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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.04.2016

Recherche zu #PanamaPapersSo arbeitet man mit elf Millionen Dokumenten

Bastian Obermayer im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier  (Foto: Stephanie Füssenich/Verlag Kiepenheuer & Witsch/dpa)
"SZ"-Redakteur Bastian Obermayer (links) mit seinem Kollegen Frederik Obermaier (Foto: Stephanie Füssenich/Verlag Kiepenheuer & Witsch/dpa)

Bastian Obermayer ist einer der verantwortlichen SZ-Redakteure für "Panama Leaks". Wenig Schlaf, viel auf Reisen - sein gesamtes letztes Jahr drehte sich nur um die Enthüllungen. Im Interview berichtet er, wie man mit einem Datenwust von 2,6 Terabyte arbeitet und warum darin noch einige Überraschungen stecken könnten.

Dieter Kassel: Wenn rund 400 Journalisten in 80 Ländern an einer gemeinsamen Sache arbeiten, dann klingt das erst mal nach ziemlich viel Personal. Wenn es aber um 2,6 Terabyte an Daten geht, um 11,5 Millionen Dokumente, dann relativiert sich das schnell. Es war eine Mammutaufgabe, die sogenannten Panama-Paper auszuwerten und zu veröffentlichen, und zwei Redakteure der "Süddeutschen Zeitung" waren ziemlich entscheidend für die Bewältigung dieser Arbeit, weil sie den Kontakt zur anonymen Quelle dieser Daten hatten und gehalten haben, sich aber auch schnell entschieden, das alles nicht alleine zu machen.

Über ihre Arbeit und die ihrer Kollegen berichten die beiden in einem Buch, das morgen erscheint. Frederik Obermaier und Bastian Obermayer heißen sie. Übrigens, um das endgültig zu klären, überhaupt nicht verwandt. Man schreibt die Namen auch unterschiedlich. Mit einem der beiden, mit Bastian Obermayer nämlich, wollen wir jetzt sprechen. Schönen guten Morgen!

Bastian Obermayer: Guten Morgen!

Kassel: Nachdem damals Ihr Informant das erste Mal Kontakt zu Ihnen aufgenommen hat, wie lange hat es gedauert, bis Sie wirklich begriffen haben, was Sie da in die Hände kriegen?

Obermayer: Das hat schon so ein paar Wochen gedauert. Der Erstkontakt war interessant, die Daten fand ich spannend, aber ich dachte, das ist möglicherweise eine Geschichte, die man irgendwann macht, vielleicht mit einem Partner international, weil da kein deutscher Bezug war anfangs.

"Uns war total klar, dass wir das nicht allein schaffen"

Kassel: Und dann war Ihnen irgendwann klar, das könnte wirklich nicht einer der, sondern der vielleicht größte journalistische Erfolg der "Süddeutschen Zeitung" überhaupt werden, und trotzdem haben Sie sich relativ schnell entschlossen, wir machen das aber gar nicht alleine, sondern im internationalen Verbund. Warum?

Obermayer: Es war zum einen wahnsinnig viel, dass uns total klar war, dass wir das nicht schaffen alleine. Das andere war, wir haben so viele internationale Geschichten gefunden, so viele Links und Verbindungen zu irgendwelchen Skandalen in Afrika oder in Südamerika, dass wir dachten, wenn wir das alles aufschreiben wollen, dann werden die uns was erzählen, weil das den deutschen Leser nicht so richtig interessiert. Dort aber in diesen Ländern interessiert es die Leute wahnsinnig. Wir wollten nicht, dass die Geschichten nicht erzählt werden.

Kassel: Es geht bei den Panama-Papers um Verbindungen zu ziemlich vielen sehr mächtigen Menschen, denen diese Informationen sicherlich schaden. Hatten Sie auch Sorgen, wenn Sie das zu zweit machen oder auch im "SZ"-Team mit drei, vier Leuten, dass vielleicht man dann nicht stark genug ist, dass zu viel Druck ausgeübt werden könnte?

Obermayer: Ja, das hat auch eine Rolle gespielt. Es ist schon ganz gut zu wissen, dass man den "Guardian" oder die "BBC" an seiner Seite hat. Dazu ist es auch gut zu wissen, dass dieses riesige Material nicht nur bei uns liegt, sondern dass es auch bei vielen anderen Journalisten liegt und so auch die Gefahr nicht so groß ist, dass jemand sagt, er will das jetzt beenden und genau weiß, wo er hingehen muss.

Kassel: Wie ist denn das logistisch abgelaufen? Ich meine, jetzt sagen Sie, klar, wir haben den Leuten, die sich in einer bestimmten Region auskennen, die richtigen Daten gegeben. Das stelle ich mir aber gar nicht so einfach vor bei elf Millionen Dokumenten.

Jeder hatte Zugang zu allen Daten

Obermayer: Nein, so war es auch nicht, sondern die wurden alle hochgeladen auf einen verschlüsselten Server, und jeder im Projekt konnte darauf zugreifen. Das heißt, jeder hatte Zugang zu allen Daten, und in diesen Daten, das ist dann wie Google, das wird indexiert, und das wird verschlagwortet, und danach kann man da drin suchen. Dann gibt man Namen ein wie, keine Ahnung, Bayern München, und schaut, was man findet.

Kassel: Das heißt, Sie mussten zunächst mal sich selber sozusagen im ersten Schritt überlegen, wen könnten wir da finden, um dann zu gucken, ob er drin ist. Umgekehrt funktioniert es quasi nicht.

Obermayer: Genau. Das ist das Nervige bei dieser Art der Recherche. Wir haben ganz lange Listen gemacht, wir haben quasi das Personal der BRD versucht irgendwie zu sortieren nach Managern und nach Politikern, nach wichtigen Menschen anderer Sorte, weil wir natürlich die Mächtigen der Republik durchschauen wollten, und dann haben wir diese langen Listen reinlaufen lassen mit einem speziellen Programm, und dann bekommt man die Ergebnisse wieder, die nicht ganz sauber und direkt sind, das muss man dann noch mal durchkämmen. So kommt man Schritt für Schritt zu den Fällen, die wir dann hatten.

Kassel: Das klingt aber theoretisch für mich so, das soll jetzt ungefähr zwei Wochen dauern, an dem wir fast jeden Tag was Neues erfahren, aber für mich klingt das auch so, als könnte es theoretisch sein, dass da tatsächlich noch was übersehen wurde, dass wir vielleicht in drei, vier Monaten noch was merken.

Wahnsinnig viel Resonanz

Obermayer: Wir haben da ganz, ganz sicher nicht alles gefunden. Allein schon deswegen, weil die ganzen 80er-Jahre nicht wirklich gut digitalisiert wurden in dieser Panamaschen Kanzlei. Das heißt, da liegen irgendwo Faxe rum mit handschriftlichen Anmerkungen, die wir gar nicht finden können digital. Das heißt, wenn wir wirklich sicher sein wollten, dass wir jede einzelne Geschichte finden, müssten wir alle 214.000 Ordner, die wir haben, durchkämmen, händisch öffnen und jedes Dokument anschauen. Das wiederum geht in einer einzigen Lebenszeit schlecht.

Kassel: Wobei Sie noch relativ jung sind und Ihr Kollege auch! Sie haben, kurz bevor das veröffentlicht wurde, gesagt, Sie seien jetzt sehr gespannt, wie Ihre Leser – also es wissen viel mehr Leute, aber bleiben wir bei den Lesern der "Süddeutschen" an dieser Stelle mal –, wie Ihre Leser darauf reagieren. Zwei Tage konnten die jetzt schon reagieren. Wie sind die Reaktionen ausgefallen?

Obermayer: Ich bin ganz froh, dass die Leser das gut finden. Wir kriegen wahnsinnig viel Resonanz, die sagen, genau deswegen wollen wir die "SZ" haben, und wir finden toll, dass ihr euch so viel Zeit und Ruhe nehmt. Es ist auch nicht normal, dass man in einer Zeitung sagen könnte, seinem Chefredakteur, wir sind jetzt mal weg für ein Jahr und der nicht sagt, ihr spinnt. Das ist, glaube ich, was heutzutage auch die "SZ" auszeichnet, dass sie sich sowas noch leistet.

Kassel: Was hat das eigentlich alles für Sie persönlich bedeutet? Haben Sie in diesem Jahr den Glauben an die Menschheit verloren?

Obermayer: Nein, es ist nicht so, dass es total überraschend ist, dass Diktatoren Geld verstecken und Waffenschieber, Drogenschmuggler und so weiter. Für mich war es eher wenig Schlaf, viel reisen, auch ein sehr spannendes Jahr natürlich.

Kassel: Ich versuche jetzt zu sagen, gute Nacht, aber ich sage vielleicht einfach vielen Dank, und das nicht nur für das Gespräch! Dankeschön!

Obermayer: Danke Ihnen!

Kassel: Bastian Obermayer war das, der zusammen mit Frederik Obermaier bei der "Süddeutschen Zeitung" dafür verantwortlich war, die Panama-Papers auszuwerten, und über ihre eigene Arbeit berichten die beiden auch in einem Buch, das morgen im Verlag Kiepenheuer und Witsch erscheint, und über dieses Buch werden wir mit dem Verleger Helge Malchow auch reden nach 10 Uhr in unserer Sendung "Lesart".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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