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Interview | Beitrag vom 14.07.2017

Rechtsrockfestival in Thüringen"Ich finde es gut, dass es Gegenveranstaltungen gibt"

Jan Raabe im Gespräch mit Christine Watty

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Eine Hand hält am 04.03.2009 im Polizeipräsidium in Stuttgart eine CD mit rechtsextremem Material in der Hand, die mit anderen Tonträgern bei Durchsuchungen sichergestellt wurde (picture-alliance/ dpa / Norbert Försterling)
Rechtsradikale Musik ist für Neonazi-Gruppen ein wichtiger Faktor, um Anhänger zu rekrutieren und Geld zu verdienen (picture-alliance/ dpa / Norbert Försterling)

Auf Protest stößt ein Rechtsrockfestival am Wochenende in Thüringen. Der Experte Jan Raabe warnt davor, dass solche Veranstaltungen neue Anhänger anziehen und vor allem Geld in die Kasse der Rechtsextremen spülen.

Schon vor dem Rechtsrockfestival im thüringischen Themar gab es rege Debatten um die Veranstaltung, die schließlich vor Gericht landete. Anders als in anderen Bundesländern steigt die Zahl solcher Konzerte in Thüringen, sagt Jan Raabe im Deutschlandfunk Kultur. Er ist Referent beim Verein Argumente und Kultur gegen Rechts, der sich mit Fragen der Musik- und Jugendkultur im Zusammenhang mit Rechtsextremismus beschäftigt und warnt vor solchen Festivals und ihren Effekten. 

Gegendemonstrationen sind wichtig 

"Das ist einerseits, innerhalb der Szene die Bindungen zu stärken, Vergemeinschaftung, also das Erlebnis, eine Menge zu sein, das Erlebnis, viele zu sein, das Erlebnis oder die Imagination von Stärke und Macht nach innen hin, in die Szene hinein", sagte Raabe. Die Rechtsradikalen können auf diese Weise wie eine mächtige Bewegung erscheinen.

"Das Zweite ist tatsächlich, das sind öffentlich beworbene politische Kundgebungen, die im Gegensatz zu Untergrundkonzerten auch für Personen, die noch nicht stark an die Szene gebunden sind, erreichbar sind, die somit Zugang zu dieser Szene haben." Außerdem gehe es um sehr viel Geld, denn auf diese Weise könne über die Konzert einiges erwirtschaftet werden. Es sei deshalb wichtig, dass es zu Gegendemonstrationen komme und die Konzerte nicht protestlos stattfinden könnten.


Das Interview im Wortlaut:

Christine Watty: In Themar in Thüringen findet am Wochenende ein Rechtsrockfestival statt, das schon im Vorfeld für einige Aufregung gesorgt hatte, die bis vor die Gerichte führte. Es ging darum, den Charakter des Festivals festzustellen und über mögliche Auflagen zu entscheiden. Das Oberverwaltungsgericht hat jetzt befunden, es gehe hier um eine Meinungskundgabe zwecks Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung, also im Rahmen dieses Rechtsrockfestivals. Welche Bedeutung haben solche Musikfestivals, wenn es darum geht, auch neue Anhänger der rechtsextremen Szene anzulocken? Darüber spreche ich mit Jan Raabe. Er ist Referent beim Verein Argumente und Kultur gegen Rechts, der sich mit Fragen der Musik- und Jugendkultur im Zusammenhang mit Rechtsextremismus beschäftigt. Schönen guten Morgen, Jan Raabe!

Jan Raabe: Guten Morgen!

Watty: Sie haben festgestellt, dass die Zahl der Neonazi-Konzerte in Deutschland allgemein zurückgeht oder stagniert, aber in Thüringen tatsächlich ansteigt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Raabe: Da gibt es verschiedene Einflussfaktoren. Einerseits gibt es in Thüringen eine ganze Reihe sehr etablierter und erfahrender Akteure, die so was organisieren können, also Personen wie Tommy Frenck, der hinter dem Konzert am Wochenende steht, jemand wie Thorsten Heise, also Personen, die schon seit 15, 20 Jahren in der Szene verankert sind, die ein hohes Ansehen in der Szene haben, und denen auch zugetraut wird, große Veranstaltungen wirklich zu realisieren, so dass die, die kommen, Spaß und Freude an diesen Veranstaltungen haben und die auch tatsächlich stattfinden.

Ein zweiter Faktor ist, es gibt eine Reihe von Immobilien in Thüringen, die von der neonazistischen Szene genutzt werden können, Gaststätten, die im Besitz von Aktivisten der Szene sind oder auch, die angemietet werden können und in denen regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, und natürlich auch die zentrale Lage, also Thüringen im grünen Herzen Deutschland. Das heißt, für ein Festival mit mehreren tausend Teilnehmern ist das ein guter Ort, um von überall angefahren zu werden.

Gefährlicher Zugang

Watty: Es wird auch Gegenveranstaltungen geben, das muss man an dieser Stelle auch erwähnen. Welche Bedeutung hat so ein Festival am Wochenende für die Szene, also einerseits, um sich zu versammeln, dient es, aber auch dazu, neue Leute in die rechtsextreme Szene zu locken?

Raabe: Zu locken würde ich nicht sagen. Aber um natürlich Personen zu integrieren. Diese Festivals haben meines Erachtens drei große Zwecke. Das ist einerseits, innerhalb der Szene die Bindungen zu stärken, Vergemeinschaftung, also das Erlebnis, eine Menge zu sein, das Erlebnis, viele zu sein, das Erlebnis oder die Imagination von Stärke und Macht nach innen hin, in die Szene hinein – wir sind so viele, wir können viel bewegen, wir sind eine mächtige Bewegung.

Das Zweite ist tatsächlich, das sind öffentlich beworbene politische Kundgebungen, die im Gegensatz zu Untergrundkonzerten auch für Personen, die noch nicht stark an die Szene gebunden sind, erreichbar sind, die somit Zugang zu dieser Szene haben. Also der Zugang zur Szene ist auch einer der Zwecke der Festivals. Und natürlich auch: Es geht es hier um Geld, also auch das Geldverdienen für die Szene ist Zweck dieser Festivals und dieser Konzerte.

Watty: Auf diesen Konzerten werden Songs vorgetragen, natürlich, Musik als Lockmittel hat ja immer schon funktioniert an dieser Stelle, es gibt immer wieder die Geschichten von rechtsextremen CDs, die verteilt werden auf Schulhöfen. Wie sieht es eigentlich aus mit dem Inhalt dieser Titel? Hat die rechtsextreme Szene das im Griff in Anführungsstrichen, dass sie so formuliert sind, dass sie eben nicht verboten werden können, sondern vielleicht eben genau auf so eine subtilere Art und Weise ihre politische Botschaft verbreiten?

Raabe: Seit den 90er-Jahren, in denen die überwiegende Anzahl der Lieder dieses Spektrums offene Mordaufrufe oder volksverhetzende Inhalte hatten, sind die Texte inzwischen oftmals geschliffen. Es gibt da Fachanwältinnen und Fachanwälte, die das prüfen, um quasi die Ebene von Strafbarkeit herauszufinden, um die Ebene von Jugendgefährdung, die eine Indizierung von Tonträgern zur Folge haben könnte, auszuloten. "Im Griff" würde ich nicht sagen, weil natürlich das Formulieren offener Vernichtungsfantasien für diese Szene – ja, das ist ihr Inhalt, und das passiert immer wieder, und das passiert eigentlich auch in allen Kontexten, wenn Sie glauben, dass sie in diesem Moment nicht beobachtet werden.

Protest als wichtiges Zeichen

Watty: In Themar sind am Wochenende Gegenveranstaltungen geplant, die habe ich vorhin schon erwähnt. Reicht das als Gegenbewegung oder muss es eine Art des anderen politischen Einschreitens gegen solche Festivals geben?

Raabe: Ich finde es gut, dass es Gegenveranstaltungen gibt. Ich finde es wichtig, dass den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, aber auch der Öffentlichkeit gezeigt wird, dass so eine Veranstaltung nicht protestlos hingenommen wird. Das ist ein ganz wichtiges Zeichen. Ich denke aber, dass es, um wirksam gegen diese Festivals vorgehen zu können, es tatsächlich ein Einschreiten oder Maßnahmen auf mehreren Ebenen bedarf. Da ist nicht nur die Zivilgesellschaft, da sind auch die Strafverfolgungsbehörden, da ist die Polizei, da sind die Ordnungsbehörden, und da ist natürlich auch Politik gefragt.

Watty: Danke schön an Jan Raabe, Referent beim Verein Argumente und Kultur gegen Rechts. Wir haben gesprochen über das Rechtsrockfestival, das  am Wochenende in Themar in Thüringen stattfinden wird, und über die Rolle von Musik in der rechtsextremen Szene.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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