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Im Gespräch | Beitrag vom 17.01.2018

Rechtsanwalt Reiner GeulenMit dem Klosterarchiv gegen das Kernkraftwerk

Moderation: Klaus Pokatzky

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Der Rechtsanwalt Reiner Geulen (imago / Thomas Koehler)
Der Rechtsanwalt Reiner Geulen (imago / Thomas Koehler)

Ein Fund im Archiv des Klosters Maria Laach half Reiner Geulen, ein Atomkraftwerk in der Eifel zu verhindern. Der Rechtsanwalt vertrat auch Brandenburgs Bombodrom-Gegner erfolgreich vor Gericht. Und auch mit 75 Jahren hört er nicht auf, sich zu engagieren.

Der "Bürokratenschreck"? – Nein, das sei er heute nicht mehr, sagt Reiner Geulen. Dabei hatte sich der auf Verwaltungsrecht spezialisierte Anwalt diesen Ruf seit den 1970er-Jahren redlich erarbeitet: In Großverfahren hatte er fragwürdige Autobahnabschnitte verhindert und den Bau mehrerer Kohlekraftwerke, er hat gegen die Bundeswehr ebenso prozessiert wie gegen die Atomindustrie.

Prozessvorbereitung im Klosterarchiv

So unterstützte er jahrzehntelang die Gegner eines Atomendlagers in Gorleben und half, ein geplantes Atomkraftwerk in der erdbebengefährdeten Eifel zu verhindern.

"Ich bin dort in das Kloster Maria Laach gegangen und habe dort in den Bibliotheken nachgeforscht, von was für Erdbeben noch berichtet worden ist, und das hatten in der Tat nur die Klöster seit dem Mittelalter, weil damals niemand schreiben und lesen konnte. Und in den Klosterarchiven haben wir gefunden, dass insbesondere im Jahr 1365 ein sehr schwerwiegendes Erdbeben in dieser Region stattgefunden hat. Das war letztlich auch der entscheidende Punkt dafür, dass wir diesen Prozess gewonnen haben."

Schon als Kind galt Reiner Geulen als widerständiger Geist und wurde von der Schule verwiesen. Auch als Philosophiestudent machte sich der gebürtige Rheinländer bei seinem Freiburger Uni-Rektor unbeliebt, weil er dessen Nazivergangenheit veröffentlichte.

Und als Jurastudent in Berlin geriet er später geradewegs ins Zentrum der 68er-Bewegung . Schließlich war er der erste Jurist, der zeitweise mit einem Berufsverbot belegt wurde.

Berufsverbot und dann Schily-Sozius

"Es ging um eine scharfe und äußerst scharfe Kritik an der Justiz. Es gab zum Beispiel das schöne Wort von Ernst Bloch, das ist mir unter die Nase gerieben worden: 'Das Auge des Gesetzes sitzt im Gesicht der herrschenden Klasse.' Ja, ein klassischer marxistischer Satz, wunderbar, aber das ist natürlich nicht verfassungstreu, wenn man einen solchen Satz sagt. Ein Philosoph darf das, aber ein angehender Jurist nicht."

Eine Beamtenlaufbahn hätte ihn sowieso nicht interessiert. Als Rechtsanwalt wurde der Einserjurist aber schließlich zugelassen und stieg als Sozius bei Otto Schily ein, an dessen Seite er unter anderem Mitglieder der RAF verteidigte.

Auch mit beinahe 75 Jahren lassen sich keine Pläne für einen baldigen Ruhestand des umtriebigen Juristen erkennen. So flog er wegen des GAUs in Fukushima nach Japan, um dort Rechtsanwälte zu schulen oder reiste nach Laos, um Betroffene der Spätfolgen des Vietnam-Krieges zu unterstützen.

"Der Vietnamkrieg ist für mich bis heute mehr als nur eine Metapher für das Verhältnis der ersten Welt zur dritten Welt oder der USA zu dieser. In Laos ist es so, dass der Vietnamkrieg dort gar nicht erklärt wurde. Das Land war immer neutral, aber die Amerikaner haben es für richtig gefunden, dort mit ihren B52 mehr Bomben abzuwerfen als die Alliierten auf Deutschland geworfen haben im Zweiten Weltkrieg.

Ja, und jetzt sind sie dann weg und sie sind jetzt woanders mit ihren Bomben, aber die Leute sitzen da und das hat mich sehr interessiert zu sehen, was sie da machen. Die machen nämlich eine Beseitigung der kontaminierten Äcker und Felder, weil sie sonst dort nicht arbeiten können. Und die Perspektive ist, dass sie dafür dort noch ungefähr 350 Jahre brauchen."

Rotwein ohne Realitätsverweigerung

Heute vertritt Reiner Geulen unter anderem den Berliner Senat in den leidigen Fragen der Flughafensituation in der Hauptstadt. Reiner Geulens Lebensprinzip ist es, Pessimist zu sein und sich trotzdem des Lebens zu freuen.

"Meine Vorstellung ist sehr wohl, dass sich die Menschheit an einem Ende befindet. Der Satz 'Die Hoffnung stirbt zuletzt', das ist nichts, was ich teile. Und dann sind die Philosophen nicht Kant und Hegel, sondern das wäre vielleicht eher Nietzsche, der gefunden hat, dass man Realitäten ansehen muss und nicht Ideen und auch darüber hinaus gefunden hat, dass Lebensfreuden im Leben was sehr wichtiges sind.

Mein kleiner Tipp am frühen Morgen fürs Autoradio: sich die Realitäten anzusehen, sich auf die Katastrophen der Menschheit in Zukunft vorzubereiten, Nietzsche zu lesen und sich abends den Rotwein schmecken zu lassen."

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