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Vollbild | Beitrag vom 01.10.2016

Regisseur Kai Wessel über "Nebel im August"Ein Nazi-Film ohne rote Fahnen und Hakenkreuze

Kai Wessel im Gespräch mit Susanne Burg

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Filmpremiere von "Nebel im August" (imago stock&people)
Filmpremiere von "Nebel im August" in München mit Regisseur Kai Wessel (M. hinten) (imago stock&people)

Kai Wessel hat mit "Nebel im August" einen Film über NS-Euthanasie gedreht. Dabei wollte er die Vorgänge in der Nervenheilanstalt so authentisch und wahrhaftig wie möglich erzählen. Wichtig war ihm auch, den Nazis keinen NSDAP-Stempel auf die Stirn geben, erzählt er im Interview.

Susanne Burg: Es war ein Thema, das in der deutschen Gesellschaft lange verschwiegen wurde: Euthanasie während der NS-Zeit. Erst seit Ende der 70er-Jahre haben Historiker und Psychiater Euthanasie erforscht und das Ausmaß des Euthanasieprogramms zutage gebracht. 200.000 wurden während der Nazizeit in den deutschen Nervenkliniken ermordet.

Seit Donnerstag ist "Nebel im August" in den Kinos, ein Film, der stellvertretend ein bisschen das Schicksal eines 13-jährigen Jungen erzählt, von Ernst Lossa. Ernst Lossa wurde 1940 wegen Unerziehbarkeit in Erziehungsheime gesteckt. Insassen im Heim Kaufbeuren, in dem Lossa ist, werden getötet, und Klinikleiter Doktor Veithausen, gespielt von Sebastian Koch, verschweigt das nicht der Oberschwester Sophia gegenüber, gespielt von Fritzi Haberlandt.

Kai Wessel ist jetzt hier im Studio. Guten Tag!

Kai Wessel: Guten Tag!

Burg: 2008 erschien der Tatsachenroman "Nebel im August" von Robert Domes, der Produzent Ulrich Limmer hat sich dann die Rechte gesichert und das Projekt auf den Weg gebracht. Wie haben Sie sich als Regisseur diese Geschichte erschlossen und sich ihr dann auch angenähert?

Wessel: Das war gar nicht so einfach, weil als Ulrich Limmer mich anrief und fragte, ob ich mich für dieses Thema interessieren könnte, bin ich erst mal natürlich zurückgeschreckt, weil das ist ja sozusagen der filmische Doppelgau, der Massenmord und dann noch mit Kinderfachabteilung. Da dachte ich, oh Gott, wie soll das gehen, und natürlich hatte ich von Euthanasie gehört, aber es war ein bisschen blumiger, wolkiger Begriff, und als ich dann zuerst das Drehbuch gelesen habe, dachte ich aber, ja klar, das ist eine Geschichte, die muss unbedingt erzählt werden, denn wahrscheinlich wissen viele andere, wie ich auch, gar nicht genau, was unter diesem Begriff geschah.

Der Heimleiter wirkt fast milde

Burg: Sie erzählen die Geschichte ja aus der Perspektive von Ernst Lossa, ein 13-jähriger Junge, habe ich schon erwähnt, der weiß ja am Anfang gar nicht, in was für einem Heim er da ist. Der Heimleiter wirkt irgendwie fast mild, fast sanftmütig, der Krieg draußen, wirkt erst mal weit weg, zwei Jungs sitzen auf dem Dach und sagen, ach, schau mal, die Bomben, die die Briten abwerfen, wie schön, wie bunt, weil es alles sehr, sehr weit weg ist. Fast eine dreiviertel Stunde lang wirkt im Film alles sehr harmlos. Warum haben Sie sich für diese Dramaturgie entschieden?

Wessel: Mir war wichtig, so eine Nervenheilanstalt so authentisch und wahrhaftig wie möglich zu erzählen, Behinderung nicht auszustellen und aber auch nicht zu beschönigen. Jeder Mensch, der in diesem Film vorkommt, ob gut oder schlecht oder böse oder behindert oder nicht behindert, sollte die gleiche, erst mal zumindest, die gleiche Wertigkeit und Würde bekommen, und das würde sich dann … in diesem Film auch sortiert sich das natürlich ein bisschen durch, aber wir wollten nicht schwarz-weiß zeichnen. Wir wollten den Nazis keinen NSDAP-Stempel auf die Stirn geben. In diesem Mikrokosmos Nervenheilanstalt, was ja wirklich auch eine autarke Welt war, in diesem Mikrokosmos sollte erst mal alles gleichbehandelt werden, und natürlich, wie gesagt, der Film sortiert das dann irgendwie schon durch.

Burg: Es bleibt ja ganz eng bei den Kindern. Der historische Kontext, den liefern die Erwachsenen mit, der Heimleiter zum Beispiel. Der sagt an einer Stelle, dass Berlin das zentrale Euthanasieprogramm gestoppt hat. Das war im August 1941, und stattdessen waren nun die einzelnen Anstalten zuständig für die Tötung. Ich hatte den Eindruck, dass auch dieser Zeitpunkt auch ein bisschen den Tonfall des Filmes verändert, dass er so fast was Krimihaftes bekommt.

Wessel: Das mag sein. Natürlich verschärft sich der Druck auf das Heim, wenn gesagt wird, ihr begeht die Tötung jetzt sozusagen in-house. Da wird der Druck natürlich größer, und der Druck wird personalisiert durch Doktor Veithausen, also durch den Heimleiter. Für den Heimleiter selbst ist das natürlich auch eine gewisse Chance. Wir haben ja versucht, diesen Heimleiter, der ist Eugeniker – Eugenik ist nichts, was von den Nazis erfunden wurde, das gab es schon weit vorher, und die Nazis haben dieses Denken abgeschöpft, weil das absolut in ihre Grundhaltung fiel –, und Doktor Veithausen hält sich für einen guten Wissenschaftler. Man muss die Dinge manchmal von innen denken: Für ihn ist das nur eine logische Schlussfolgerung, weil er kennt seine Patienten am besten, so gut wie kein anderer Arzt, und für ihn und das System geht es darum, zu trennen, diejenigen, die er noch heilen kann, denen er noch helfen kann, von denen, die er nicht mehr heilen kann, die er nicht mehr erreichen kann. Das ist für ihn eine ehrenvolle wissenschaftliche Aufgabe.

Burg: Eine ehrenhafte Aufgabe aus der Innensicht dieses Heimleiters, dieses Eugenikers. Tatsache aber war, er hat beschlossen, wer getötet werden soll, er war verantwortlich für den Mord an Kindern, und er hat auch die Perversion des Systems mit vorangetrieben, indem er Ärzten, die mitgeholfen haben beim Töten, mehr Geld bezahlt hat. Welche Rolle sollte im Film die Frage der Schuld spielen?

"Zu einfach, zu sagen, die waren alle krank"

Wessel: Die spielt natürlich eine ganz entscheidende Rolle. Die Frage nach der Schuld und auch wie kann sowas passieren, und wie kommen Menschen dazu, so zu denken, aber wenn wir über das Dritte Reich nachdenken, und jetzt bleiben wir mal bei diesem Film, also bei dieser Nervenheilanstalt, dann ist es eben nicht so einfach, immer zu sagen, okay, da ist jetzt so eine Kiste, und dort ist dieser Stempel drauf Drittes Reich, und die Geschichten oder die Menschen, die da gehandelt haben oder gedacht haben, waren alle durchweg böse oder von irgendeiner Art Virus durchtrieben, und ich glaube, das ist auch ganz wichtig, dass wir uns das immer wieder klarmachen. Denn wenn wir aus der Geschichte irgendwelche Lehren ziehen wollen, dann ist es eben zu einfach, zu sagen, die waren alle krank oder das deutsche Bildungsbürgertum hat komplett versagt. Die haben da auch mitgemacht.

Das sind ja immer wieder auch Fragen, vor denen wir heutzutage auch stehen, wenn wir zum Beispiel über Sterbehilfe reden, da ist eben auch diese Grenze sehr schwer zu ziehen. Also Sterbehilfe ist was ganz anderes, klar, weil Sterbehilfe ist freiwillig, und hier handelt es sich um Mord, dennoch, was der Veithausen eben versucht, ist, die Grenze zu ziehen zwischen lebenswert oder nicht mehr lebenswert. Kann ich noch helfen, kann ich nicht mehr helfen. Darüber wird er ja auch quasi verrückt oder fällt in einen Wahn. Der ist ja am Ende des Films auch nicht mehr Herr seiner Sinne.

Burg: Im Zentrum steht eben Ernst Lossa, der erst mal ahnt, dass da irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht und dann schließlich es rausbekommt und dann versucht, seinen Freunden da zu helfen, und er wird nachher selber umgebracht. Wie schwierig war es, den richtigen Tonfall zu finden zwischen auf der einen Seite einer sehr, sehr tragischen Geschichte, aber gleichzeitig ja auch einer sehr heldenhaften Geschichte?

Wessel: Das ist sehr schwierig, weil – das ist eine gute Frage – natürlich erzählen wir eine Geschichte, und wir hören immer gerne Geschichten, und wir haben einen narrativen Film, und wir haben eine Dramaturgie, und man will aber natürlich keine Klischees bemühen, und dennoch ist eine Heldengeschichte immer auch leicht klischeehaft belastet. Wir haben versucht, uns Mühe zu geben, Ernst Lossa nicht zu sehr zu glorifizieren. Also wir wissen schon sehr wohl, und erzählen es ja auch, dass der ganz gerne klaut, dass der was Rebellisches hat, der ist nicht so leicht einzufangen, der junge Kerl. Das war mir sehr wichtig, dass der eben auch so anstoßen kann oder auch heutzutage anecken würde, keine Frage, und auf der anderen Seite will man natürlich auch zeigen am Ende, dass man natürlich mit diesem völlig ungerechtfertigten Tod dieses Jungen auch mitleidet.

Burg: Ernst Lossa wird gespielt von Ivo Pietzcker, der schon in Edward Bergers Film "Jack" die Hauptrolle gespielt hat. Ernst Lossa ist ja eine sehr, sehr schwere Rolle, auch emotional für eine 13-jährigen Jungen. Wie haben Sie sichergestellt, dass er das psychisch alles verarbeitet?

Wessel: Ivo hatte schon bei "Jack" bewiesen, dass er schwierige Rollen über so eine lange Strecke durchaus meistern kann, und dann gibt es natürlich, bevor man sich entscheidet, diverse Gespräche mit ihm, auch vielleicht gab es mit seinen Eltern … eben auch, wie die dazu stehen. Dazu gibt es natürlich eine Kinderbetreuung. Es gab durchgehend bei unserem Film eine Kinderbetreuung, eine erfahrene Betreuerin, die auch Kinder coacht, und sie bereitet die Kinder vor emotional, A, auf das Ganze, B, auf jeden Tag, sie arbeitet die Tage nach hinterher, dass da nichts Blödes hängenbleibt, macht Rollenspiele mit denen, und dazu hatten wir dann eben auch noch mal eine Psychologin am Set, die auch ansprechbar war. Allerdings haben die Eltern die Psychologin eigentlich viel mehr gebraucht als die Kinder.

Viele Fragestellungen gelten noch heute

Burg: Sie haben vorhin von Klischees gesprochen, dass Sie Klischees vermeiden wollten. Es gibt ja gerade bei Filmen, die in der Nazizeit spielen, fast eine ganze Ästhetik, die man sehr gewohnt ist, wie zum Beispiel Hakenkreuze, SS-Uniformen – all das fehlt bei Ihnen. Warum?

Wessel: Na ja, weil das ist ja immer so eine Teilwahrheit. Ich bin am Anfang ja auch ein bisschen darauf reingefallen, dachte, beim ersten Nazi-Film brauche ich diese großen roten Fahnen, das muss man so machen. Die hingen natürlich in öffentlichen Gebäuden, das ist klar, und hatten auch eine große Präsenz, aber ansonsten wurde geflaggt eigentlich nur zu Feiertagen und zu großen politischen Anlässen. Es war ja nicht so, dass immer überall geflaggt wurde. Wenn wir diese Flaggen alle hängen in diese Nervenheilanstalt, dann haben wir wieder so einen klassischen Fall, da ist ein Film aus dem Dritten Reich mit diesen Flaggen, und das war eine schlimme Zeit, aber Gott sei Dank haben wir das überwunden.

Das ist ja Gott sei Dank auch so, dennoch: Viele Fragestellungen, die in diesem Film zumindest in der Zeit angerissen wurden, die müssen wir uns eigentlich heute auch immer noch stellen und tun das ja zum Teil. Angesprochen Sterbehilfe, klar, aber pränatale Diagnostik ist ein Punkt. Mittlerweile sind wir soweit, dass wir 90 Prozent aller Down-Syndrom-Kinder gar nicht erst zur Welt kommen lassen. Da mache ich niemandem einen Vorwurf, aber als Gesellschaft muss man sich dann schon fragen: Wie weit sind wir denn eigentlich, wie weit wollen wir denn eigentlich das Nichtnormale in unserem Leben haben oder wollen wir das komplett ausgrenzen? Es ist ja nicht so, dass wir ganz toll mit behinderten Menschen durchmischt sind und uns immer freuen, wenn wir die sehen.

Burg: All diese Fragen stellt der Film "Nebel im August", der läuft seit Donnerstag in den Kinos. Regie geführt hat Kai Wessel. Vielen Dank, dass Sie hier im Studio waren!

Wessel: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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