehört zur experimentellen Theatergruppe "Fake to pretend" – der Titel legt absichtsvolle Täuschungen nahe. Und "Utopoly" ist in der Tat beides: ein reales Spiel auf der Bühne, mit uns, dem Publikum, als Mitspielern, und zugleich die Vortäuschung verschiedener virtueller Wirklichkeiten, jenseits aller Realpolitik.

"Gemeinsam weniger erreichen"

"Es ist ja so oft von 'Alternativlosigkeit' die Rede; alles läuft nicht richtig gut, und es gibt viel Unzufriedenheit – aber es bleibt doch der einzig mögliche Weg. Das glauben wir nicht – und haben darum begonnen, Alternativen auszuprobieren, mit ihnen zu spielen. Und wenn das Publikum mitspielt, wird das Denken vielleicht auch flexibler in der Wirklichkeit außerhalb des Spiels."

"Postkollaps" – so heißt ein Schwerpunkt des Schauspiels am Oldenburger Staatstheater überschrieben - mit dem frechen Untertitel "Gemeinsam weniger erreichen". Im Zentrum steht das Nachdenken darüber, wie die Welt überleben kann fast viereinhalb Jahrzehnte nach den ersten Erkenntnissen über "Die Grenzen des Wachstums", veröffentlicht damals vom "Club of Rome". Partner für dieses Nachdenken ist naturgemäß die Wissenschaft geworden, wie sie gelehrt wird in Oldenburg.

Daphne Ebner ist ja auch Dramaturgin in Oldenburg, und in Uni-Seminaren wurde gedankliche und szenische Vorarbeit fürs Theater geleistet.

"Es sind gleich drei Studiengänge, die da mitwirken: der Wirtschaftsstudiengang (der in Oldenburger sehr konzentriert ist auf Post-Wachstums-Strategien!), und dann zwei Studiengänge, die sich um Vermittlung und Verständlichkeit für's Publikum bemühen – 'materielle Kultutur: Textil' und 'Kulturanalysen'..."

Haselnüsse, Joker und Ereigniskarten

"Ja, dann haben zwei Mitglieder von 'Fake to pretend', Simone Niehoff und Benno Heisel, in Seminaren drei Utopien vorgestellt: die 'Postwachstumsgesellschaft', die 'Charter Cities' (Modellstädte für die Dritte Welt) und 'Seasteads', das sind schwimmende Inseln für's Überleben der Menschheit. 'Fake to pretend' hat Orientierung gestiftet, aber die Studierenden selber haben die Spiele dazu entwickelt – zehn Köpfe mit am Start, das multipliziert Phantasie und Kreativität!"

Die Objekte dieser Kreativität sind nun also wir, das Publikum, Versuchskaninchen allesamt; besser: Eichhörnchen – denn unser Spielgeld, mit dem wir das Casino betreten, sind schlichte Haselnüsse. Sie sind unser Einsatz, und wir müssen fleißig investieren, wenn wir uns (wie der Autor) für die Spiel-Utopie der "Postwachstumsgesellschaft" entscheiden – und dann tatsächlich eine Art "Monopoly" spielen, mit Würfeln und Ereigniskarten:

"Sie wollen mit der Freundin verreisen, aber das Auto ist kaputt ... im Billig-Flieger geht's schneller, aber mit dem Zug wär's umweltfreundlicher. Geben Sie eine Nuss ab für den Zug und rücken ein Feld vor, oder zwei für den Flieger mit zwei Feldern vor!"

Joker in Spielkartenform gibt's auch; die Studierenden (die als Spielleiter durch die eigenen Kreationen führen) stellen sie vor. Naturnah, aber schwierig sind die Aufgaben.

"Wenn Sie mir aus drei Dosen mit drei Gerüchen den Thymian heraus riechen können, gibt's auch eine Nuss!"

Wir können aber auch richtig wichtige Entscheidungen treffen und bekommen Nüsse dafür.

Die vierte Utopie

"Glückwunsch! Gemeinsam mit den Bewohnerinnen Ihrer Stadt setzen Sie durch, dass leer stehende Gebäude für Flüchtlinge genutzt werden können – dafür gibt's eine Nuss!"

Und wenn wir alles richtig richtig gemacht haben, werden wir durch kollektives Selbstbewusstsein belohnt.

"Die Krise kommt! ... Wir sind auf sie vorbereitet. ... Unser Leben ist Avantgarde. ... Weniger ist mehr!"

Damit's aber nicht zu gemütlich wird, lanciert ein Schauspieler eine vierte Utopie – gegen fertige Ideologien setzt die auf jedes einzelne Individuum. 

"Ich will Euch eine neue Utopie kreieren. Bei mir gibt's keine Vorgaben. Ihr habt doch Ideen ..."

"In einem Moment des Abends gibt's tatsächlich die Möglichkeit, eine ganz neue Utopie zu erfinden. Ob das passiert, hängt ab vom Wahnsinn des Publikum – aber auf den hoffen wir ja, sonst würden wir das Projekt gar nicht machen!"

Denn wie ernst die Lage sei, so Daphne Ebner, gerate gerade durch die Oldenburger Schauspieler derweil nie in Vergessenheit.

"Es gibt ja auch die Glücksfee, die eine 'Doomsday Clock' bedient, eine Weltuntergangs-Uhr, die die Stunden herunter zählt. Wenn sie bei Null ankommt, enden alle Spiele – und die Welt draußen."

Sehr laut geht's zu in diesem Theater-Casino; nicht nur der lärmenden Musik wegen. Alle, also wir, reden ja ständig mit- und durcheinander – am Schluss streiten wir sogar gegeneinander. Denn eine Utopie muss ja siegen. Und jeder will die meisten Nüsse horten ... Ein bisschen wirr wird's am Ende; aber in vielen Momenten weist das Spiel im Theater mit dessen Mitteln durchaus über sich selber hinaus. Noch einmal Daphne Ebner:

"Gerade die Wissenschaft gibt sich ja große Mühe, aus dem Elfenbeinturm heraus zu kommen und eine neue Rolle zu übernehmen in der öffentlichen Debatte; und das will das Theater ja auch. Insofern haben wir da sicher genau die richtigen Partner gefunden."

So könnte Oldenburg Schule machen: Hochschule sogar.


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