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Kompressor | Beitrag vom 02.07.2015

Raus ins GrüneEvent-Agenturen vermarkten die Picknick-Kultur

Von Nora Hoffbauer

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Zwei junge Frauen picknicken in Hamburg an der Alster. 
Zwei junge Frauen picknicken in Hamburg an der Alster.

Schon seit mehr als zwei Jahrhunderten erfreuen sich Picknicks großer Beliebtheit und immer stand vor allem eins im Vordergrund: der Müßigang. Heute mutiert das Picknicken zum Event: Agenturen bieten vom einfachen Picknickkorb bis hin zum Helikopter-Ausflug alles an.

Ob Berlin, Leipzig oder Köln – die Parkanlagen sind voll. Den Städter treibt es raus: Nicht nur zum Sport Treiben oder Sonnen, sondern vor allem auch zum Essen.

"Es wird in der Stadtforschung teilweise von der Mediterranisierung der Innenstädte gesprochen, also das ist in Deutschland sehr nachvollziehbar, dass sich in den letzten 20 Jahren ein sehr starker Trend dahin entwickelt hat, den öffentlichen Raum zu nutzen in Form von Cafés, aber auch einfach draußen Picknicken, zusammenkommen und Zeit miteinander zu verbringen."

Dr. Martin Schwegmann, Stadtforscher am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung der Berliner Humbolt-Universität:

"Es ist sicherlich auch eine Auswirkung einer gewissen Erwartung ans Leben, neue Ideen von Work-Life-Balance und auch neue Arten des Arbeitens, also es gibt nicht mehr diesen klassischen nine to five job, oder jedenfalls zunehmend weniger, gerade in den Städten, wo sich eben differenzierte Arbeitsformen rausbilden. Und von daher gibt’s eben den Drang ins Grüne auch nachzugehen."

Hinaus ins Grüne

Dieser Drang hinaus ins Grüne ist nichts Neues. Gepicknickt wurde schon im 18. Jahrhundert. Entlehnt aus dem französischen "pique nique" – eine Kleinigkeit auf picken, bedeutete es damals vor allem noch: ein gemeinschaftlicher Schmaus, zu dem jeder seinen Anteil gab. In England und Frankreich zog es den Adel nach draußen, aus den überfüllten, schmutzigen Städten. Theodor Fontane beschreibt 1854 in "Ein Sommer in London“ solch ein herrschaftliches Picknick:

"Eine prächtige, nach allen Seiten hin von Weidengebüsch umgrenzte Wiese war wie geschaffen für ein lustig verschwiegenes Diner und eh eine Viertelstunde um war, breitete sich auf dem Rasen vor unsern bewundernden Augen eine wohlgedeckte Tafel aus. Reizend stach das weiße Leinen von dem saftigen Grün des Rasens ab, aber reizender noch schimmerte die gelbe Kruste einer kolossalen Hühnerpastete. An den vier Zipfeln des Tischtuchs schimmerten (…) die geschliffenen, portweingefüllten Karaffen (..) am linken und rechten Flügel der Riesenpastete aber lagen (...) zwei Königskuchen, deren kleine Rosinen zahllos wie die Sterne am Himmel lachten. So war das Mahl; drum herum aber, auf den umgestürzten Kisten und Körben, saßen sieben lachende Menschen und dankten in kindlicher Fröhlichkeit dem Geber aller Dinge."

Das Picknick stillte nicht nur die Sehnsucht nach Freiheit, sondern auch die Lust nach ungezwungen verbrachter Zeit miteinander. Beim Picknicken konnten Mann und Frau auf einmal locker nebeneinander sitzen. Nach dem Essen gab es keine Rückzugsorte und erste, zaghafte Flirts waren möglich.

Eine Freiheit, die sich auch in der Kunst wiederspiegelte: Zahlreiche Gemälde aus dieser Zeit, zum Beispiel von James Tissot zeigen ein zwangloses Miteinander von Mann und Frau. "Frühstück im Grünen“ von Edouard Manet, zeigt die Damen sogar nackt picknickend.

Ab den 20er Jahren erlebt das Picknicken eine Hochblüte. Immer mehr Familien fahren am Wochenende raus, die Sommerfrische genießen. In dem Song "Teddy bears picnic" vom britischen Musiker Henry Hall aus dem Jahr 1932 picknicken sogar die Teddybären.

Eine gedeckte Tafel auf einem Demeter-Bauernhof in Hirschfelde (Brandenburg), 2012 (picture alliance / dpa / ZB / Patrick Pleul )Eine gedeckte Tafel (picture alliance / dpa / ZB / Patrick Pleul )

Betreutes Picknicken

Heute ist das Picknicken ein Event. Ganz ohne Komfortverlust bekommt der moderne Mensch jeden Wunsch erfüllt. Immer mehr Profis sorgen dafür, dass beim Müßiggang nichts schief geht. Lena Wenckebach hat einen Picknickkorb-Verleih am Tempelhofer Feld in Berlin:

"So, die Decke haben wir im Korb, das ist ein Korb für zwei Personen, also zwei Teller. Das Essen kommt ja aus Einweggläschen … und dann das Besteck inklusiv der Servietten."

"Wie wichtig ist denn die Ästhetik beim Picknicken?"

"Also mir persönlich ist sie sehr wichtig. Ich finde, wenn man sich das schon mal gönnt und sich die Mühe macht, rauszugehen und schön zu essen, dann finde ich das schon wichtig, dass sie dabei ist."

Wer sich bei Lena einen Picknickkorb leiht, bekommt alles, was sein Herz begehrt: Lesestoff und Spielzeug, Porzellanteller, farblich abgestimmte Servietten, Decken, Kissen und individuell kreiertes Essen.

Andere Agenturen bieten sogar Fahrräder oder die Planung des Heiratsantrags mit an. Manch eine sogar einen Helikopterflug. Grenzen gibt’s nicht. Die unstillbare Vergnügungssucht kann auch beim Picknicken befriedigt werden – solange der Kunde zahlen kann: Da ist 30 Euro für einen Picknickkorb für zwei Personen noch billig.

Die gewisse Erdung

Lena Wenckebach hört im Bezug auf ihren Picknickkorb-Verleih das Wort Kommerz nicht gerne, sie helfe bloß, Zeit zu sparen und das Picknickerlebnis so schön wie möglich zu machen:

"Ich glaube, dass wenn man dem Boden so nahe ist, dann sagt man ja auch, das hat eine gewissen Erdung und das könnte ich mir vorstellen, dass die Leute das genießen und auch einfach draußen zu sein, dass das simple Setup eines Picknicks das Essen uns Trinken etwas genussvoller macht."

Genießen ohne vorher in der Küche stehen zu müssen – vielleicht bedeutet so ein Picknickkorb-Verleih auch ein Stück Emanzipation. Dabei braucht's zum Picknicken nicht viel. Es reicht eine Decke, ein paar Stullen und ein ruhiger Ort!

Mehr zum Thema:

115. Deutscher Wandertag - Von der Schnitzeljagd zum "Geocaching"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 17.06.2015)

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