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Weltzeit | Beitrag vom 07.05.2018

Reformland Saudi-ArabienWarum der Prinz die Frauen braucht

Moderation: Katja Bigalke und Andre Zantow

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In Dschiddah hat der erste Autosalon nur für Frauen eröffnet (afp/amer hilabi)
In Dschiddah, Saudi-Arbien, hat im Januar 2018 der erste Autosalon nur für Frauen eröffnet. (afp/amer hilabi)

Ab Juni dürfen Frauen hinter das Steuer - die bisher medienwirksamste Veränderung in Saudi-Arabien durch Kronprinz Mohammed bin Salman. Mit mehr weiblicher Teilhabe will der Reformer die Macht des Königshauses absichern.

Im Juni 2017 ernannte König Salman von Saudi-Arabien seinen Sohn Mohammed zum Kronprinzen. Seitdem hat der 32-Jährige viele Reformen im Wüstenstaat eingeleitet. Erstmals spüren die 32 Millionen Einwohner der erzkonservativen Monarchie eine Öffnung ihres Landes: Es gibt Modenschauen, Kinovorstellungen, Rockkonzerte und ab Juni dürfen Frauen Auto fahren - alles Teil der "Vision 2030". Welcher gesellschaftliche und ökonomische Druck diese Veränderungen ausgelöst hat und wo die Schattenseiten bleiben, hören Sie im Audio.

Der Weltzeit-Podcast liefert Ihnen jede Woche seltene Einblicke in andere Länder. Hören Sie rein, wo es Fortschritte, Konflikte und Einzigartiges auf der Welt gibt.

"Der Kronpinz ist für mich wie Atatürk"

Arafat Almajed, 42, lebt im Osten Saudi-Arabiens, arbeitet dort als Fernsehmoderatorin und war vor 15 Jahren die erste Frau auf dieser Position in ihrer Region. Kronprinz Mohammed bin Salman ist für sie ein großer Reformer:

Der saudische Kronprinz Salman bei einem internationalen Treffen in New York im März 2018. (imago)Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman spricht dem Staat Israel ein Existenzrecht zu. (imago)

"Ich liebe ihn, ich schätze seine Gedanken, seine Vision. Er lässt Menschen ihr Leben leben. Wir können nun entscheiden, ob wir in die Moschee gehen oder in die Oper. Dieser Kronprinz wird in Zukunft König sein. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit auch für meine Kinder, dass sie in einem stabilen und guten Land leben. Für mich ist er ein bisschen wie Atatürk. Als der damals in die Türkei kam, war das noch das Osmanische Reich, in dem die Religion dominierte. Das wurde zerstört und ich denke, das ist was in Saudi-Arabien passiert. Er ist unser Atatürk. Er ändert das Leben zum Besseren. Wir hatten vorher nur den Respekt für eine Religion, obwohl hier so viele Menschen mit einem anderen Glauben leben. Das muss respektiert werden. Bin Salman modernisiert das Land und setzt auf Bildung und Erneuerung und das ist, was wir wollen. Er wird das Land in eine sichere und wohlhabende Zukunft führen."

Staatsbankrott für Saudi-Arabien durch Megaprojekte?

Jamal Khashoggi, bekannter Kolumnist, lange Chefredakteur der progressiven saudischen Zeitung "al-Watan" und nun im selbstgewählten Exil in den USA. Nur dort könne er frei sprechen und schreiben. Er bezeichnet den Wandel in Saudi-Arabien als überfällige "Normalisierung", kritisiert aber die fehlende Meinungsfreiheit.

Über Kronprinz Mohammed bin Salman dürfe man nicht negativ in saudischen Zeitungen berichten:

"Zum Beispiel über seine Megaprojekte wie der Hightech-Standort 'Neom' dürfte ich nicht sprechen. Ich glaube, die könnten Saudi-Arabien zum Staatsbankrott führen. Er sollte stattdessen mehr auf den Zustand der jetzigen Städte schauen. 80 Prozent von meiner Stadt Dschidda ist ohne Abwasseraufbereitung. Bevor wir neue futuristische Städte bauen, die eine halbe Billion Dollar kosten, lasst uns das reparieren, was wir haben. Das kann ich nicht offen aussprechen oder darüber schreiben in einer saudischen Zeitung. Auch das Einsperren und Einschüchtern von saudischen Intellektuellen ist nicht gesund für das Land – auch darüber darf ich nicht schreiben. Sonst würde ich auch wie sie im Gefängnis landen."

Ensaf Haidar, die Frau des in Saudi Arabien inhaftierten Bloggers Raif Badawi. (picture alliance / dpa / Salvatore Di Nolfi)Ensaf Haidar, die Frau des in Saudi-Arabien inhaftierten Bloggers Raif Badawi. (picture alliance / dpa / Salvatore Di Nolfi)

Das ist keine Schwarzmalerei: 2012 wurde der saudische Blogger Raif Badawi zu zehn Jahren Gefängnis und 1000 Peitschenhieben verurteilt, weil er eine Diskussionsplattform für liberale Saudis im Internet betrieb, auf der über Politik und Religion offen gesprochen wurde.

Mode und Musik statt Öl

Für ausländische Journalisten ist es einfacher geworden in den vergangenen Monaten aus Saudi-Arabien zu berichten.

Unser Korrespondent Björn Blaschke hat nun ein 180-Tage-Visum, fliegt regelmäßig hin. Er beobachtet, wie das Land neue Wirtschaftsbereiche erschließen will - für die Zeit nach dem Öl. Dazu zählt die Kultur- und Unterhaltungsindustrie (Rockkonzerte, Opernhäuser, Museen) und auch erste Modenschauen:

"Die Öffnung Saudi Arabiens – die Erleichterungen für Frauen - sind Teil eines Programms, mit dem Kronprinz Mohammed bin Salman die Gesellschaft umkrempeln will: Wirtschaftlich und gesellschaftlich bis zum Jahr 2030. Ziel dieser Vision 2030, dieser Modernisierung, ist auch, den Frauenanteil auf dem Arbeitsmarkt von derzeit 22 Prozent auf mehr als 30 Prozent zu steigern. Und dabei ist Mode gesellschaftlich wie wirtschaftlich ein wichtiger Faktor. Und der Modemarkt ist groß: Saudische Mode kann im Land getragen-, aber auch exportiert werden – in die große arabische Welt und für Interessenten darüber hinaus."

Besucherinnen eines Konzerts des ägyptischen Popstars Tamer Hosny in Jeddah im Westen Saudi-Arabiens. (AFP/ Amer Hilabi)Besucherinnen eines Konzerts des ägyptischen Popstars Tamer Hosny in Jeddah im Westen Saudi-Arabiens. (AFP/ Amer Hilabi)

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