Donnerstag, 24.05.2018
 

Vollbild | Beitrag vom 07.04.2018

Regisseurinnen von "Die Nacht der Nächte""Wir haben uns in unsere Paare verliebt"

Yasemin und Nasrin Samdereli im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Die Regisseurinnen Yasemin (l) und Nesrin Samdereli bei der Premiere des Kinofilms "Die Nacht der Nächte" im Filmtheater am Friedrichshain am 4.4.2018 in Berlin (imago / Future Image)
Yasemin (l) und Nesrin Samdereli bei der Premiere von "Die Nacht der Nächte" in Berlin (imago / Future Image)

Der Dokumentarfilm "Die Nacht der Nächte" porträtiert vier Paare, die schon 50 Jahre zusammenleben. Sie wollten ältere Menschen erzählen lassen, wie die Bedingungen für Zweisamkeit früher waren, sagen die Regisseurinnen Yasemin und Nasrin Samdereli.

Patrick Wellinski: Der moderne Mann und die moderne Frau sind bindungsunfähig. Beziehungen halten kaum länger als ein paar Jahre. Auf jede Hochzeit kommen zwei Scheidungen. So klingen einige Zeitdiagnosen, die in den letzten Jahren auch, aber nicht nur, im Feuilleton erschienen sind. Da wirkt die Dokumentation "Die Nacht der Nächte" wie ein filmischer Einspruch.

Die Regisseurinnen Yasemin und Nasrin Samdereli, bekannt geworden durch die Tragikomödie "Almanya – Willkommen in Deutschland", stellen darin vier Paare vor, die 50 Jahre lang zusammen leben. Seit Donnerstag ist dieser Blick in die Funktionsweisen einer Partnerschaft im Kino zu sehen, und ich konnte mit den Regisseurinnen vor der Sendung sprechen und habe sie eingangs gefragt, ob der Film denn für sie eine Suche nach dem perfekten Rezept für eine ideale Partnerschaft war.

"Warum trennen wir uns vielleicht jetzt mehr und häufiger"

Yasemin Samdereli: Nein, nein! Doch, doch! Genau das haben wir gesucht, genau. Ich glaube, das Lustige daran ist, dass es natürlich wie so oft im Leben kein Rezept für alle gibt. Das kann es ja auch nicht geben, weil natürlich, so platt es klingt, einfach da immer zwei unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Aber wir haben viele Dinge erleben dürfen, erzählt bekommen, die wahnsinnig rührend, spannend, lustig sind, und, ich glaube, die auch ein Stück weit dazu führen, dass man über sich selber reflektiert.

Also nicht, weil man dann sagt, ach guck mal, die haben es hinbekommen, sondern mehr, weil man sich eben fragt, was ist da ähnlich. Aber eben natürlich ist heutzutage schon auch die Frage zumindest, warum trennen wir uns vielleicht jetzt mehr und häufiger und was für Gründe könnte es haben. Das muss auch nicht schlecht sein, also ich meine, da hat ja auch viel Positives stattgefunden. Wir wollen auch auf keinen Fall den Film so verstanden wissen, als ob wir sagen würden, das ist die einzig richtige Form. Darum ging es gar nicht.

Wellinski: War denn die Grundidee für den Film auch eine sehr persönliche, dass Sie etwas erfahren wollten über, wie man eben 50 Jahre lang zusammen sein kann?

"Man hat immer den Eindruck, dass diese Menschen sich eigentlich kaum kannten"

Nasrin Samdereli: Nein, eigentlich war das gar nicht der Ansatz. Der Ansatz war eher, ältere Menschen erzählen zu lassen oder von ihnen zu hören, wie es überhaupt damals war, zu Beziehungen, also in eine Ehe zu kommen, weil das ganz andere Prämissen waren. Ich glaube, für uns war vor allem spannend die Voraussetzung, man kennt sich kaum, heiratet, ob jetzt arrangiert oder nicht, aber man hat ja selten irgendwie, dass man zwei Jahre zusammen gewohnt hat oder irgendwie, also wie es heute üblich ist, sondern das ging ja irgendwie anders vonstatten.

Man hat immer den Eindruck, dass diese Menschen sich eigentlich kaum kannten und dann plötzlich Eheleute waren und dann mit der Aussicht irgendwie, das müssen sie jetzt ein Leben lang hinkriegen. Und ich glaube, das fanden wir so kurios, dass wir einfach wirklich hören wollten, wie war denn das, also wie ist das, wenn man den Partner gar nicht kennt und dann ist plötzlich die Hochzeit und dann soll man in ein Schlafzimmer – man hatte wahrscheinlich noch nicht mal Ahnung irgendwie, was jetzt genau da passieren soll –, und dann sitzt man da oder steht oder tut was auch immer.

Das hatten wir eben von unserer Oma so ein bisschen erzählt bekommen, die so was Ähnliches erlebt hatte. Also in der Generation war das durchaus gang und gäbe, auch noch später. Und das war halt kurios, das war der Ansatz, nicht zu sagen, ach, guck mal, die Alten konnten das noch, wir nicht, aber einfach wirklich so zu merken, wow, das waren so andere Voraussetzungen, das ist echt spannend. Es ist auf jeden Fall interessant, Menschen reden zu hören, die so gestartet sind.

Wellinski: Jetzt hätten Sie natürlich Paare aus Berlin, München, Hamburg und Köln suchen können, Sie haben aber Paare aus Indien, Japan, Amerika und Deutschland gefunden – vier Länder, vier ganz unterschiedliche Kulturen. Warum gerade diese Länder, warum gerade diese Paare?

"Ein bisschen vom Glück leiten lassen"

Yasemin Samdereli: Wir haben jetzt nicht gesagt, das müssen die und die und die Länder sein. Wir haben uns da, wie so oft im Leben, einfach auch ein bisschen vom Glück oder von den Umständen leiten lassen. Das heißt, unser Koproduzent, der Arne Birkenstock, der ein erfahrener Dokumentarfilmmacher ist, der hatte sehr gute Connections zu einigen der Länder, und da wussten wir, okay, da haben wir vielleicht Journalisten, die schon über das Thema mal recherchiert haben, und dann haben wir einfach geguckt, wo passiert was.

Und dann haben wir die Paare getroffen, und es war dann wirklich auch so ein bisschen sich ineinander verlieben. Also wir haben uns dann auch in unsere Paare verliebt und wussten dann, ja, mit denen wollen wir diesen Film machen.

Wellinski: Sie lassen diese Paare auch wirklich erzählen von damals, wie es war, als sie sich kennengelernt haben, wie sie dann geheiratet haben. Da fällt schon auf, dass das gar nicht so leicht war, nicht nur mit dem Flirten, auch mit dem Zusammenkommen, alle mussten sich sehr anstrengen, um überhaupt zum Paar zu werden und zu heiraten. Das indische Paar zum Beispiel, das musste sogar das Kastensystem durchbrechen, das ist ein harter Kampf, zusammenzukommen, oder?

"Das ist natürlich fantastisch mit anzuhören"

Nasrin Samdereli: Ja, ja, aber ich glaube, das war auch für sie wie so ein … das hat ja auch ganz eng zusammengeschweißt. Sie waren ja sowieso total verliebt ineinander, hatten zusammen studiert, also die sind sich wirklich auf so einer mentalen Ebene sehr nahegekommen und haben sich eben verliebt, und dann kam plötzlich die bittere Erkenntnis, dass das damals eben nicht einfach so ging.

Die Eltern, also beide Familien hatten größte Einwände dagegen, der Mann musste sogar sein komplettes Erbe abtreten. Der hat notariell beglaubigen müssen, weil er kam aus einer wohlhabenderen Familie, dass er eben auch sein Erbe nicht mehr will, und die haben beide mit ihren Familien brechen müssen, aber haben es füreinander gemacht und haben es auch, glaube ich, nie bereut. Das merkt man den beiden auch an, die sind immer noch so verliebt und durchaus auch stolz.

Ich glaube, die sind auch stolz auf das, was sie sich getraut haben und geleistet haben. Das ist natürlich fantastisch mit anzuhören, auch wenn die erzählen, wie er dann versucht, am ersten Abend im Kino ihr näherzukommen und sie eben wirklich voller … also absolut in Panik ist. Das war ja vor 60 Jahren, und da war nichts mit, hier, komm, lass uns Händchen halten oder andere Sachen, das ging gar nicht. Und das ist wirklich sehr, sehr lustig, ihnen zuzuhören.

Wellinski: Waren Sie eigentlich überrascht, wie offen diese Paare auch über Probleme in der Ehe mit Ihnen gesprochen haben, weil ich glaube, das ist eher selten, dass wenn man 50 Jahre zusammen ist, dass man dann mit jemandem so spricht, wie war das eigentlich damals, was waren unsere Probleme. Ich hatte bei einigen Paaren das Gefühl, dass sie auch zum ersten Mal in Gegenwart des anderen darüber sprechen, wie problematisch das war. Hat Sie diese Nähe überrascht?

"Das ist jetzt die letzte Möglichkeit – vielleicht - Dinge zu sagen"

Nasrin Samdereli: Ja, doch, ich glaube schon, weil das ist nicht etwas, was man wirklich absehen konnte. Man merkte natürlich bei manchen Paaren mehr die Bereitschaft zu erzählen und auch, dass sie sich schneller locker machen konnten vor der Kamera, aber ganz vieles von dem, was dann tatsächlich erst beim Dreh gesagt wurde, war auch vorher kein Thema. Insofern waren das viele, viele Überraschungen.

Und ich glaube, ganz viel von diesem ganz ehrlichen Interesse an ihnen kam auch rüber. Und dann ist wahrscheinlich auch so der Moment, wo man dann zumindest, da sie ja auch ein gewisses Alter haben, vielleicht war auch dieses, okay, wir sind jetzt so alt, das ist jetzt die letzte Möglichkeit - vielleicht - Dinge zu sagen, und das haben die dann irgendwie so ergriffen auch.

Wellinski: Eines der Paare ist in gewisser Hinsicht anders, Norman und Bill aus Amerika, sie sind nämlich noch nicht 50 Jahre verheiratet gewesen, weil es eben erst seit Kurzem erlaubt ist, dass gleichgeschlechtliche Paare in Amerika heiraten dürfen. War das auch ein Grund, wieso es Ihnen wichtig war, auch ein gleichgeschlechtliches Paar in dem Dokumentarfilm aufzunehmen?

"Das ging dann eben so weit, dass sie sich adoptieren mussten"

Yasemin Samdereli: Ja, absolut, weil ich glaube, man muss auch wirklich aufpassen, dass man das so verklärt, so nach dem Motto, ja, Mann und Frau, und man kommt zusammen und so soll das sein, man bleibt ein Leben lang zusammen. So war das überhaupt nicht gemeint, sondern wir wollten wirklich uns angucken, wie ist das, wenn Menschen, eben zwei Menschen, 50 Jahre zusammen sind.

Und da war das irgendwann mal klar, dass es ganz toll wäre, auch ein gleichgeschlechtliches Paar zu finden, und das gibt's natürlich eben auch. Also ich glaube, das ist auch das Schöne, dass wir es geschafft haben, auch Paare zu finden, die auch wirklich alle irgendwie überraschen, die alle Dinge zu erzählen haben, wo man merkt, das ist nicht 'old fashioned', sondern es hat auch ganz viel mit dem Hier und Jetzt zu tun.

Und Bill und Norman, die eben vor jetzt wahrscheinlich 54 Jahren sich kennenlernten, sich ineinander verliebten, aber in einer Welt leben mussten, die ihre Liebe überhaupt nicht akzeptierte … Das ging ja dann so weit, die beiden hatten ja ein halbes Jahrhundert miteinander gelebt, hatten sich ein Haus gekauft, und dann kamen sie an den Punkt, wo es darum geht, wie sichern wir eigentlich den anderen ab, also was passiert, wenn ich ins Krankenhaus komme oder wenn ich sterbe, was ist mit unserem gemeinsamen Haus, wie ist da die Rechtslage.

Und das ging dann eben so weit, dass die sich adoptieren mussten, um eine Grundlage zu schaffen, einen Rechtsschutz zu schaffen. Und dann aber, als dann plötzlich die gleichgeschlechtliche Ehe vom Supreme Court eingeführt wurde, da standen die vor einem Riesenproblem, die waren nämlich offiziell Vater und Sohn und konnten erst mal nicht heiraten. Und dann kam schon das nächste tolle Abenteuer, weil es musste erst mal diese Adoption annulliert werden.

Wellinski: Hat sich denn bei Ihnen beiden durch diese Dreharbeiten vielleicht Ihre Vorstellung oder Ihr Bild von Ehe und Liebe verändert?

"Natürlich muss man sich dann fragen, warum sind wir noch zusammen"

Yasemin Samdereli: Meine schon. Es war erstaunlich und gut zu sehen, dass wenn man sagt, man will lange zusammen bleiben, dass die schwierigen Phasen dazugehören, dass man nicht auf Wolke sieben bleiben kann und dass die Schmetterlinge nun mal weg sind und dass das gut ist. Es ist zwar schwer, und natürlich muss man dann sich fragen, warum sind wir noch zusammen und können wir irgendwo etwas finden, was uns weiterbringt, wo wir uns weiterentwickeln als Mensch, weil man bleibt eben nicht gleich.

Wellinski: Also Liebe ist die ersten zwei Jahre und der Rest ist Arbeit, wenn überhaupt in dieser Reihenfolge.

Yasemin Samdereli: Verliebtsein ist die ersten zwei Jahre, und danach kommt Arbeit, aber da kann auch etwas sehr Komplexes wie Liebe … Und Liebe ist wirklich nicht Verliebtsein.

Wellinski: Seit Donnerstag im Kino "Die Nacht der Nächte" von den Regisseurinnen Yasemin und Nesrin Samdereli. Vielen Dank fürs Kommen!

Yasemin und Nasrin Samdereli: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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